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"Wir wünschen uns Zugang zur Synagoge"

Lange war von der Jüdischen Gemeinde Görlitz nichts zu hören. Jetzt spendet sie Geld für den Davidstern, der wieder auf die Kuppel der Synagoge kommen soll.

Alex Jacobowitz mit einer Torarolle aus Leipzig vor der Synagoge in Görlitz.
Alex Jacobowitz mit einer Torarolle aus Leipzig vor der Synagoge in Görlitz. © Paul Glaser

Heute, da die Synagoge in der Görlitzer Otto-Müller-Straße vollständig saniert ist und in wenigen Wochen als Kulturforum eröffnet wird, sind die Ideen fast vergessen, die vor gut 15 Jahren im Raum standen. Damals, 2005, hatte die Jüdin Mira Gelehrter den Verein "Jüdische Gemeinde Görlitz" gegründet. Bald war der jüdische Kaufmann Avi Goldreich in der Stadt, der ankündigte, das Gebäude kaufen und aus privaten Mitteln modernisieren zu wollen. Etwas später, 2008, kam der Musiker Alex Jacobowitz nach Görlitz, angefragt von Mira Gelehrter, ob er der Kantor der Synagoge sein wolle.

Heute ist von diesen dreien nur noch Alex Jacobowitz mit der Stadt verbunden, als Mitglied des Förderkreises Görlitzer Synagoge und als Vorsitzender des damals gegründeten Vereins Jüdische Gemeinde Görlitz. Von diesem Verein war lange nichts zu hören.

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Die Stadt Görlitz hat die frühere Synagoge aufwendig sanieren lassen.
Die Stadt Görlitz hat die frühere Synagoge aufwendig sanieren lassen. © Martin Schneider

Doch vor einigen Tagen brachte Alex Jacobowitz die Jüdische Gemeinde Görlitz wieder ins Gespräch, als er ankündigte, sie wolle der Stadt Görlitz 10.000 Euro spenden, damit der 1938 zerstörte Davidstern wieder auf die Kuppel gesetzt werden könne. Der Görlitzer Stadtrat beschloss vergangenen Donnerstag, den Stern mithilfe von Drittmitteln wiederherstellen und auf der Synagoge installieren zu lassen.

Die unbekannte Jüdische Gemeinde Görlitz

Wer aber ist die Jüdische Gemeinde Görlitz, die zunächst ein Siebtel der für die Wiederherstellung des Sterns notwendigen 70.000 Euro spenden möchte? Wo tritt sie in Erscheinung? Und was hofft sie für jüdische Aktivitäten im Kulturforum Görlitzer Synagoge?

"Wir möchten einfach, dass der Davidstern wieder auf die Synagoge kommt", sagt Alex Jacobowitz. Und wenn die Stadt Görlitz dessen Installierung mit Spendengeldern finanzieren wolle, bringe sich die Gemeinde gern ein. "Wenn wir die Chance dazu haben, nutzen wir sie." Mit "wir" meint Jacobowitz eine Gruppe von über 20 Menschen in Görlitz, Zgorzelec und Umgebung, die er nicht genauer benennen möchte. Er selbst übernehme zurzeit nach wie vor die Funktion des Kantors, aber auch des Rabbis der kleinen Gemeinde.

Alex Jacobowitz ist Vorsitzender und Kantor der Jüdischen Gemeinde Görlitz. 2017 spielte er für Schüler, da war die Synagoge noch "bespielte Baustelle".
Alex Jacobowitz ist Vorsitzender und Kantor der Jüdischen Gemeinde Görlitz. 2017 spielte er für Schüler, da war die Synagoge noch "bespielte Baustelle". © Pawel Sosnowski/Archiv

Östlich der Neiße leben laut Jacobowitz noch Juden, deren Eltern oder Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpolen vertrieben und nach Niederschlesien umgesiedelt wurden. Weitere Juden in Görlitz und Umgebung wollten nicht unbedingt in der Öffentlichkeit als jüdisch wahrgenommen werden, unterstützten die Gemeinde aber trotzdem. Manche Mitglieder würden für den Davidstern mehr, andere weniger spenden, aber alle wünschten sich ihn wieder auf der Synagoge. "Und wir möchten Zugang zur Wochentagssynagoge", sagt Jacobowitz.

Gottesdienste in der Wochentagssynagoge

Das war der Wunsch der Gemeinde schon 2008, ebenso der Davidstern. Der Förderkreis Görlitzer Synagoge setzte sich damals für die Wiedernutzbarmachung der ehemaligen Wochentagssynagoge durch die Jüdische Gemeinde ein, für allein jüdisch-religiöse Zwecke. Ebenso für die Anbringung eines rituellen Handwaschbeckens und die Wiederherstellung des Davidsterns auf der Kuppel. Die Stadt lehnte damals ab, die Jüdische Gemeinde war enttäuscht. "Wir hatten auf einen Nutzungsvertrag zwischen Stadt und Förderkreis gehofft, der unser Anliegen vertrat", sagt Jacobowitz, "nun ist die Kulturservicegesellschaft Betreiber."

