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So will Görlitz zu neuen Straßenbahnen kommen

Modellstadt Nahverkehr, autonome Quartierbusse, smarte Haltestellen - dafür wirbt Görlitz nun um 67 Millionen Euro aus dem Kohleausstieg.

So soll die Straßenbahn in Görlitz nicht mehr lange fahren.
So soll die Straßenbahn in Görlitz nicht mehr lange fahren. © Nikolai Schmidt

Dresden hat jetzt seine erste moderne Straßenbahn von Alstom erhalten. Sie wurde auch in den Werken Görlitz und Bautzen des französischen Konzerns gebaut. Auch Görlitz benötigt neue Bahnen.

Doch ehe es so weit ist, muss Görlitz die Finanzierung klären. Dazu will die Stadt gern die Kohleausstiegsmillionen nutzen. Im ersten Anlauf wurde der Görlitzer Antrag zwar von der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS) gutgeheißen und mit einer hohen Benotung versehen, doch der regionale Begleitausschuss für die Oberlausitz schickte den Antrag wieder zurück. Er sei noch nicht qualifiziert genug, hieß es offiziell. Inoffiziell machte Kritik die Runde: zu viel Geld, ungenügende Innovation, es sei ein normaler Kauf von neuen Straßenbahnen, keine Arbeitsplatzeffekte.

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Nun hat Görlitz seinen Antrag neu zusammengestellt und formuliert. Dabei geht es nicht nur um neue Straßenbahnen, sondern auch um autonomes Fahren, Wasserstoffantrieb , um moderne Kundeninformation, die Vernetzung mit dem Umland, die Klimawende. Der regionale Begleitausschuss muss auf seiner nächsten Sitzung am 3. November in Hoyerswerda nun darüber entscheiden. Die SZ stellt die Görlitzer Pläne exklusiv vor.

Beschaffung von acht neuen Straßenbahnen

Acht neue Straßenbahnen will die Stadt kaufen. Die ersten Fahrzeuge könnten im Probebetrieb ab Ende 2024 eingesetzt werden, im Regelbetrieb sollen die Bahnen ab 2026 fahren. Hinzu kommt ein schienengebundenes Erprobungsfahrzeug für alternative Antriebstechnologien wie Wasserstoff. Damit nicht genug will die Stadt zwei Testbusse für den autonomen Betrieb in den Stadtquartieren anschaffen. Sie sollen als Quartierbusse die Fahrgäste einsammeln und zu den zentralen Haltestellen der Bahn bringen. Perspektivisch können sollen Quartierbusse auch die Fahrgäste aus Umlandgemeinden zu den Haltestellen der Görlitzer Straßenbahn bringen und so Individualverkehr ersetzen. Mit dem Einsatz solch autonom fahrender Quartierbusse rechnet die Stadt im Jahre 2026. Kostenpunkt für all diese Fahrzeuge: 43,8 Millionen Euro.

Ausbau des Demianiplatzes und des Südausgangs

Am oberen Demianiplatz kommen viele Regionalbusse an oder fahren ab, am Südausgang landen die Berufspendler, Touristen und Einheimische, wenn sie mit der Bahn nach Görlitz kommen. Deshalb sollen diese beiden für den öffentlichen Nahverkehr neuralgischen Punkte neu gestaltet werden. Der Südausgang könnte 2024, der Demianiplatz 2025 umgebaut werden. Ziel ist es, hier Bus und Bahn gut zu vernetzen, die Fahrgäste über digitale Systeme zu informieren und den Individualverkehr sowie den Parksuchverkehr zu verringern. Kostenpunkt zusammen: 5,6 Millionen Euro.

Bau einer barrierefreien Smart-Haltestelle Straßenbahn

Die Haltestellen für die Straßenbahnen werden sich künftig stark von denen unterscheiden, die die Görlitzer bislang gewohnt waren. Viel stärker ausgeprägt wird die Kommunikation sowohl der Fahrgäste an der Haltestelle als auch in den Bahnen sein, später könnten vollautomatisierte und autonome Fahrzeuge eingesetzt werden. An einer Musterhaltestelle sollen verschiedene Dinge dafür ausprobiert werden. Sie könnte zwischen 2023 und 2025 errichtet werden. Kostenpunkt: 800.000 Euro.

Einrichtung einer Modellstrecke in Königshufen

Die Strecke zwischen Alexander-Bolze-Hof und dem Wiesengrund im Görlitzer Stadtteil Königshufen eignet sich als Modellanlage, weil sie separat vom übrigen Straßensystem besteht. Hier soll autonomes Fahren ausprobiert werden. Dafür muss der Abschnitt mit Sensor- und Netzwerktechnik ausgerüstet werden. Ab 2023 könnte der Streckenumbau beginnen. Kostenpunkt: 1,04 Millionen Euro.

Umbau des Betriebshofes der Verkehrsbetriebe

Der Betriebshof der Görlitzer Verkehrsbetriebe an der Zittauer Straße muss aus verschiedenen Gründen neu gestaltet werden. Zum einen sind die neuen Straßenbahnen breiter und benötigen neue Instandhaltungsanlagen. Zum anderen aber geht es auch um neue Betankungsanlagen, beispielsweise künftig für Wasserstoff-Busse. Der Komplettumbau könnte bis 2026 abgeschlossen werden. Kostenpunkt: 10 Millionen Euro.

