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Chef der Görlitzer Verkehrsbetriebe tritt zurück

Andreas Trillmich kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Geschäftsführer sein. Ein Paukenschlag. Es übernehmen der Prokurist und Ex-OB Deinege.

Andreas Trillmich stand seit Oktober 2018 an der Spitze der Görlitzer Verkehrsbetriebe.
Andreas Trillmich stand seit Oktober 2018 an der Spitze der Görlitzer Verkehrsbetriebe. © Nikolai Schmidt

Nach zweieinhalb Jahren an der Spitze der Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB) muss Andreas Trillmich seinen Geschäftsführer-Posten aufgeben. Das bestätigte der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu am Donnerstag vor dem Stadtrat.

Trillmich scheide aus gesundheitlichen Gründen zum 7. Mai als Geschäftsführer aus. Die Stelle wird nicht sofort ausgeschrieben. Stattdessen übernimmt Trillmichs Aufgabe der bisherige Prokurist Sven Sellig. Der soeben erst 40 Jahre alt gewordene Sellig erhält an seine Seite als Berater den früheren Oberbürgermeister Siegfried Deinege, der vor Trillmich Gründungsgeschäftsführer der GVB war. Er soll, so heißt es in einer Mitteilung der Stadt, bei "Managementfragen und in der Beschaffung und Finanzierung mittels Fördermittel der neuen Straßenbahnzüge" helfen.

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In den vergangenen Tagen hatte Ursu die Gremien sowohl bei der GVB als auch des Stadtrates über die brisante Top-Personalnachricht informiert. Am Donnerstag erhielten die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe auf einer Betriebsversammlung Informationen über die aktuellen Entwicklungen.

Trillmich war eng mit dem Görlitzer Nahverkehr verbunden

Ursu dankte Trillmich für dessen Arbeit und sein Wirken als großer Anhänger des öffentlichen Nahverkehrs. "Es war stets sein Ansporn, diese Dienstleistung weiter zu entwickeln und deren Nutzer von den Vorteilen zu überzeugen".

Der Berufsweg des 56-jährigen Trillmich war eng mit dem Görlitzer Nahverkehr verbunden. So führte er von 1996 bis 2004 die Geschäfte der Verkehrsgesellschaft Görlitz, arbeitete anschließend für Veolia Verkehr GmbH und war Vorstandsmitglied der Stadtwerke Görlitz. Seit 2014 leitete er die Geschäfte der Länderbahn und der Regentalbahn GmbH, bevor er im Oktober 2018 Geschäftsführer der Görlitzer Verkehrsbetriebe wurde. Er löste damals Siegfried Deinege ab, der die neue Gesellschaft in ihrer Gründungszeit führte und die Rücknahme des Nahverkehrs von Transdev in die Hände der Stadt organisierte.

Auch als Chef der Länderbahn war Andreas Trillmich (Mi.) Görlitz verbunden. Hier mit Oberbürgermeister Siegfried Deinege bei der Einweihung des Görliwood-Express.
Auch als Chef der Länderbahn war Andreas Trillmich (Mi.) Görlitz verbunden. Hier mit Oberbürgermeister Siegfried Deinege bei der Einweihung des Görliwood-Express. © Rolf Ullmann

Unklare Zukunft des Görlitzer Nahverkehrs

Der Wechsel an der Spitze der Görlitzer Verkehrsbetriebe vollzieht sich zu einem kritischen Zeitpunkt für das junge Unternehmen. Viel spricht dafür, dass die kommenden Monate über dessen langfristigen Bestand entscheiden.

Zum einen haben sich die Hoffnungen aus der Rekommunalisierung des Nahverkehrs nur zum Teil erfüllt. Zwar wurden Buslinien neu konzipiert und eingeführt, das Kontrollregime kundenfreundlicher gestaltet, ein neues Kundenbüro eröffnet, auch verbuchte das Unternehmen im Jahr 2019 höhere Einnahmen. Doch eine langfristige Entlastung des Görlitzer Stadthaushalts ist damit nicht verbunden. Hatte die Stadt wie 2020 auch in den Folgejahren mit Zuschüssen von 1,85 Millionen Euro gerechnet, so meldete das Unternehmen für dieses Jahr 3,5 und für 2021 knapp 3,6 Millionen Euro an.

Wie sich bei näherer Betrachtung herausstellte, explodieren die Kosten aber nicht. Der Eindruck ist nur dadurch entstanden, dass bei der letzten Haushaltsplanung unter Oberbürgermeister Siegfried Deinege niedrigere Zuschüsse eingeplant wurden, als Experten bei der Gründung der GVB ausgerechnet und empfohlen hatten. Nun hat die Realität schlichtweg den Plan eingeholt.

Nach neuesten Berechnungen soll der Zuschuss im neuen Haushalt bei rund 3,2 Millionen Euro liegen - das wäre deutlich mehr als zu Zeiten, als die Görlitzer Verkehrsbetriebe noch zu Veolia beziehungsweise Transdev gehörten. Untersuchungen ergaben mittlerweile, dass die GVB genauso effektiv oder noch effektiver arbeiten wie vergleichbare Nahverkehrsunternehmen.

Schneller als neue Straßenbahnen konnten die Görlitzer Verkehrsbetriebe neue Busse in Betrieb nehmen. Hier ein erster Hybrid-Bus, der sowohl mit Diesel als auch mit Strom fährt.
Schneller als neue Straßenbahnen konnten die Görlitzer Verkehrsbetriebe neue Busse in Betrieb nehmen. Hier ein erster Hybrid-Bus, der sowohl mit Diesel als auch mit Strom fährt. © Nikolai Schmidt

Schwere Hypotheken des Neuanfangs

Allerdings mussten die Görlitzer Verkehrsbetriebe nach ihrer Bildung eben auch eine komplette kaufmännische Verwaltung samt Lohnbuchhaltung und ein eigenes Marketing aufbauen. Das hatten zuvor Muttergesellschaften erledigt, die dafür ein Entgelt erhalten hatten. Erst jüngst bedauerte Stadtwerke-Vorstand Matthias Block gegenüber der SZ, dass der Nahverkehr aus dem Verbund der verschiedenen Stadtwerke-Sparten herausgenommen worden war.

