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Görlitz greift nach 1.000 neuen Jobs

Ein Großforschungszentrum wird in der Oberlausitz etabliert. Derzeit läuft ein Auswahlverfahren, während sich Görlitz als Standort fürs Zentrum ins Gespräch bringt.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (re.) besuchte mit dem Görlitzer OB Octavian Ursu (2. v. re.) am Montag das Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf und sie stehen hier am "Dresdyn".
Ministerpräsident Michael Kretschmer (re.) besuchte mit dem Görlitzer OB Octavian Ursu (2. v. re.) am Montag das Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf und sie stehen hier am "Dresdyn". © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Frank Stefani hat nicht zu viel versprochen. Der gebürtige Oppacher forscht am Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf. Jetzt hat es dem Physiker das Erdmagnetfeld und seine Folgen für Klimawandel und den Wechsel von Kalt- und Warmzeiten angetan. Um ähnliche physikalische Effekte nachzuweisen, baut er gerade einen riesigen Teststand in einer extra und neu dafür errichteten Halle auf.

Am Ende wird flüssiges Natrium in einer riesigen Stahltrommel um zwei Achsen rotieren - ein großer Dynamo. Aus "Dresden" und "Dynamo" entstand das Kunstwort"Dresdyn", das für dieses Projekt steht. "Technisch gehen wir hier an die Grenzen des Machbaren", sagt Stefani. Und dann sehen es die Gäste auch. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer schaut beeindruckt auf die wuchtigen Halterungen für die Stahltrommel. Sie überragen ihn mannshoch. Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu wirkt daneben gleich noch etwas kleiner. Noch steht die eigens in Chemnitz angefertigte Stahltrommel neben der großen Halterung, in einem Jahr soll das Gerät probeweise starten.

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Vorbild Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

Die Forschungen am Institut für Fluiddynamik reihen sich in die drei Missionen ein, die das Helmholtz-Institut mitten im Wald verfolgt: Effiziente Nutzung von Rohstoffen, bessere Erkennung sowie wirksame Behandlung von Krebserkrankungen und die Erforschung von Materialien unter dem Einfluss extremer Bedingungen. Dazu nutzt es große Forschungsanlagen wie das Dresdyn oder ein Mikroskop in Fußballfeld-Größe oder ein besonders großes Hochfeld-Magnetlabor. Zuerst steht die Idee, die wissenschaftliche Kompetenz im Kern muss vorhanden sein, dann entwickelt sich das Forschungslabor darum.

Derzeit ist das Forschungszentrum Dresden-Rossendorf das einzige seiner Art in Sachsen. Doch das wird sich ändern. Mit dem Strukturwandel hat sich die Bundesregierung bereit erklärt, zwei weitere Großforschungszentren künftig aufzubauen und zu finanzieren. Eines soll im Mitteldeutschen Revier um Halle oder Leipzig entstehen, das andere in der sächsischen Lausitz.

Weil also Rossendorf praktisch Geschwister erhält, sieht sich das Helmholtz-Zentrum auch als erster Ansprechpartner für den Aufbau des neuen. So sagt es dessen wissenschaftlicher Direktor, Professor Sebastian Schmidt. Und ein paar Parallelen fallen gleich ins Auge: Rossendorf hat eine Grundfinanzierung von 120 Millionen Euro, dem neuen Zentrum haben Bund und Land sogar 170 Millionen Euro zugesagt. In den ersten zehn Jahren wird ein Teil dieser Gelder für Investitionen notwendig sein, Schmidt rechnet mit 850 Millionen Euro für diesen Zeitraum. Rossendorf mit seinen fünf Außenstandorten beschäftigt 1.400 Mitarbeiter, ein Drittel davon sind Wissenschaftler wie Professoren, Doktoranden und Studenten. Für das neue Forschungszentrum rechnet Schmidt mit mindestens 1.000 Beschäftigten. Je nach Ausrichtung braucht das neue Zentrum eine Fläche zwischen 20- bis 80.000 Quadratmeter.

