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Wohnen im Kriegsgefangenenlager?

Wo die Nazis Soldaten aus Europa zusammensperrten, könnten bald Wohnhäuser entstehen. Im Messiaen-Gedenkzentrum Görlitz/Zgorzelec sind die Sorgen groß.

Einst wurde auf dem Stalag-Gelände schon gebaut - das Begegnungszentrum.
Einst wurde auf dem Stalag-Gelände schon gebaut - das Begegnungszentrum. © Archiv: Pawel Sosnowski/80studio.net

Es wird noch dauern, bis die Klänge von "Quatuor pour la fin du temps“ zu hören sind. Das Stück, das wie kein anderes an die Tausenden Kriegsgefangen, die Toten des Stalag VIII A erinnert. Komponist Olivier Messiaen war selbst Gefangener des Lagers - in dem das Stück 1941 uraufgeführt wurde. Immer im Januar findet ein Gedenkkonzert statt. Dieses Jahr, ausgerechnet zum 80. Jahrestag, ist es um drei Monate verschoben, ebenso die Messiaen-Tage, die das Konzert umrahmen. Aber etwas anderes bereitet denen, die um das Stalag-Gedenken kämpfen, mehr Sorge: Baupläne auf dem Gelände.

Über die hatte Zgorzelec.info berichtet. Das Portal beruft sich dabei auf eine Informationstafel, laut der "ein Teil der Fläche des ehemaligen Lagers für die Entwicklung von Einfamilienhäusern und eines Gewerbegebiets genutzt werden" soll. Wie stark die Planungen das Lager betreffen würden, ist nicht bekannt. Die polnischen Journalisten scheinen den Plänen skeptisch gegenüber zu stehen: So sei etwa bekannt, dass es im Lager auch Hinrichtungen gab. "Es ist ein Gebiet, das alle Kriterien der Nationalen Gedenkstätte erfüllt."

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Die Hinweisschilder auf ein geplantes Wohngebiet sind auch dem Vorsitzenden des deutschen Vereins Meetingpoint Music Messiaen, Frank Seibel, schon seit längerer Zeit bekannt. Er betrachtet die Pläne mit Skepsis. Einerseits könne die Gedenkstätte durchaus davon profitieren, wenn sie nicht zu weit abseits liege, die Infrastruktur im Zgorzelecer Süden weiterentwickelt wird. Eine Anbindung ans städtische Bus-Netz etwa könne der Einrichtung gut tun. "Aber es muss ein deutlicher Abstand zum früheren Lagergelände gewahrt bleiben. Völlig unerträglich wäre es, wenn direkt gegenüber der Gedenkstätte gegrillt, gefeiert und gespielt würde."

Frank Seibel mit der damaligen FDP-Landtagsabgeordneten Kristin Schütz (l.) bei einer Führung auf dem ehemaligen Stalag-Areal.
Frank Seibel mit der damaligen FDP-Landtagsabgeordneten Kristin Schütz (l.) bei einer Führung auf dem ehemaligen Stalag-Areal. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Im Herbst 1939 ging das deutsche Kriegsgefangenenlager an der heutigen Ulica Lubańska in Betrieb, zunächst waren polnische Kriegsgefangene interniert. Ihre Aufgabe: das eigentliche Stammlager im damaligen Stadtteil Moys aufzubauen. Die deutsche Wehrmacht internierte hier Franzosen, Belgier, Serben, Jugoslawen, sowjetische Kriegsgefangene, später britische, nach dem Sturz Mussolinis italienische Soldaten, Anfang 1945 auch amerikanische. Etwa 30 Hektar, 60 Baracken, rechnet man auch die Kommandeursbaracken, die Kirchbaracke, Gefängnis, Lazarett mit ein. Rund 120.000 Kriegsgefangene bis 1945.

Die Baracken wurden kurz nach Kriegsende abgebaut, um das Material für den Aufbau anderer Städte wie Warschau zu verkaufen. Ein Denkmal von Tadeusz Dobosz wurde zur Erinnerung an die Kriegsgefangenen aufgebaut. Aber über Jahrzehnte verkam das Gelände zusehends. Das beschreibt Zgorzelec.info selbst: "Leider haben wir uns nicht um das Gebiet gekümmert, das mit der Zeit zu einer kleinen Müllkippe wurde."