Verkehrsbetriebe wollen Energie selbst erzeugen

Dezentrale Einheiten sollen die Energie für die Verkehrsinfrastruktur erzeugen. Zudem sollen Gleichspannungsunterwerke auch als Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge zur Verfügung stehen. Kostenpunkt: 5,175 Millionen Euro.

Investitionen in neue Sicherheitstechnik für den Betrieb

Wenn später einmal autonom fahrende Busse oder Bahnen eingesetzt werden, bedarf es ganz neuer Sicherungs- und Signalanlagen. Sie sollen ab 2023 auf einem Streckenabschnitt zur Landeskrone im Görlitzer Stadtteil Biesnitz aufgebaut werden. Kostenpunkt: 1,265 Millionen Euro.

Gesamtkosten für das Projekt: 67 Millionen Euro

Die einzelnen Punkte des Görlitzer Antrags belaufen sich auf 67 Millionen Euro. Sieben Millionen Euro würden der Eigenanteil der Görlitzer Verkehrsbetriebe sein, 60 Millionen Euro sollen aus dem Kohleausstieg fließen. Damit verringert sich das Antragsvolumen um rund 25 Millionen Euro. Aber nicht dadurch, dass die Kosten des ersten Antrags einfach verringert wurden, sondern der zweite Antrag fasst die Projekte neu zusammen. Manches, was erst zu einem späteren Zeitpunkt, also nach 2026, wünschenswert wäre, könnte in einem zweiten Antrag enthalten sein. Dazu zählen die Erweiterung des Straßenbahnnetzes nach Zgorzelec, zum Klinikum und nach Rauschwalde, der Einsatz von Quartierbussen auch in Umlandgemeinden. Ob dieser zweite Antrag aber jemals gestellt wird, entscheidet sich erst in ein paar Jahren.

Die Stadt sieht gleich verschiedene Vorteile durch das Programm "ÖPNV-Modellstadt". Zum einen würden die 100 Arbeitsplätze bei den Görlitzer Verkehrsbetrieben gesichert, 20 neue Arbeits- und Ausbildungsplätze sind vorgesehen. Die Stadt sieht weiter positive Folgen für die Forschungslandschaft in der Stadt, die sich gerade mit Wasserstoffantrieb oder autonomen Fahren beschäftigt, mit Digitalisierung und Speicherung von Energie. Für sie wäre es wichtig, ihre Ideen im Alltag zu erproben. Dafür bieten sich die Görlitzer Verkehrsbetriebe an.

Das wiederum könnte auch junge Leute anziehen, die an solchen Vorhaben mittun wollen. Schließlich könnte ein solches System auch günstige Auswirkungen auf die Umwelt haben. Mit den neuen Straßenbahnen rechnen die Verkehrsbetriebe, ab 2025 jedes Jahr jeweils drei Prozent Strom zu sparen.

Der Ausbau des Straßenbahnnetzes soll wiederum Bus- und Autoverkehr reduzieren, was zur Einsparung von Dieselkraftstoffen führt - auch wenn im Gegenzug dann mehr Strom benötigt wird. So ersetzt eine Straßenbahn, nach Berechnungen der Branche, zwei Solobusse oder 100 Pkws. Görlitz will daher unbedingt an der Straßenbahn festhalten und nicht, wie Landrat Bernd Lange vorschlug, auf O-Busse umsteigen. Oberbürgermeister Octavian Ursu sieht die Straßenbahn vielmehr als Fortsetzung der dringend nötigen Modernisierung des Eisenbahnnetzes und -verkehrs.

Ziel: Mehr Menschen sollen mit Bus oder Bahn fahren

All diese Effekte hatte bereits der Leitfaden für eine klimaneutrale Stadt Görlitz bis 2030 für den Verkehrssektor aufgeführt. Schon heute entfallen rund zwei Drittel des Fahrgastaufkommens in Görlitz von rund drei Millionen Passagieren im Jahr auf die Straßenbahnen. Künftig könnte der Busverkehr am Abend oder an den Wochenenden, so heißt es in dem Leitfaden, durch flexible Klein- oder Quartierbusse ersetzt werden, die entweder mit Wasserstoff oder Strom angetrieben werden. Der Leitfaden sah das Jahr 2025 als realistische Wegmarke für den Einsatz dieser Fahrzeuge vor. Busse sollen in Görlitz ab 2030 generell nur noch mit Wasserstoff fahren.

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Wenn alle Elemente der ÖPNV-Modellstadt Görlitz umgesetzt werden, rechnete der Leitfaden eine Einsparung des Individualverkehrs von 20 Prozent bis 2030 vor - dazu zählt aber auch eine gezielte Verteuerung des Parkraums, gerade in der Innenstadt. Einen ersten Vorgeschmack erhielten die Görlitzer mit den Beschlüssen im Stadtrat im Oktober, als die Parkgebühren angehoben wurden. Die Verteuerung des Anwohnerparkens wird demnächst wohl folgen.

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