Görlitz ist aussichtsreich im Standort-Rennen

Ursprünglich hatte die Politik den naheliegenden Gedanken: Dann bauen wir ein zweites Rossendorf gleich neben das bestehende. Doch dann kamen andere Stimmen auf, schließlich soll das neue Forschungszentrum dort wirken, wo auch wirklich der Strukturwandel abläuft. Diesen Auffassungswandel bestätigt auch Ministerpräsident Michael Kretschmer. Jetzt soll es möglichst weit weg von Dresden stehen, damit ein Großteil der Mitarbeiter auch in der Region wohnt, einkauft und lebt - und nicht täglich von Dresden mit der S-Bahn zum neuen Forschungszentrum pendelt.

Da richtet sich der Blick schnell auf Görlitz. Weit entfernt genug von Dresden, aber groß genug und attraktiv als Wohn- und Lebensmittelpunkt von jungen Wissenschaftlern, Sitz der Hochschule und weiterer Forschungsinstitute, die Nähe zu Polen und Tschechien. Kretschmer hatte schon im Herbst kein Hehl daraus gemacht, dass Görlitz in Betracht kommt. Und dass nun ausgerechnet der Görlitzer OB Octavian Ursu mit Vertretern der Wirtschaft im Schlepptau Kretschmers an diesem Montag in Rossendorf sind, ist kein Zufall. Ursu hatte schon zuvor Kontakt zu den Rossendorfern, als sie überlegten, mit welchen Ideen sie sich für das neue Forschungszentrum bewerben.

Auch Wolfgang Herrmann, langjähriger Präsident der TU München und jetzt Chef jener Kommission, die die besten Konzepte aussuchen wird, sieht in Görlitz einen guten möglichen Standort und vergleicht die Stadt mit Straubing in Niederbayern. Dort hatte die TU München einen Zweigcampus eingerichtet für Biotechnologie und Nachhaltigkeit - und somit Straubing zum Status einer Universitätsstadt verholfen. Herrmann erwartet nun einen ähnlichen Schritt von der TU Dresden. Das würde auch die zunehmend lauter werdenden Stimmen nach einer Universität in der Oberlausitz bedienen.

50 Ideenskizzen liegen vor

Ehe aber über den Standort entschieden wird, muss inhaltlich das Terrain abgestimmt sein. Bis Ende April lief die Frist für die Ideenskizzen. Allein sechs hat das Helmholtz-Institut für die Lausitz eingereicht. Sie reichen von einer personalisierten Medizin bis zu einem Zentrum für Endlagerforschung, von einem Deutschen Zentrum für Astrophysik bis zu einem gemeinsamen Vorschlag mit der TU Dresden für ein Saxonian Instiute of Technology, in dem Fragen der Digitalisierung, der Medizin und der Energieübermittlung erforscht werden. Auch ein Innovationszentrum für Systemische Meteorologie ist im Gespräch und ein Medizin-Zentrum, das individuell zugeschnittene Diagnostik und Therapie beispielsweise beim Krebs untersucht.

Andere wie ein Verbund verschiedener Hochschulen und Universitäten wollen ein Forschungs- und Transferzentrum für Wasser-, Energie- und Ernährungstechnologien einrichten, eine weitere Ideenskizze schlägt ein Bauforschungszentrum vor.

Rund 50 Vorschläge sind es, die nun auf dem Tisch der Perspektivkommission liegen, die im Auftrag des Bundesbildungsministeriums Vorschläge für zwei Groß-Forschungseinrichtungen unterbreiten soll. Bis zur endgültigen Entscheidung ist es ein zweistufiger Prozess. Zunächst werden jeweils drei Vorschläge für jede Region ausgesucht, denen jeweils 500.000 Euro zur Verfügung gestellt werden, um das Konzept zu vertiefen. Voraussichtlich 2023 könnten dann die Sieger feststehen. Sie, so erklärt Kretschmer, unterbreiten schließlich auch einen Vorschlag für den Standort. In Abstimmung mit Bund und Land wird schließlich entschieden.

