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Görlitzer Beutel sammeln den Dreck aus ganz Europa

Die Papierverarbeitung Görlitz GmbH besteht seit 75 Jahren. Ihr Renner sind noch immer Staubsaugerbeutel. Nun aber als Hightech-Produkt.

Die Papierverarbeitung GmbH heißt weiterhin nach der Stadt Görlitz, doch mittlerweile ist sie mitten im Gewerbegebiet von Markersdorf zu finden.
Die Papierverarbeitung GmbH heißt weiterhin nach der Stadt Görlitz, doch mittlerweile ist sie mitten im Gewerbegebiet von Markersdorf zu finden. © Sammlung Schermann

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren Ideen gefragt. Auch wirtschaftlich startete mancher auf neuen Wegen zwischen Strohverarbeitung und Igelitschuhschmiede. Auch der Görlitzer Kaufmann Hermann Reche wurde Unternehmer. Vor 1945 arbeitete er als Generalvertreter der Firma Haver & Wohlfahrth aus Ohlau bei Breslau.

Die betrieb auf der Heilige-Grab-Straße 27/28 in Görlitz seit etwa 1935 einen Papiergroßhandel in einer früheren Zierdeckenfabrik. 1945 war das Ende der Ohlauer Filiale, und Hermann Reche gründete seine eigene Papierwarengroßhandlung. Am 1. Oktober erhielt er dafür die Lizenz, ein Datum, auf das sich jetzt ein Jubiläum berufen darf: 75 Jahre.

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Die einstige Produktionsstätte auf der Heilige-Grab-Straße
Die einstige Produktionsstätte auf der Heilige-Grab-Straße © Sammlung Schermann

Der Start war nicht leicht. Vor allem baute Hermann Reche einen Ring an Heimarbeit auf, ließ aber auch im Betrieb Papiertüten per Hand kleben. Der Bedarf war groß, der sich wieder aufrappelnde Einzelhandel verlangte nach Tüten, Büros aller Art benötigten Versandhüllen. Noch war an Plastefolien nicht zu denken. 1959 ging aus der Privatfirma die Hermann Reche KG hervor, ein Betrieb mit staatlicher Beteiligung. Und 1961 hielt ein Erzeugnis Einzug, das bis heute für den Betrieb legendär ist – der Staubsaugerbeutel.

1974 lösen Maschinen einen Großteil der Handarbeit ab

Zwölf verschiedene Typen wurden von da an in Görlitz produziert, erst für andere Kleinbetriebe, dann für die DDR-Dachmarke AKA-Elektrik. So, wie der Ostsachsendruck zum alleinigen Hersteller aller DDR-Lotto-Scheine wurde, entwickelte sich die Papierverarbeitung Görlitz zum Alleinhersteller aller in der DDR (und darüber hinaus) benötigten Staubsaugerfiltertüten. 1972 kam, wie überall im Land, das Aus für die letzten mittleren Privatfirmen.

Die Kommanditgesellschaft wurde enteignet und mit gleichem Personal zum VEB Papierwarenverarbeitung Görlitz umgebaut. Staubsaugerbeutel blieben die Nummer 1, doch es kamen Betriebsteile dazu: Kartonagen- und Lederwaren (Melanchthonstraße), Halskrausenfertigung (Berliner Straße), Feinkartonagen (Biesnitzer Straße). Produziert wurde vom Friseurbedarf über Objektivköcher für „Pentacon“ bis zu samtbezogenen Edelkartons für Parfümerien. 1989 hatte dieser VEB sogar rund 250 Mitarbeiter.

Erst 1974 lösten Maschinen einen Großteil der Handarbeit ab. Jedem neuen Hausgerät auf dem Markt folgte an den Reißbrettern die Neuentwicklung passender Beutel. Als sich 1990 die Umwandlung vom VEB in eine GmbH vollzog, schien es erst nahtlos weiterzugehen. Jetzt hießen die Erzeugnisse „Filter clean“, waren zwar nicht mehr Alleinherrscher, aber behaupteten sich. 1991 aber wurde der Großhandel, der frühere GHG Haushaltswaren, von der Treuhand liquidiert. Nun musste die Papierverarbeitung Görlitz einen eigenen Außendienst aufbauen.

Herstellung von Briefumschlägen wird eingestellt

Der damalige Chef, Wolfgang Lorenz, übernahm mit einem Kollegen die Firma, doch mangels Sicherheiten verweigerten Banken Kredite. Deshalb holte man sich mit der Curtis 1.000 Europa AG aus Neuwied einen westdeutschen Partner. Ein richtiger Schritt – ebenso wie 1994 der Umzug in einen Neubau. Seitdem produziert die Papierverarbeitung Görlitz im Gewerbegebiet Markersdorf. Umgerechnet 3,5 Millionen Euro kostete diese Investition. Dafür gibt es seitdem auch drei statt zuvor eine Produktionslinie.

Solche Staubsaugerbeutel wurden einst in Görlitz gefertigt. Das zu sehende Exemplar stammt von 1987.
Solche Staubsaugerbeutel wurden einst in Görlitz gefertigt. Das zu sehende Exemplar stammt von 1987. © Sammlung Schermann

Da fiel es fast gar nicht auf, dass 1997 die Herstellung von Briefumschlägen eingestellt wurde. 2004 verließen dann die ersten Staubbeutel aus Mikrofaser das Werk. 2006 verkaufte Curtis seine Anteile an den Unternehmer Heinz Gerke, der noch heute als Geschäftsführer den Betrieb leitet. Der Umsatz kletterte, ebenso der Exportanteil in fast alle Länder Europas. In Poznan arbeitet die GmbH seit 2002 mit einem polnischen Produzenten zusammen.

Begleitet von umfangreichen Qualitäts-Management-Systemen wird das Sortiment ständig angepasst, werden „Tüten“ in Papier und Vlies und auch per Ultraschalltechnologie je nach Kundenwunsch hergestellt, derzeit fertigen die 35 Mitarbeiter auf modernsten Maschinen weit über 250 verschiedene Typen, die in die gegenwärtig rund 3.000 gängigen Staubsaugermodelle passen. 

Damit aber nicht genug: Aktivitäten der Firma richten sich längst auch auf Forschung und Entwicklung, beispielsweise hygienischer Verpackungen von Lebensmitteln. Aus Hermann Reches Handkleberei von anno dazumal wurde ein bedeutendes Hightech-Unternehmen.

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