merken
PLUS Görlitz

Baut Alstom die Wasserstoff-Straßenbahn in Sachsen?

Der Innovationsbeirat Sachsens schlägt die Entwicklung und den Bau einer solchen Bahn vor. Die Waggonbau-Werke in Görlitz und Bautzen könnten sie gut gebrauchen.

Coradia ist der erste weltweit wasserstoffbetriebene Zug von Alstom.
Coradia ist der erste weltweit wasserstoffbetriebene Zug von Alstom. © Alstom

Die großen Zeiten beim Görlitzer Waggonbau sind noch gar nicht so lange her. Vor drei Jahren mussten 1.000 Leiharbeiter eingestellt werden, um die Aufträge abzuarbeiten. 2.400 Mitarbeiter zählte damals der größte Industriebetrieb von Görlitz, der gar nicht für so viele Beschäftigte eingerichtet war. Das merkten dann auch alle.

Den ersten Rang unter den Görlitzer Industrieunternehmen hat der Waggonbau mittlerweile an das Birkenstock-Werk verloren. Trotzdem nimmt der Waggonbau als großer Traditionsbetrieb eine besondere Stellung ein. Mit Leiharbeitern und Auszubildenden zählt der Waggonbau mittlerweile nur noch etwas mehr als 900 Mitarbeiter. Zwar könne man das nicht mit den 2.400 von vor drei Jahren vergleichen, ordnet Betriebsratsvorsitzender René Straube ein, doch 1.200 bis 1.300 Beschäftigte zählte der Waggonbau zuvor stets. Und damit ein Drittel mehr als jetzt.

Anzeige
Mitarbeiter Vertriebsinnendienst (m/w/d)
Mitarbeiter Vertriebsinnendienst (m/w/d)

Die fit GmbH sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen Mitarbeiter im Vertriebsinnendienst (m/w/d).

Unruhe unter den Görlitzer Mitarbeitern

Aber auch unter den verbleibenden Mitarbeitern rumort es. Erneut ist die Unsicherheit über die Zukunft groß. Zwar hat der französische Bahnkonzern Alstom die Bahnsparte von Bombardier und damit auch das Werk in Görlitz übernommen. Aber die Waggonbauer schauen sorgenvoll auf die Auftragsliste. Nicht erst seit gestern. Schon vor einigen Wochen warnte Ostsachsens IG-Metall-Chef, Uwe Garbe, dass die Aufträge nur noch für zwei Jahre beim Bautzner Waggonbauwerk reichten.

In Görlitz nicht mal das. Ein großer Auftrag für Doppelstockwagen für die Deutsche Bahn ist fast abgearbeitet. Auch der Bau der Schnellzüge für die Schweizerischen Bundesbahnen, die durch Missmanagement bei Bombardier zu einem großen Verlustbringer wurden, technisch aber das Beste sind, was es derzeit gibt, und bei den Fahrgästen in der Schweiz gut ankommen, ist ebenso bald Geschichte. Zwar steht in dem Vertrag mit den Schweizern eine Option über weitere Züge - aber ob sie gezogen wird, ist offen.

Der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende René Straube hat schon viele Krisen beim Waggonbau erlebt. Hier vor ein paar Jahren nach einer Krisensitzung mit dem damaligen Regierungschef in Sachsen, Stanislaw Tillich, sowie Michael Kretschmer und Octavian Ursu,
Der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende René Straube hat schon viele Krisen beim Waggonbau erlebt. Hier vor ein paar Jahren nach einer Krisensitzung mit dem damaligen Regierungschef in Sachsen, Stanislaw Tillich, sowie Michael Kretschmer und Octavian Ursu, © nikolaischmidt.de

Kaum neue Aufträge stehen in den Büchern

Nach der Umstrukturierung der Werke in Görlitz und Bautzen ist der Waggonbau an der Neiße nur noch für den Rohbau, das Bautzener Werk für den Ausbau zuständig. Der Rohbau steht am Anfang der Produktkette. Hier spürt man als Erstes, wenn die Aufträge dünn werden. Und deswegen stellt sich derzeit gerade in Görlitz die Frage: Wie weiter?

Alstom, so hieß es Anfang des Monats in einem Bericht zu seinem Kapitalmarkttag, wolle sich drei Jahre Zeit lassen, um die Bombardier-Werke zu integrieren und zwei weitere Jahre, um mit ihnen zu wachsen, indem neue Produkte auf den Markt gebracht werden. Unternehmenssprecher Jörn Bischoff erklärte gegenüber der SZ: "Aktuell sind wir dabei, die Integration der Werke Bautzen und Görlitz innerhalb unseres Unternehmens mit Hochdruck voranzutreiben". Auch der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende sieht, dass da viel Arbeit im Hintergrund läuft, Alstom bei der Integration strukturiert vorgeht. Aber: Die Auftragsbücher von Bautzen und Görlitz verraten, die Zeit wird knapp.

