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Warum die Oberlausitzer Wölfe an Grenzen kommen

In Sachsen steigt die Zahl der Wölfe. Doch im Ostteil des Landes, wo sie zuerst auftraten, ist die Entwicklung eine andere.

Symbolbild
Symbolbild © Symbolfoto: dpa

Rund 70 Wölfe mehr in Sachsen – schaut man nur auf die Entwicklungszahlen vom 1. Mai 2019 bis zum 30. April 2020 – dem wissenschaftlichen Wolfsjahr – entsteht der Eindruck von einem deutlichen Wolfszuwachs. Doch man muss genau auf Daten blicken– die SZ hat das getan und fasst zusammen:

Anzahl: Welpen gegen Totfunde aufrechnen, greift nicht

Laut dem sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie wurden im vergangenen Beobachtungszeitraum mindestens 96 Welpen geboren. 80 davon in der Oberlausitz, hinzu kommen drei Junge aus dem Hohwaldrudel. Dessen Revier reicht großräumig in den Landkreis Bautzen hinein. Überlappungen mit anderen Revieren in Brandenburg, Polen und Tschechien wurden nur in einem Fall berücksichtigt. Tot aufgefunden hat man 24 Tiere.

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Zieht man die toten Tiere von den Welpen ab, ergibt das rechnerisch einen Wolfszuwachs von 59 Wölfen für die Oberlausitz. Allerdings werden nicht alle gestorbenen oder auch illegal geschossenen Wölfe entdeckt. Zudem wandern junge Tiere nach ein, zwei Jahren teilweise ganz aus der Oberlausitz ab. Viele Rudel in Westpolen, Niedersachsen, Brandenburg und anderen Regionen gehen auf hiesige Raubtiere zurück. Auch in Dänemark sind Lausitzer Wölfe aufgetaucht.

Insgesamt lebten bis Ende April dieses Jahres 23 Rudel in der Oberlausitz, das aus dem Hohwald eingerechnet. Nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) könne man durchschnittlich von acht bis zehn Tieren pro Rudel ausgehen – Welpen eingeschlossen. Das ergäbe zwischen rund 180 und 230 Tieren.

Die Rudelgröße schwankt aber. So gab es in diesem Mai laut DBBW vier Junge bei einem Paar in den Königshainer Bergen, das letztes Jahr noch keine hatte. Damit zählt dieses Rudel nur sechs Tiere. Bei den Daubitzer Wölfen hatten sich 2018/2019, laut Landesamt, Mutter und Tochter mit Brüdern verpaart und mindestens acht Welpen bekommen. Damit hätte das Rudel aus mindestens zwölf Tieren bestanden. Vielleicht lebten auch noch einjährige weitere Wölfe im Rudel. Damit käme man deutlich auf über zehn.

Die Sterblichkeit: 50 Prozent der Welpen überleben nicht

Acht Welpen beim Knappenrode/Seenland-Rudel, acht bei den Daubaner Tieren, sechs im Neustädter Revier – auch für das laufende Wolfsjahr, das bis Ende April 2021 geht, haben Wissenschaftler vom Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung schon einiges an Nachwuchs festgestellt. Ende November zeigte die Statistik für die Landkreise Bautzen und Görlitz 46 Junge an. Es ist aber unwahrscheinlich, dass alle überleben. Nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) liegt die Sterblichkeit bei Welpen im ersten Lebensjahr bei etwa 50 Prozent. Von 105 in der Oberlausitz tot aufgefundenen Wölfen (seit 2006) waren laut Statistik 58 Welpen.

Als Todesursache stellten die Experten vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung vor allem die Folge von Verkehrsunfällen fest. Doch es gab auch natürliche Gründe wie „vermutlich verhungert“ oder „im Löschteich ertrunken“. Jährlinge kamen unter anderem bei Revierkämpfen um. Die Zahl der toten entdeckten Wölfe hat sich in Sachsen 2019/2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, laut Landesamt, verdoppelt. In den ersten sechs Monaten des aktuellen Beobachtungszeitraums seien sechs Wölfe durch Verkehrsunfälle gestorben. Auch wurden im Freistaat seit Beginn der Statistik neun Tiere illegal getötet. Kein Fall sei bislang aufgeklärt worden.

Der Platz: Bis zu 14.000 Wölfe in Deutschland denkbar

Im Mai schreckte eine Studie zum Thema Wolf die Halter von Schafen, Ziegen und Co. auf. Darin war zu lesen, dass es in Deutschland Platz für 700 bis 1.400 Wolfsterritorien gebe. Und für um die 14.000 Tiere. Veröffentlicht wurde die Untersuchung vom Bundesamt für Naturschutz; das hatte fürs Bundesgebiet zuletzt 128 Rudel angegeben. Heruntergebrochen auf die Länder wurden die Zahlen aus der genannten Studie nicht. Die Autoren sind von einer durchschnittlichen Territoriumsgröße von 200 Quadratkilometern ausgegangen. „Das kann je nach Standort und Nahrungsverfügbarkeit jedoch unterschiedlich sein“, teilt Karin Bernhardt vom sächsischen Landesamt mit. Sie reagiert damit auch auf die Kritik einer Bürgerinitiative zur „Begrenzung der Wolfspopulation/Lausitz“.