Als einer der ersten hatte der Historiker und Lehrer Roman Zgłobicki mit seinem Buch "Kriegslager und Friedhöfe in Zgorzelec" die Aufmerksamkeit auf das Stalag gelenkt. In den 1990er Jahren entriss die Görlitzer Schriftstellerin Hannelore Lauerwald mit ihren Forschungen und Büchern das Stalag-Lager dem Vergessen. Auf ihren Grundlagen initiierte Mitte der 2000er der Theaterregisseur Albrecht Goetze den Verein Meetingpoint Music Messiaen, der sich um die Erinnerung an das Stalag VIIIa engagiert - mit Aufarbeitung der Geschichte, Bildungsarbeit, Veranstaltungen wie den Messiaen-Tagen. Seit 2002 gibt es außerdem die Stiftung "Erinnerung, Bildung, Kultur Stalag VIII A", die Kinga Hartmann seit 2016 leitet.

Kinga Hartmann in den Ausstellungsräumen vom Messiaen Zentrum im ehemaligen Stalag.
Kinga Hartmann in den Ausstellungsräumen vom Messiaen Zentrum im ehemaligen Stalag. © Archiv: Pawel Sosnowski/80studio.net

Dass die Baupläne wieder aktuell seien, habe sie durch Zufall voriges Jahr erfahren, erzählt sie. Teile des einstigen Lagers, erzählen Hartmann und Seibel, wurden der Gedenkstätte überschrieben - andere Teile nicht. Laut SZ-Informationen soll die Stadt Zgorzelec Grundstücksteile, die ihr gehörten, an einen Investor verkauft haben. Ein Spielplatz oder Geschäft etwa am Denkmal - auch für Kinga Hartmann schwer vorstellbar, "es ist nicht passend". Sie plädiert dafür, das ganze Gebiet unter Denkmalschutz zu stellen.

Wie viel Alltagsleben ist an einem Gedenkort möglich - wo sind die Grenzen? Was für Kinga Hartmann ein Unding wäre: Wohnhäuser über den menschlichen Überresten einstiger Inhaftierter.

Das Stalag ist insgesamt weniger gut erforscht als etwa die Konzentrationslager, sicherlich auch, weil diese mit ihrer systematischen Ausbeutung und Verbrechen an jüdischer Bevölkerung, politischen Gegnern, der Bevölkerung besetzter Gebiete, Sinti und Roma, Homosexueller, Menschen mit Behinderung, eine andere Rolle spielen in der Erinnerungskultur. Als ein deutsches Kriegsgefangenenlager, nach dem Zweiten Weltkrieg nun auf polnischem Boden, geriet das Stalag VIIIA auch aus dem Blick.

Wie viele starben, an Kälte, Krankheiten wie der Ruhr, Erschöpfung oder Erschießung im Stalag VIII A - man weiß es nicht genau. Der Messiaen-Verein geht von rund 10.000 Todesopfern aus, andere sprechen von 12.000. Es gab mehrere Exhumierungen. Bekannt ist etwa, dass die Leichen vieler russischer Gefangener in zwei Sammelfriedhöfen liegen, dass zahlreiche Amerikaner, Belgier, Franzosen, Jugoslawen, Polen und Italiener auf dem evangelischen Friedhof an der heutigen Ulica Cmentarna begraben wurden. Vieles ist aber nach wie vor nicht geklärt.

"Wenn die Stadt eine Wohnbebauung wirklich für eine solch gute Idee hält", sagt Kinga Hartmann, "dann muss es vorher archäologische Bodenuntersuchungen geben", fordert sie. Denn die Unsicherheit ist groß. "Wir wissen überhaupt nicht, ob in dem Gebiet, das bebaut werden soll, noch sterbliche Überreste liegen."

Was die Zgorzelecer Stadtverwaltung nun davon hält, bleibt unklar. Die Stadt ist selbst im Stiftungsrat vertreten. Eine Anfrage der SZ an Bürgermeister Rafal Gronicz ist seit über einer Woche unbeantwortet. Das Stalag VIII A ist nun bis nach Warschau Thema - bei Gronicz hat auch Malgorzata Tracz angefragt, Sejm-Abgeordnete der polnischen Grünen.

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