merken
PLUS Görlitz

Görlitzer Apps machen das Leben einfacher

Görlitz soll Innovationsstadt werden. Viele tragen dazu jetzt schon bei. Zwei neue Apps, die hier entstanden sind, stellt die SZ vor.

Anika Neu vom Senckenberg-Museum probiert die neue App zum Bestimmen von Bodentieren im Stadtpark Görlitz.
Anika Neu vom Senckenberg-Museum probiert die neue App zum Bestimmen von Bodentieren im Stadtpark Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Einen Käfer, eine Ameise oder eine Kellerassel kann wohl jeder erkennen. Was aber ein Beintastler ist, ein Felsenspringer oder ein Pseudoskorpion aussehen, darüber lässt sich für die meisten sicher noch etwas lernen.

Das geht jetzt mit einer neuen App des Görlitzer Naturkundemuseums. Wer sich im Wald, Park oder Garten auf die Suche macht und ein Bodentier findet, das er gern bestimmen möchte, kann es fotografieren, über eine Auswahl bestimmter Merkmale in der App herausfinden, wie es heißt, und sich zu einem Steckbrief weiterleiten lassen. Manche Gruppen lassen sich nur grob bestimmen, etwa mit dem Ergebnis "Ameise" oder "Käfer". Andere Gruppen aber, etwa Landasseln oder Hundertfüßer, kann man bis ins Detail untersuchen, um die genaue Art zu erfahren, da werden dann unbekanntere Namen angezeigt wie "Skolopender" oder "Erdkriecher".

Anzeige
Kundendiensttechniker (m/w/d) gesucht
Kundendiensttechniker (m/w/d) gesucht

Die ETN Elektro-Technik Niesky GmbH sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen Kundendiensttechniker (m/w/d).

Auch hässliche Tiere können nützlich sein

"Bodentiere sind leider nicht besonders beliebt, weil sie nicht so schön aussehen", sagt Willy Xylander, Direktor des Senckenberg Museums Görlitz und damit der größten Forschungseinrichtung in Deutschland für Bodenzoologie. "Aber viele von ihnen sind enorm wichtig für unsere Umwelt." Xylander bezeichnet Regenwürmer als "Recyclingingenieure", weil sie aus abgestorbenem Material fruchtbaren Boden machen, oder Hundertfüßer als "natürliche Schädlingsbekämpfung", weil sie unter anderem Nacktschnecken fressen.

Mithilfe der seit 2017 entwickelten App will Senckenberg um Sympathie für die Bodentiere werben. Das war ja auch schon mit der virtuellen Tour durch die Welt des Bodens gut gelungen, die wie die Bodentier-App zum bundesweiten Projekt Museum 4.0 gehörte. Konnte man dort per VR-Brille menschengroßen Würmern begegnen, die sich durch ein Loch im Boden wanden, wird man jetzt animiert, in die Natur zu gehen und zu entdecken, was im Boden lebt.

"Unser erster Eindruck ist, dass die App vor allem Menschen anspricht, die sich auch vorher schon mit der Bestimmung von Tieren oder Pflanzen beschäftigt haben", sagt Anika Neu, die seit Anfang April am Senckenberg-Museum arbeitet, um die App "Bodentier hoch 4" bekannter zu machen. Die 29-Jährige stammt aus Güstrow, hat in Berlin Evolutionsbiologie studiert und sich für ihre Promotion in Greifswald mit Schmetterlingen in der Tierökologie beschäftigt.

Sie wird in den kommenden Monaten an Schulen, Ausbildungsstätten für Lehrer, Umweltbildungszentren und andere Institutionen in ganz Deutschland herantreten, um sie für die App zu begeistern. "Aber wir wollen auch Kurse und Workshops zum Umgang mit der App für Bürger in Görlitz anbieten und sie damit zugleich weiterentwickeln", sagt Anika Neu.

App-Nutzer helfen Senckenberg bei der Forschung

Wer die App ausprobieren möchte, ist gut beraten, das Programm zunächst auf der Seite bodentierhochvier.de zu erkunden. Dann ist der Zugang zur mobilen Anwendung leichter. Einfach das Tier zu fotografieren und durch die App automatisch bestimmen zu lassen – das geht leider noch nicht. "Und das werde ich zu meinen Lebzeiten wohl auch nicht mehr erleben", sagt Willy Xylander. Beim Bestimmen von Vögeln sei das einfacher. Da brauche man das Handy nur in den Wald zu halten, den Gesang aufzunehmen und im Internet abgleichen zu lassen. "Aber eine Melodie ist für die Künstliche Intelligenz leichter zu erkennen als ein Foto."

Die Bodentier-App ist nicht nur ein Bestimmungswerkzeug. Sie dient auch der Bodenforschung selbst. Wenn man nämlich ein Tier erkannt hat, kann man den Fund in der App melden, er wird per GPS erfasst und fließt in eine riesige Internetdatenbank ein, in der Senckenberg Görlitz alles zur Bodendiversität sammelt. "Diese Datenbank ist zum europäischen Standard geworden", sagt Willy Xylander, "aber wir sehen, dass wir noch große Informationslücken haben, was die Verbreitung der Arten angeht." Mit der App könne sich das nun ändern.