OB Ursu: Chance für die gesamte Region

Für den Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu wäre es eine riesige Chance, wenn ein solches Großforschungszentrum in Görlitz etabliert werden könnte. Beispielsweise auf dem früheren Kahlbaum-Gelände, das zusammen mit der Hochschule und dem Casus-Institut dann eine Wissenschaftsmeile entlang der Neiße bilden könnte. "Eine Riesenchance für die Region", sagt er ganz bewusst. Ursu weiß um die Befindlichkeiten allein schon im Landkreis Görlitz. Eigentlich liegt ja Weißwasser im Epizentrum des Strukturwandels. Und natürlich muss die Politik auch die Wirtschaft anregen, Ausgleich für wegfallende Stellen im Revier selbst zu schaffen. Aber Görlitz als größte und bedeutendste Stadt im Strukturgebiet, das die Landkeise Görlitz und Bautzen umfasst, gewinnt als Anker für die Region besondere Bedeutung.

Wirtschaftsminister Altmaier kommt nach Görlitz

Auch Sebastian Schmidt kann sich Görlitz gut als Standort für das neue Großforschungszentrum vorstellen. Mit dem Casus-Institut in Görlitz, das sein Helmholtz-Zentrum gemeinsam mit weiteren Forschungseinrichtungen und den Unis in Dresden und Wroclaw aufbaut, sammelt er bereits Erfahrungen. Derzeit geht es um den Bau für das Institut, für das das alte Kondensatorenwerk unmittelbar an der Neiße genutzt werden soll. Am 17. Juni wollen alle Beteiligten das Projekt auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vorstellen, wenn er nach Görlitz kommt.

Aber natürlich ist das Großforschungszentrum noch mal eine Nummer größer oder besser gesagt Casus Faktor 10. Und Schmidt bekennt sich auch dazu, dass die öffentliche Förderung nur dann gerechtfertigt ist, wenn für jeden Euro Zuschuss auch zusätzlich zwei, drei Arbeitsplätze entstehen. Eine Wirkung, mit der Kretschmer erst in den 2030er Jahren rechnet. So lange wird der Aufbau dauern, aber der Strukturwandel ist ja auch bis 2040 ausgelegt. Es sei der Beitrag der Politik in dieser Generation, sagt Kretschmer, um zukunftssichere Arbeitsplätze in der Oberlausitz aufzubauen.

Herausforderung für den künftigen Standort

Die Zeit wird auch der Standort, also vielleicht Görlitz, benötigen, um die Voraussetzungen zu schaffen. Schmidt gibt einen Vorgeschmack darauf. Viele der Mitarbeiter des Zentrums werden junge Ausländer sein, die auf Zeit in Görlitz leben. Wenn sie ihre Familien mitbringen sollen, dann muss es Kitas mit englischsprachiger Betreuung geben. Auch internationaler Schulen oder zumindest internationale Klassen an bestehenden Schulen bedarf es. Ursu sieht diese Herausforderungen und verweist auf die Erfahrungen mit binationalen Klassen zum Abitur am Augustum-Annen-Gymnasium. Ob eine Oberschule mehr oder weniger notwendig ist, ist dann längst nicht mehr die Frage.

Für Sebastian Schmidt überwiegen aber die Chancen. Der Physiker stammt aus Greifswald. Wo er aufgewachsen ist, Radfahren gelernt hat und seine Freizeit verbrachte, da steht jetzt das Max-Planck-Institut für Plasma-Chemie. Und weil er selbst erlebt hat, dass eine Region durch ein Großforschungszentrum einen richtigen Schub erhalten habe, ist Schmidt "auch nicht bange, dass wir das in der Lausitz hinbekommen."

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