Möglicherweise wären auch für den Nahverkehr und dessen Bestrebungen für eine Straßenbahnverbindung nach Polen gerade Erfahrungen von Vorteil gewesen, die die Stadtwerke momentan bei der gemeinsamen Fernwärmeversorgung von Görlitz und Zgorzelec sammeln. Doch mittlerweile hat sich Stadtwerke-Mutter Veolia entschieden, keinen Nahverkehr mehr zu betreiben, die Stadtwerke könnten das Geschäft kaum wieder zurücknehmen. Die Straßenbahn nach Zgorzelec ist zudem in den nächsten zehn Jahren nicht zu verwirklichen.

Zugleich war mit der Bildung der Görlitzer Verkehrsbetriebe dem Unternehmen untersagt, andere Leistungen als im öffentlichen Verkehrsvertrag anzubieten. So gibt es zwar die Lanskron-Straßenbahn, aber ein Bus-Angebot für Touristen wie der Görliwood-Bus ist der GVB untersagt. Damit aber halten sich auch zusätzliche Einnahmen in engen Grenzen.

Straßenbahn-Projekt abhängig von Fördermitteln

Und schließlich erbte die GVB einen verschlissenen Wagenpark, weil die Stadt in der Vergangenheit keine oder zu geringe Mittel für Investitionen zur Verfügung gestellt hatte. Der Kauf neuer Straßenbahnen galt daher als eines der wichtigsten ersten Aufgaben für Trillmich. Tatsächlich wurden die neuen Bahnen im März vergangenen Jahres ausgeschrieben. Zusammen mit Leipzig und Zwickau will Görlitz die Bahnen kaufen. Acht Straßenbahnen sind zunächst geplant. Die erste Bahn könnte Ende 2023 zu Testfahrten in Görlitz eintreffen, so dass bis Ende 2025 alle acht neuen Niederflur-Straßenbahnen in Betrieb sind.

Doch die acht Bahnen kosten schätzungsweise 25 Millionen Euro. Doch damit nicht genug. Auch die Haltestellen müssen umgebaut werden. Zum einen auf die Niederflur-Technik. Da die neuen Bahnen mit 2,30 Meter aber auch zehn Zentimeter breiter sind, müssen die Bahnsteige in Königshufen oder in Weinhübel angepasst werden, sonst können die Bahnen überhaupt nicht dort verkehren. Ebenso überholt werden muss vermutlich auch der Betriebshof auf der Zittauer Straße - die Reparaturstände stimmen auch hier nicht mit den neuen Maßen überein. Auch dafür werden nochmals mindestens 25 Millionen Euro gebraucht.

Beim Neujahrsempfang 2020 stellte Trillmich das Projekt der neuen Niederflur-Straßenbahnen für Görlitz vor.
Beim Neujahrsempfang 2020 stellte Trillmich das Projekt der neuen Niederflur-Straßenbahnen für Görlitz vor. © Nikolai Schmidt

Diese Rieseninvestitionen kann weder die GVB noch die Stadt Görlitz allein tragen - zumal in Corona-Zeiten, wo der Nahverkehr deutlich Einbußen erlitt. Deswegen hat die Stadt einen Antrag gestellt, Kohleausstiegsgelder für dieses Projekt zu erhalten. Das hätte den Vorteil einer 90-prozentigen Förderung. Können die Straßenbahnen nicht darüber finanziert werden, bliebe noch eine "normale" Nahverkehrs-Förderung durch den Freistaat Sachsen in Höhe von 50 Prozent. Dann wird es schon wieder ein Riesenproblem für die GVB, die Eigenmittel aufzubringen. Gibt es aber keine neuen Straßenbahnen, muss die Stadt über kurz oder lang auf Busse umsatteln und die Straßenbahn einstellen. Denn schon ab Anfang 2022 verlangt ein Gesetz die Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr.

Gibt die Stadt den Nahverkehr an den Kreis ab?

Vor diesem Hintergrund dürfte auch erneut die Debatte anheben, ob die Stadt den Nahverkehr weiter selbst betreiben soll. Eigentlich ist es eine Aufgabe des Landkreises. Görlitz behielt aber den Nahverkehr bei der Kreisbildung 2008, weil es die Straßenbahnen erhalten wollte. Der Kreis hätte den Nahverkehr übernommen, garantierte aus Kostengründen aber nicht den Erhalt der Straßenbahnen. Wenn aber auch die Stadt Görlitz gezwungen ist, aus finanziellen Gründen auf die Straßenbahn zu verzichten, stünde dieses Hindernis für eine Übergabe des Nahverkehrs an den Kreis nicht mehr im Wege.

All das kommt nun mit dem Abgang von Trillmich zusammen. In der Vergangenheit hatte er klare Entscheidungen angemahnt. Zwar hing sein Herz an der Straßenbahn, doch wenn sie nicht zu finanzieren gehe, so mahnte er alle Seiten zu einem klaren Schnitt und wenigstens zu einem Bekenntnis zum Busverkehr. Die Entscheidung wird in diesem Jahr fallen. Die Bestellung der Straßenbahnen muss spätestens im Spätsommer erfolgen. Bis dahin muss die neue Doppelspitze Sellig und Deinege die nötige Klarheit schaffen.

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