Sicherheit geht vor

In Görlitz hat Matthias Schmidt die Likewise-App entwickelt.
In Görlitz hat Matthias Schmidt die Likewise-App entwickelt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ob auf der Wiese oder daheim, auf den Ort kommt es bei Matthias Schmidt für das, was er macht, selten an. Deshalb ist für ihn Homeoffice schon seit Jahren Alltag. Dabei sitzt er nicht am Küchentisch, der vielen seit Monaten als Ersatzarbeitsplatz dient, er hat sein Büro daheim. Und seine Mitarbeiter sitzen aktuell in Berlin, München, Salzburg. In ihrer Branche sieht Homeoffice schon seit Jahren anders aus, als es viele in der Pandemie kennengelernt haben.

Er ist App-Entwickler, hat in Görlitz das Unternehmen Pixelflush gegründet. Der 33-Jährige hat schon in England gearbeitet, in San Francisco und Boston, wo er die App- und Anwendungsentwicklung kennenlernte. In Salzburg hat er studiert. "Doch ich wollte nach dem Studium gern wieder in meine Heimat zurück", erzählt der gebürtige Görlitzer. "Die Arbeitswelt bleibt mir ja offen."

In jüngster Zeit hat er beispielsweise die App "Pumatrac" entwickelt, eine Fitnessapp des Sportartikel-Herstellers Puma. In Görlitz ist seine Landskron-App durch das Kronkorken-Gewinnspiel recht bekannt.

Matthias Schmidt hat schon als 15-Jähriger programmiert, darunter eine Art Vorgänger von Facebook, ein soziales Netzwerk für Görlitz, "Reality Net". Wie groß die Skepsis vieler gegenüber Facebook, Whatsapp und Co. ist, hatte kürzlich die Debatte um die neuen Nutzungsbedingungen von Whatsapp gezeigt. Bei einem Thema ist der Datenschutz besonders wichtig: wenn es um Gesundheit geht.

Für alle, denen es um Gesundheit geht

Dafür hat Schmidt nun ein besonderes soziales Netzwerk entwickelt, Likewise heißt es. Die Idee kam von Matthias Gahmann vom Sozialen Netzwerk Lausitz. "Entstanden ist es aus der Selbsthilfe", erzählt er. Das Soziale Netzwerk Lausitz bietet mehrere Selbsthilfe-Gruppen an. Wie wichtig dabei zunehmend digitale Möglichkeiten sind, hat die Pandemie gezeigt, als Treffen oft nicht möglich waren.

Dass aber die Sorge vorm digitalen Treff über die bekannten Plattformem groß ist, hat Gahmann sogar schwarz auf weiß, durch eine Umfrage von Selbsthilfeverbänden mehrerer Bundesländer. "Betroffene hätten gerne eine digitale Austauschplattform", erzählt er. "Aber es geht um sehr persönliche Dinge. Um die Gesundheit, mitunter um konkrete Diagnosen." Daten, bei denen man nicht will, dass im Hintergrund Profile erstellt werden, um etwa passende Werbung auszuspielen. Mit der Likewise-App stieß das Soziale Netzwerk Lausitz bei der AOK auf offene Ohren, die die App unterstützt.

Sie richtet sich an alle, die sich zum Thema Gesundheit austauschen wollen. Ob es um Hobbys geht, Probleme in der Familie, Stress oder konkrete Erkrankungen. Man muss nur wenig preisgeben. "Wir haben das auf das Minimale begrenzt", sagt Gahmann. Das war auch die Aufgabe an Matthias Schmidt. "Wir haben zum Beispiel von Beginn an festgelegt, dass es kein Tracking geben soll", erklärt Schmidt, also kein Daten-Sammeln.

Alles gelöscht nach 30 Tagen

Einen Klarnamen muss man nicht angeben, nur die E-Mail-Adresse. "Aber etwas zur Identifikation brauchen wir." Zum Beispiel, falls jemand sich berufen fühlt, in der Anonymität Hass abzuladen. Es gibt verschiedene Arten von Gruppen, ganz offene bis hin zu solchen, in die ein Moderator aus dem Gesundheits- und Selbsthilfebereich vor Ort einlädt. Vieles ist verschlüsselt. Und: Alles, was man geschrieben hat, wird nach 30 Tagen gelöscht.

Bei Apple finden Entwickler Programmierwerkzeuge, die die Arbeit vereinfachen. Das war hier keine Option, weil diese Werkzeuge bestimmte Module beinhalten, die Likewise nicht bekommen soll. Das bedeutet für Matthias Schmidt manchen technischen Umweg. Er hat eigentlich Arbeit für Jahre auf dem Tisch. An die Likewise -App hat er sich trotzdem gesetzt. Das Pandemie-Jahr habe in ihm den Wunsch ausgelöst, mit seinen Fähigkeiten etwas für die zu tun, die von der Krise stark betroffen sind. Derzeit läuft Likewise im Apple-Store als Testversion, ab September soll es die fertige Version geben.

Mehr zum Thema Görlitz