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Klimawandel: Stadtwerke rüsten ihr Wasserwerk auf

Die Stadtwerke Görlitz investieren in Anlagen, um Extremwetterlagen beherrschen zu können. Und ums Wasser von Rückständen modernen Lebens zu reinigen.

Von Sebastian Beutler
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Paul Franke (l.), Referent für Anlagentechnik, und der Leiter des Görlitzer Wasserwerkes Bernd Bauer stehen auf der Baustelle am Wasserwerk.
Paul Franke (l.), Referent für Anlagentechnik, und der Leiter des Görlitzer Wasserwerkes Bernd Bauer stehen auf der Baustelle am Wasserwerk. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Paul Franke schaut sich die Baustelle am Görlitzer Wasserwerk an. Er kennt die Pläne, ist er doch als Referent für Anlagentechnik für die Investitionen mit zuständig. Der junge Mann ist ein Rückkehrer, nach dem Studium begann er zunächst im Leipziger Raum tätig zu werden. Als sich bei den Stadtwerken in Görlitz eine Chance bot, griff er zu.

Die Bagger am Wasserwerk haben eine Grube fürs Fundament für eine neue Kompaktanlage zur Flockungsfiltration ausgehoben. 2,5 Millionen Euro kostet die neue Anlage, die im dritten Quartal nächsten Jahres in Betrieb gehen soll und etwaige Trübungen im Wasser bei Extremwetterlagen durch den Klimawandel verhindern wird. Denn in Normalzeiten gilt die Qualität des Görlitzer Trinkwassers als besonders gut.

Stadtwerke verfolgen ein langjähriges Konzept

Die Pläne für diesen Bau reichen zurück bis vor Frankes Zeit bei den Stadtwerken und haben mit dem schweren Neiße-Hochwasser von 2010 zu tun. Als damals die Neißefluten binnen Stunden auch das Wasserwerk überfluteten, spürten das die Görlitzer schnell beim Aufdrehen des Wasserhahns. Zwar war der Verzehr des Wassers ungefährlich, aber für die meisten Görlitzer war das etwas Neues und zeigte, sauberes Wasser ist keine Selbstverständlichkeit.

Auch für die Stadtwerke. Und deswegen hat der Görlitzer Versorger über das Thema auch dann noch weiter nachgedacht, als von dem Hochwasser nur noch die neuen Pegelstände an den Gebäuden übrig waren. Zumal Hochwasser und damit Extremwetterlagen durch den Klimawandel nicht die einzige Gefahr für das Görlitzer Trinkwasser ist. Auch wachsende Pharmarückstände und Mikro-Plasteteilchen spielen eine immer größere Rolle. Und nicht nur Coronaviren können im Abwasser eine Rolle spielen, andere Keime können durchaus auch im Wasser ihr Unheil treiben. Man muss nicht allzu lang in die Vergangenheit zurückgehen, um auf verheerende Cholera-Epidemien zu stoßen, die über unreines Wasser ausgelöst wurden.

So entstand durch die OEWA, eine Veolia-Tochter in Leipzig, vor sieben Jahren das sogenannte Multi-Barrieren-Konzept. Dessen Ziel: Sauberes Trinkwasser und eine sichere Versorgung von Görlitz und dessen Umland auch in den kommenden Jahrzehnten.

Die Stadtwerke versorgen rund 70.000 Einwohner mit Trinkwasser in Görlitz, aber auch im Schöpstal, in Königshain und in Ostritz. Mit dem Konzept von 2014 sind auch hohe Investitionen verbunden. Jährlich investieren die Stadtwerke im Schnitt rund 1,5 Millionen Euro ins Trinkwasser, bei Großprojekten wie jetzt sind es auch schon mal ein paar mehr.

Grundwasser fließt in neuen Brunnen

Einige Punkte des Konzeptes sind auch schon verwirklicht. In den vergangenen Jahren haben sich die Stadtwerke darauf konzentriert, die Trinkwassergewinnung abzusichern. In Zeiten von Dürrejahren eine besondere Herausforderung. Die Stadtwerke gewinnen das meiste Wasser aus dem Grundwasserleiter, der bis in die Neißewiesen in Weinhübel fließt. 70 Prozent des gesamten Wassers stammen von diesem Grundwasser. Das ist ein besonders hoher Anteil, große Städte sind schon froh, wenn sie 50 Prozent erreichen. Die anderen 30 Prozent holen sich die Stadtwerke aus der Neiße: Sie pumpen Wasser auf die Neißewiesen, lassen das Wasser versickern und fangen es in den Brunnen auf.

Mit dem Bau eines Horizontalfilterbrunnens zwischen 2014 und 2018 haben die Stadtwerke für die Erfassung des Wassers vorgesorgt. Hier fließt das Wasser aus dem Grundwasserleiter ein. "Wir sind sowohl mit der Qualität als auch der Menge sehr zufrieden", sagt Stadtwerke-Vorstand Matthias Block. So sprudelte der Grundwasserleiter in den vergangenen Jahren ergiebiger als zuvor. Der Grund ist der Berzdorfer See, der den Druck auf den Grundwasserleiter erhöht und damit mehr Wasser nach Görlitz drückt.

2,5 Millionen Euro investierte der Versorger in den Brunnen, mit dem zeitgleich 30 alte Anlagen vom Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Verkehr gezogen werden konnten.

Weitere Anbauten ans Wasserwerk geplant

Auch im Wasserwerk wird vieles verändert. So sind in diesem Jahr die Notstromkapazitäten deutlich erweitert worden, so dass jetzt das Wasserwerk im Notfall zwölf Stunden mit einem Dieseltank unter Volllast arbeiten kann, 24 Stunden reicht der Vorrat für einen Teilllast-Betrieb. Erst dann müsste im Falle einer Katastrophe neuer Diesel bereitstehen.

Wenn die Flockungsanlage steht, konzentrieren sich die Wasserwerker auf den Bau eines neuen Aktivkohlefilters. Drei Millionen Euro wird er kosten. Auch dafür errichten sie längs der Zittauer Straße einen Anbau mit verschiedenen Aktivkohlefiltern. Ab spätestens 2025 sollen damit die Mikro-Plasteteilchen und die Pharmarückstände aus dem Wasser geholt werden.

Und schließlich könnte ab 2025 auch noch eine Membranfiltrationsstufe am Wasserwerk errichtet werden, mit der dann Keime und Viren bekämpft werden.

Sieben Prozent Trinkwasser versickert im Netz

Ebenso zu den ständigen Investitionen gehört es für die Stadtwerker, nach Lecks im Trinkwassernetz zu fahnden. Sieben Prozent Wasser gehen dadurch Jahr für Jahr verloren, meist durch unentdeckte Rohrbrüche im 350 Kilometer langen Leitungsnetz der Stadtwerke. Aufgespürt werden diese Lecks durch Geräuschlogger. Aber die sieben Prozent sind ein guter Wert im Vergleich mit Berlin (14 Prozent) oder London (25 Prozent).

Stadtwerke-Vorstand Matthias Block ist mit all diesen Maßnahmen guter Dinge, die Qualität des Görlitzer Trinkwassers auch in Extremsituationen gewährleisten zu können. Und Paul Franke hat auch in den nächsten Jahren noch viele Gelegenheiten, Investitionen in der Trinkwassersparte zu begleiten.