Inzwischen hat die Stadt Görlitz die ehemalige Wochentagssynagoge, wo die einstige Jüdische Gemeinde von 1911 bis zu ihrer Auslöschung hauptsächlich ihre Gottesdienste feierte, als Anschauungs-, Gedenk- und Gebetsort so sanieren und ausstatten lassen, dass sie auch heute wieder für jüdische Gottesdienste genutzt werden kann. Auch ein rituelles Handwaschbecken wurde angebracht.

Eine feste Nutzungsvereinbarung mit der Jüdischen Gemeinde Görlitz gibt es aber nicht, der Toraschrein hinterm Vorhang soll nur temporär eine Torarolle enthalten. "Wenn wir einen Gottesdienst feiern möchten", sagt Jacobowitz, "tragen wir die Torarolle in die Wochentagssynagoge und nehmen sie danach wieder mit."

Torarolle aus Leipzig und London

Diese Torarolle hat er im Moment von der Jüdischen Gemeinde Leipzig geliehen, in der fast die Hälfte aller sächsischen Juden vereint ist. "Aber wir sind im Gespräch mit der Gemeinde in London", sagt Jacobowitz. Diese bewahre sehr viele Torarollen früherer jüdischer Gemeinden aus der Tschechoslowakei auf, die ihren allerheiligsten Gegenstand im Zweiten Weltkrieg nach Prag brachten in der Hoffnung, dort sei ihre Tora besser geschützt als in ihren Heimatsynagogen. Heute ließen sich diese Torarollen nicht mehr zuordnen, sagt Jacobowitz, er hoffe auf eine Dauerleihgabe von dort. Eine eigene Torarolle für rund 25.000 Euro anfertigen zu lassen, komme für die Görlitzer Gemeinde im Moment nicht in Betracht.

Der Toraschrein im Kuppelsaal der Synagoge wurde wiederhergestellt, ist aber heute nicht mehr verschließbar. In der früheren "Wochentagssynagoge" links daneben gibt es einen zweiten Toraschrein, der für jüdische Gottesdienste genutzt werden kann.
Der Toraschrein im Kuppelsaal der Synagoge wurde wiederhergestellt, ist aber heute nicht mehr verschließbar. In der früheren "Wochentagssynagoge" links daneben gibt es einen zweiten Toraschrein, der für jüdische Gottesdienste genutzt werden kann. © Martin Schneider

Die Gottesdienste, die Alex Jacobowitz künftig in der Wochentagssynagoge feiern möchte, solle man sich nicht als geschlossene Veranstaltung vorstellen, sagt er. Im Buch Jesaja 56,7 des Alten Testaments heißt es: "Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden." Das bedeute für ihn, jeder Interessierte könne an einem jüdischen Gottesdienst teilnehmen. Viele hätten auch die Vorstellung, dass es dafür zehn jüdische Männer brauche. "Das gilt bei den orthodoxen Juden für bestimmte Gebete", sagt Jacobowitz. Aber es gebe viele andere Gebete, für die das nicht nötig sei und die man in jeder Besetzung beten könne.

Buch über Synagoge und frühere jüdische Gemeinde

Gottesdienste sind aber nur ein Stück davon, wie sich Alex Jacobowitz mit der Jüdischen Gemeinde Görlitz im Kulturforum Synagoge einbringen möchte. Bald nach der offiziellen Eröffnung am 28. Mai sei ein Tag der offenen Synagoge geplant, an dem er auftreten werde. Auch schreibe er ein Buch über die Geschichte der einstigen Jüdischen Gemeinde, basierend auf deren Chronik aus den Jahren 1864 bis 1932 sowie Berichten zahlreicher Kinder und Enkel früherer Görlitzer Juden, die heute in der ganzen Welt leben. Ihm seien Noten von Liedern in die Hände gefallen, die in jüdischen Görlitzer Gottesdiensten gesungen wurden und die man wiederbeleben könnte. Und viele Ideen mehr hat Alex Jacobowitz.

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Zwei Gebäude, an denen Görlitz hängt, wären in den vergangenen Wochen nach langjähriger Sanierung eröffnet worden: die Synagoge und das Palast-Theater.

"Vor allem aber hoffen wir, dass wir mit der Kulturservicegesellschaft, dem Förderkreis Synagoge und der jüdischen Gemeinde Dresden gut zusammenarbeiten werden und etwas zur Belebung der Synagoge beitragen können", sagt er. Er sei zuversichtlich, dass Görlitz wachse. "Und damit auch die Jüdische Gemeinde."

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