merken
PLUS Görlitz

Den Wölfen auf der Spur

Paul Lippitsch liebt die Natur, besonders den Wolf. Der spielt nun bei seinem Beruf eine große Rolle, denn Lippitsch erforscht, wo die Tiere in der Oberlausitz leben.

Paul Lippitsch kommt Wölfen in der Natur nicht so nahe wie hier jenem Wolf, der bis 1970 im Tierpark Görlitz lebte und jetzt ein Museumswolf ist.
Paul Lippitsch kommt Wölfen in der Natur nicht so nahe wie hier jenem Wolf, der bis 1970 im Tierpark Görlitz lebte und jetzt ein Museumswolf ist. © Nikolai Schmidt

Einem Wolf will wohl niemand im Wald begegnen. Obwohl die Tiere sehr scheu sind, steigen die Chancen, je mehr Rudel in den Oberlausitzer Wäldern unterwegs sind. Paul Lippitsch liefen sogar gleich drei Wölfe in der freien Natur über den Weg. Was andere kurz vor den Herzanfall gebracht hätte, ist für Lippitsch ein Glücksumstand gewesen. Denn Lippitsch beschäftigt sich von Berufs wegen mit Meister Isegrim.

Paul Lippitsch ist Wolfsforscher. Am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz befasst er sich in einem Projekt mit der Nahrungsökologie der Wölfe in der Lausitz. Das klingt hochtrabend, doch im Kern des tschechisch-deutschen Vorhabens geht es um nichts anderes als um die Akzeptanz des Wolfes. 2017 startete die Untersuchung, das Folgeprojekt läuft noch bis 2022. Schließlich ist das Senckenberg-Museum deutschlandweit führend bei der Wolfsforschung.

Gesundheit
Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Wovon der Wolf lebt

In dem Projekt wird festgehalten, wie sich der Wolf im Grenzgebiet ausbreitet und etabliert. Anfangs, etwa 2011/12, gab es nur zögerliche Beweise, dass sich der Wolf im Zittauer Gebirge und auf tschechischer Seite im Lausitzer Gebirge dauerhaft aufhält. Fotofallen, Sichtungen durch Jäger und Förster, Wolfsrisse an Nutztieren und die Untersuchungen von Paul Lippitsch und seinen Projektkollegen belegten, dass es seit März dieses Jahres mindestens vier Wölfe zwischen Lausche und Weberberg gibt.

Paul Lippitsch, der 32-Jährige, der aus Jauer bei Panschwitz-Kuckau stammt, erforscht dabei hauptsächlich, wovon der Wolf sich ernährt. "Rehe und Wildschweine stehen auf dem Speiseplan des Wolfes, mitunter auch Nutztiere wie Schafe und Ziegen", erläutert der Forscher. Der Wolf fresse das, was er am leichtesten erbeuten kann, sagt Lippitsch. Nutztiere, die ohne ausreichende Schutzzäune auf der Weide stehen, gehören dazu.

Spuren lesen in der Losung

Was der Wolf frisst, erfährt Paul Lippitsch aus dem Kot der Tiere, "Jäger sagen dazu Losung", erklärt er und ist sich nicht zu schade, diese Hinterlassenschaft des Wolfes einzusammeln. Um diese Nachweise zu finden, streift der Forscher durch die Lausitz, meist zu Fuß, manchmal mit dem Fahrrad. Dann fühlt sich der 32-Jährige in seinem Element. "Ich bin gern in der Natur draußen", sagt er. Sein Vater ist Biologie-Lehrer und engagiert sich sehr für den Naturschutz. Das färbte stark auf den Junior ab. "Das Thema Wolf fasziniert mich, seit es in der Lausitz überhaupt ein Thema wurde."

So war es kein Wunder, dass sich der studierte Ökologe und Umweltschützer mit Diplom von der Hochschule Zittau/Görlitz schon bald für die Wolfsforschung am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz interessierte. Professor Hermann Ansorge, Abteilungsleiter Zoologie am Senckenberg, holte Lippitsch während des Studiums zum Praxisseminar ans Senckenberg. 2015 trat der Hochschul-Absolvent eine zweijährige Volontärstelle bei Senckenberg an. Mittlerweile betreut Ansorge auch die Doktorarbeit des jungen Wolfsforschers.

Arbeitssprache ist englisch, aber sorbisch geht auch

Etwa einen Tag in der Woche ist Paul Lippitsch draußen unterwegs und sucht nach Belegen für die Anwesenheit des Wolfs. Der "Rest" der Woche ist der Datenaufarbeitung, den Forschungsberichten, den Losungsuntersuchungen und jeder Menge Bürokratie gewidmet. "Die Funde werden protokolliert und in die Datenbank eingearbeitet", erklärt der Forscher. Aus den Daten entstehen Karten, die den Wolfsbestand zeigen. Derzeit beschäftigt Lippitsch die Idee einer mobilen App, mittels der man Daten sozusagen vor Ort in Wald und Flur eingeben kann. Am Ende soll es eine gemeinsame tschechisch-deutsche Plattform im Internet geben, auf die alle Wolfsforscher zugreifen können.

Es sei viel wissenschaftlich auszuwerten, sagt Lippitsch. Das habe auch mit Mathematik und Statistik zu tun. Genau das macht die Sache interessant für den Forscher - Wahrscheinlichkeiten zu ermitteln, Vergleiche anzustellen und Vorhersagen zu treffen. Der 32-Jährige hat viel Freude an seiner Arbeit, denn immer wieder gibt es neue Erkenntnisse über den Wolf. Vor allem die Zusammenarbeit auf internationaler Ebene mit tschechischen Kollegen findet Lippitsch interessant. Zwar sei die Arbeitssprache englisch, aber Lippitsch versucht es immer öfter mit sorbisch, das dem tschechischen sehr ähnelt. Lippitsch ist gebürtiger Sorbe. "Die Verständigung klappt recht gut in sorbisch und tschechisch", freut er sich.

Vorfreude auf neues Senckenberg-Haus

Obwohl Paul Lippitsch keine Festanstellung am Senckenberg-Museum hat, fühlt er sich sehr wohl "und gut aufgehoben" an der Forschungseinrichtung. "Ich mag den familiären Umgang sehr, man versteht sich auch privat", betont Lippitsch. Vor allem aber die Arbeit in einem Kreis von sehr guten Wissenschaftlern schätzt der 32-Jährige. Er freut sich auf den Neubau für das Senckenberg-Museum auf der Bahnhofstraße, "mit geordneten Strukturen, viel mehr Platz und besseren Laborräumen". Doch er wird auch dem Humboldthaus nachtrauern. So ein historisches Gebäude, das vom Keller bis zum Dachboden für die Naturwissenschaften genutzt wird, "hat auch etwas sehr Schönes", sagt er.

Paul Lippitsch, der erst vor wenigen Wochen zum zweiten Mal Vater wurde, möchte gern dauerhaft am Senckenberg-Museum arbeiten. Auch wenn er demnächst mit der vierköpfigen Familie von Zittau zurück nach Panschwitz-Kuckau ins geerbte Haus der Oma ziehen möchte. "Es fahren doch Züge von Bischofswerda nach Görlitz, bis zum neuen Senckenberg vom Bahnhof aus ist es künftig nur ein Katzensprung", erklärt der Wolfsforscher.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz