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Der Görlitzer Gipfelstürmer

Christoph Scholze ist Innovationsmanager bei Siemens. Doch der 40-Jährige denkt darüber hinaus. Das bleibt auch in Sachsen nicht unbemerkt.

Christoph Scholze entspannt in seinem Garten mitten in der Görlitzer Innenstadt.
Christoph Scholze entspannt in seinem Garten mitten in der Görlitzer Innenstadt. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Wenn Christoph Scholze so lässig mit "Kaffeetopp" und in kurzen Hosen in seinem Garten sitzt, dann kontrastiert dieses Bild alles, was ihn sonst den Tag über beschäftigt. Scholze ist umtriebig, ein Stratege voller Ideen im Kopf und ein leidenschaftlicher Sportler. Auf seiner Seite im sozialen Netzwerk Facebook erkennt man ihn auf Fotos im ewigen Schnee und auf hohen Bergen. Aber der 40-Jährige findet hier mitten in der Görlitzer Gründerzeitstadt, beim Bepflanzen von Töpfen, die Ruhe und Entspannung, die er für seine eigentliche Arbeit benötigt.

Die bedeutet Konzepte schreiben, Kontakte knüpfen, Firmengründern helfen. Reisen, reden, zuhören. Christoph Scholze ist Innovationsmanager und gerade dabei, den Innovationscampus bei Siemens ins Laufen zu bekommen. Die erste Firma hat sich mit der Eco-Softfibre und ihrem ökologischen Schaumstoff aus Lederabfällen bereits eingemietet, im August war der neue Chef von Siemens Energy, Christian Bruch, in Görlitz, jetzt kommen Industrieregionen aus Sachsen nach Görlitz, um sich über den Wandel auszutauschen. Es bewegt sich etwas an der Görlitzer Lutherstraße.

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Ungeplant, aber nicht ungelegen

Christoph Scholze ist ungeplant in diese Rolle geschlüpft. Denn als Siemens vor drei Jahren beabsichtigte, den Görlitzer Standort dichtzumachen, da protestierten die Mitarbeiter nicht nur mit Trommelwirbel  vorm Werkstor und in Berlin, sondern sie entwarfen auch eine Zukunftsstrategie. Die hieß: Zusammen mit Partnern neue Technologien und Produkte entwickeln. Bis dahin gab sich Siemens - auch in Görlitz - ziemlich  zugeknöpft und abgeschirmt. 

Ungelegen kam Christoph Scholze diese Rolle als Innovationsmanager aber nicht. Der gebürtige Berthelsdorfer machte nach der Schulzeit zuerst eine Kfz-Lehre in München, ehe er das Abitur nachmachte und anschließend an der Hochschule in Zittau Maschinenbau studierte. Bei Siemens stieg er als Konstrukteur ein, merkte aber schnell, das ihn diese Arbeit nicht erfüllte. So widmete er sich eine Zeit lang der Prozessentwicklung im Unternehmen, trimmte die Produktion auf Kostendisziplin. Da war es nur noch ein kleiner Schritt zum Innovationsmanager, anfangs noch in Kombination als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender.

Termin beim Vorstandsvorsitzenden: Die Görlitzer Siemens-Mitarbeiter Constanze Bennes, Christoph Scholze und Steffen Bachran (v. li.) übergaben im Januar 2018 Siemens-Chef Joe Kaeser in München das Zukunftspapier für den Görlitzer Standort.
Termin beim Vorstandsvorsitzenden: Die Görlitzer Siemens-Mitarbeiter Constanze Bennes, Christoph Scholze und Steffen Bachran (v. li.) übergaben im Januar 2018 Siemens-Chef Joe Kaeser in München das Zukunftspapier für den Görlitzer Standort. © Archivfoto: privat

Ehe er aber in dieser Rolle auf sich aufmerksam machte, begleitete er die Radfahrer-Stafette  im Januar 2018 zur Siemens-Versammlung nach München. Wie da die Görlitzer Wind, Sturm, Schnee widerstanden und dann auch noch die Gelegenheit hatten, Siemens-Chef Joe Kaeser ihre Zukunftsstrategie zu übergeben, das hatte in einem deutschen Arbeitskampf Seltenheitswert.

Und sprach sich herum. Bis zu den Machern der Sächsischen Landesausstellung, die derzeit in Zwickau zu sehen ist. Ursprünglich wollten sie die Siemens-Radler als ein Symbol für die sächsische Industrie ausstellen: Protest und Widerstand einerseits, aber in der Krise auch neue Ideen andererseits.  Doch das Konzept wandelte sich, und jetzt werden 20 Zukunftsmacher von Sachsen ausgestellt. Einer von ihnen ist Christoph Scholze. 48.000 Besucher haben sein Video in Zwickau bereits gesehen.

Christoph Scholze ist einer von 20 Sachsen, die auf der Sächsischen Landesausstellung in Zwickau als Zukunftsmacher ausgestellt werden.
Christoph Scholze ist einer von 20 Sachsen, die auf der Sächsischen Landesausstellung in Zwickau als Zukunftsmacher ausgestellt werden. © Sächsische Landesausstellung

Die Szenerie in Zwickau ähnelt ein wenig der von der Landesausstellung in Görlitz. Damals berichteten Polen und Deutsche in Videos im Schlesischen Museum von ihren Erfahrungen mit dem Kriegsende. Dieses Mal hängen die 20 Monitore in einer dunklen Halle, und alle berichten sie davon, wie sich ihre Regionen wandeln werden. Für Scholze ist es die Oberlausitz, das ist ihm wichtig.

Christoph Scholze hat durch seine Erfahrungen bei Siemens eine klare Vorstellung davon. Auf seinen Reisen für den Innovationscampus kam er in Kontakt mit Ministern und Unternehmenschefs, mit Gewerkschaften und Ministerpräsidenten, er sitzt im CDU-Kreisvorstand in Görlitz, berät die Görlitzer Stadtpolitik im Wirtschaftsausschuss. Aber eine Parteibrille hat er deswegen nicht auf. Als er im Herbst 2017 als langjähriger CDU-Wähler auch in die CDU eintrat, trieb ihn das Wahlergebnis und der große Erfolg der AfD an. Doch er findet Bundesarbeitsminister Heil von der SPD beispielsweise auch sehr gut - und sagt es auch rundheraus. 

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel das Görlitzer Siemens-Werk besuchte, stand Christoph Scholze (re.) neben ihr. 
Als Bundeskanzlerin Angela Merkel das Görlitzer Siemens-Werk besuchte, stand Christoph Scholze (re.) neben ihr.  © nikolaischmidt.de
Und auch beim Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei Siemens gehörte Christoph Scholze (vorn rechts) zum Empfangskomitee. 
Und auch beim Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei Siemens gehörte Christoph Scholze (vorn rechts) zum Empfangskomitee.  © nikolaischmidt.de

Schließlich lernte er Wissenschaftler kennen, die auf neue Weise Firmen und ganze Regionen bei den anstehenden Veränderungen helfen wollen. Sie gründeten die Initiative Grantiro, was auf Spanisch so viel wie Großer Wurf heißt und die bereits so große Unternehmen wie General Electric, der große Siemens-Konkurrent in den Vereinigten Staaten, berät. Gründer der Initiative sind Christoph Wecht, Universitätsprofessor an der sehr bekannten Uni von St. Gallen (Schweiz) und der Unternehmensberater Peter E. Rasenberger. Sie wollen den Kreislauf der üblichen Sanierung von Firmen durchbrechen: Unternehmen kommen durch technologische Entwicklungen in Probleme, ihr Geschäft bricht weg, Mitarbeiter müssen entlassen, Kosten eingespart werden. Stattdessen wollen sie Unternehmen, deren Geschäftsgrundlage von der Digitalisierung bedroht ist, die aber im Kern gut aufgestellt sind und motivierte Mitarbeiter haben, auf ihre Art helfen: Zusammen mit den Mitarbeitern neue Ideen und Konzepte entwickeln, um die Firma neu auszurichten. 

Wissenschaftler stoßen Innovationsprozess an

Genau das schwebt Christoph Scholze auch für die Oberlausitz vor. Deswegen hat er zusammen mit Wecht und Rasenberger ein Konzept für den Zukunftsmarkt Oberlausitz erarbeitet.  Dessen Kern: Aus den vorhandenen Unternehmen, zusammen mit Hochschulen und Forschungslaboren sowie engagierten Menschen, sollen neue Produkte und Firmen entstehen. Als ersten Schritt wählt Grantiro bei einem Innovationstest unter interessierten Oberlausitzern die innovativsten aus. Sie entwickeln dann mit Wissenschaftlern und Unternehmern neue Geschäftsmodelle, die wiederum innerhalb von 18 Monaten an den Markt kommen sollen. Zentrale Anlaufstelle soll  ein Büro in Görlitz sein.

Noch hört sich das alles nach grauer Theorie an. Doch Christoph Scholze ist fest von diesem Weg überzeugt . "Überall werden wir jetzt aufgefordert, dass wir Ideen für die Kohlemillionen liefern sollen", sagt er. "Aber damit ist es nicht getan". Zumal es auch nicht darum gehen kann, den zehnten Spielplatz in einer Kommune zu bauen. Am Ende müssten Arbeitsplätze das Ziel sein, Wertschöpfung.  Zwei Jahre hat er an dem Konzept gearbeitet, hat geschaut, was die Region hat, wo sie zur Spitze zählt, was noch nötig ist. Und dafür braucht es einen langen Atem.

Scholze hat ihn, jetzt benötigt er Unterstützung für das Grantiro-Vorhaben. Dann, da ist der zweifache Familienvater sicher, könnte der Strukturwandel zu einer sächsischen  Erfolgsgeschichte werden. Die Digitalisierung ist für ihn kein Schreckgespenst: "Sondern eine riesige Chance" 

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