Deren Sprecherin hatte bemängelt, dass bei einer Veranstaltung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung gesagt wurde, Wolfsgebiete seien immer 200 Quadratkilometer groß. Laut Karin Bernhardt kann das aber variieren. Grundsätzlich seien alle Naturräume in der Oberlausitz für Wölfe geeignet. Orientiert man sich nur an den Zahlen und nimmt als Grundlage die Wald- und Landwirtschaftsfläche der Oberlausitz sowie die Tagebaue und geht von einer Reviergröße von 100 bis 200 Quadratkilometern aus, die Spanne nennt die DBBW, sind in der Region etwa 20 bis 40 Rudel vorstellbar.

Aber: „In der Lausitz wird die Zahl der Wölfe nicht mehr oder nur noch sehr wenig steigen“, hatte Ilka Reinhardt, die Leiterin des Lupus-Instituts, vergangenes Jahr gesagt. Deutschlandweit wachse die Population rasant um jährlich über 30 Prozent. Der Anstieg der Territorien in der Lausitz sei im Vergleich zu anderen Gebieten, wie zum Beispiel in Niedersachsen oder Teilen Brandenburgs, deutlich geringer, heißt es beim Landesamt. In Sachsen verlaufe das Bestandswachstum bisher sehr gleichmäßig. In der Oberlausitz, insbesondere im Gebiet nördlich der A4, habe es sich deutlich abgeflacht.

Der Blick in die Statistik der vergangenen Jahre zeigt 2016/17 in den Kreisen Bautzen und Görlitz elf Rudel, ein Jahr später 18, dann 17 und nun 23. Nicht alle Rudel behaupten sich. Das Biehainer gilt nach dem Tod der trächtigen Fähe als nicht mehr existent. Das Daubitzer Rudel hat sich indes geteilt, nach dem die beiden Vater-Rüden, die sich mit Mutter beziehungsweise Tochter verpaart hatten durch andere, nicht miteinander verwandte Männchen ersetzt wurden. Das Territorium der nun zwei Rudel scheint annähernd gleich groß geblieben zu sein.

Nahrung: Jäger erlegen nicht weniger Wild als vorm Wolf

Das Senckenberg Museum für Naturkunde hat schon vor Jahren in einer Studie festgestellt, dass Reh-, Rot- und Schwarzwild die Hauptnahrung von Wölfen sind. Nur reichlich ein Prozent seien Nutztiere. Ein ausreichendes Nahrungsangebot ist eines der Hauptgründe dafür, dass Wölfe sich in einer Region ansiedeln, bleiben und sich vermehren. Verfolgt man die Jagdstrecken der regionalen Jägerschaft, also die Zahl der erlegten Tiere in der Oberlausitz, hat sich da beispielsweise beim Rotwild seit Auftauchen des Wolfes nicht viel verändert.

In ganz Sachsen gibt es seit Rückkehr des Wolfs vor 20 Jahren große Schwankungen bei der Schalenwildjagd, aber keinen Abwärtstrend. In Teilen der Oberlausitz hat der Wolf das Muffel weitgehend ausgerottet. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Wolf in der Region genug Nahrung findet.

Seuchen: Sie können Covid-19 kriegen, Schweinepest nicht

Eine Befürchtung, die mit der Ausbreitung des Wolfs einhergeht, ist die Angst vor Seuchen. Tatsächlich erkranken Wölfe immer wieder an Räude. Sie könnten zudem Tollwut bekommen und übertragen; allerdings gilt Deutschland zumindest nach den Kriterien der Weltorganisation für Tiergesundheit als tollwutfrei. An der Afrikanischen Schweinepest können Wölfe nach Auskunft des Friedrich-Löffler-Instituts, das ist die Bundesforschungseinrichtung für Tiergesundheit, nicht erkranken.

Eine Covid-19-Infektion sei nicht auszuschließen. Dafür müssten freilebende Wölfe erst „einmal in Kontakt mit dem Virus kommen“, so Sprecherin und Biologin Elke Reinking. Das Virus werde derzeit vor allem von Mensch zu Mensch übertragen; bei Wölfen aus der Haltung, zum Beispiel in Zoos, sei bislang keine Infektion bekannt.

Risse: Weniger Schafe, Ziegen und Co. vom Wolf getötet

Bis zum 23. November wurden dieses Jahr in ganz Sachsen 287 Nutztiere durch den Wolf erlegt und 39 verletzt; 24 gelten als vermisst. Von den getöteten Schafen, Ziegen und anderen Arten waren es 84 im Kreis Bautzen und 27 im Landkreis Görlitz. Im Vergleichszeitraum 2019 gab es in der Oberlausitz knapp 150 gerissene Nutztiere sowie einen getöteten Hund. Anders als in Brandenburg wird die Rasse des geschädigten Viehs nicht in der Statistik angezeigt.

Das künftig zu tun, fordert die Bürgerinitiative zur „Begrenzung der Wolfspopulation“. Geplant ist das laut Landesamt aber nicht, da der Wolf nicht nach Rasse, sondern nach Tierart jage und danach, wie das Vieh geschützt sei. Die Bürgerbewegung möchte zudem, dass der genaue Schadensort veröffentlicht wird, nicht nur das Stadt- oder Gemeindegebiet. Das sei in Sachsen aus Datenschutzgründen nicht möglich. Brandenburg setze die europäische Datenschutz-Verordnung anders um. Deswegen gebe es dort die Ortsteilinfo.

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