Für den Görlitzer Betriebsratsvorsitzenden René Straube kann die Antwort nur lauten, in neue Produkte zu investieren oder vorhandene weiterzuentwickeln. Etwa die ICE4-Züge für die Deutsche Bahn und Straßenbahnen. Grundsätzlich sieht Straube die Bahn und den Nahverkehr vor einer Renaissance. Ohne einen leistungsstarken öffentlichen Personenverkehr wird es kaum möglich sein, die Einsparungen von Kohlendioxid im Verkehrssektor bis 2045 zu erreichen. Schließlich will Deutschland bis zu diesem Jahr klimaneutral werden.

Idee einer Wasserstoff-Straßenbahn aus Sachsen

Rückendeckung erhalten die beiden Waggonbau-Werke in Görlitz und Bautzen jetzt vom Innovationsbeirat in Sachsen. Der schlug in seinem 10-Punkte-Programm, das Beiratsvorsitzender Wolfgang Herrmann am Montag in Görlitz vorstellte, die Entwicklung einer Straßenbahn mit Brennstoffzellenantrieb, also Wasserstoff, vor. "Sachsen kann die erste emissionsfreie Straßenbahn in Europa etablieren", heißt es in dem Bericht. Und eine Wasserstoff-angetriebene Straßenbahn hätte den großen Vorteil, dass sie keine Oberleitungen benötigt, das wiederum spart auch Kosten für Investitionen und könnte beispielsweise entscheidend für Erweiterungen auch des Görlitzer Straßenbahnnetzes zum Klinikum oder nach Zgorzelec werden.

Alstom jedenfalls könnte ein guter industrieller Partner für dieses Projekt sein. 2016 bereits stellten die Franzosen mit ihrem "Coradia iLint" den weltweit ersten wasserstoffbetriebenen Zug vor. Der Nahverkehrszug wird von Brennstoffzellen auf dem Dach und unter dem Wagen angetrieben, schafft mehr als 1.000 Kilometer und ist bis zu 70 Prozent leiser. Im Moment ist er zwar noch teurer als ein Dieselzug, aber diese Preisvorteile werden kleiner. Im Einsatz sind bereits zwei Testzüge bei der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen, 22 Züge sollen hier ab 2022 fahren. Der Wasserstoff-Zug taucht dann auch in dem Alstom-Bericht für die Vermögensverwalter als wichtigste Entwicklung auf dem deutschen Markt auf.

Straßenbahn-Projekt steckt noch am Anfang

Gleichwohl steckt das Projekt Straßenbahn noch am Anfang. Offen ist, wie viel Platz die Brennstoffzellen benötigen, ob sie viele Sitzplätze kosten, wie die Tank-Infrastruktur aussehen muss, auch welche Materialien am Ende verwendet werden. Vor Mitte des Jahrzehnts, so sieht es derzeit aus, wird es wohl keinen Prototyp geben. Es sei denn, Alstom ist selbst bei der Entwicklung schon weiter. Das ist bislang aber nicht bekannt. Trotzdem hält der Innovationsbeirat das für ein lohnendes Projekt und schlägt eine Zusammenarbeit mit den Schienenfahrzeugherstellern im Freistaat vor - also mit Alstom. Auch das Hydrogen-Lab in Görlitz könnte bei der Erprobung des Antriebs eine Rolle spielen oder eine geplante Fraunhofer-Einrichtung in Dresden-Nickern.

Kurzfristig lindert eine Wasserstoff-Straßenbahn also nicht die Probleme in Görlitz und Bautzen. Trotzdem mahnt Straube Alstom jetzt, in solche Projekte zu investieren. "Natürlich wollen wir auch vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl über unsere Zukunft reden", sagt Straube. "Die Rahmenbedingungen stimmen aus meiner Sicht, jetzt muss man nur zugreifen."

Dabei ist Straube bewusst, dass damit auch tiefgreifende Veränderungen auf die Mitarbeiter in den Waggonbau-Werken zukommen. Wer heute Tischler, Lackierer oder Schlosser ist, muss sich auf veränderte Beschäftigungsprofile einstellen. Auch dafür müsste Alstom langfristig seine Mitarbeiter schulen.

Weiterführende Artikel

Waggonbau-Zulieferer hat Probleme

Waggonbau-Zulieferer hat Probleme

Die BSG Components Görlitz ist in Eigeninsolvenz. Die Zeit will die junge Firma für Gespräche mit Alstom nutzen. 63 Jobs sind damit verbunden.

Spätestens im Herbst erwartet der Betriebsratsvorsitzende Antworten von Alstom auf die drängenden Fragen. Das könnte auch mit einem öffentlichen Zeichen der Franzosen verbunden sein: Noch in diesem Jahr soll der Markenname "Alstom" anstelle von Bombardier über dem Görlitzer Werktor stehen.

Mehr zum Thema Görlitz