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"Zeitungen spiegeln das Leben wider"

75 Jahre SZ: Die Oberlausitzische Bibliothek in Görlitz bewahrt auch Tageszeitungen. Bibliothekarin Karin Stichel erklärt, warum Menschen gern darin eintauchen.

Karin Stichel im historischen Büchersaal im Kulturhistorischen Museums Barockhaus.
Karin Stichel im historischen Büchersaal im Kulturhistorischen Museums Barockhaus. © Paul Glaser

Die wissenschaftliche Bibliothekarin Karin Stichel arbeitet seit über 30 Jahren in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften (OLB) und ist damit die langjährigste Mitarbeiterin dieser öffentlichen Bibliothek der Stadt Görlitz. Hier findet man nicht nur kostbare historische Bände aus zahlreichen alten Bibliotheken und alle aktuellen Publikationen zu Görlitz und Region – die OLB sammelt auch all deren Tageszeitungen. Wie diese bewahrt werden und wer sich dafür interessiert, erzählt Karin Stichel.

Frau Stichel, wie alt ist die älteste Zeitung, die man in der OLB finden kann?

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Die erste Zeitung im heutigen Sinne stammt vom 3. Januar 1799. Es handelt sich um den "Anzeiger", später "Görlitzer Anzeiger", der zunächst als einfaches Nachrichtenblatt in Heftgröße zweimal pro Woche erschien und dann als Jahresband archiviert wurde. Seit 1799 wurden in Görlitz alle Tages- und Wochenzeitungen systematisch gesammelt, die in der Oberlausitz erschienen sind. Auch alle Zeitschriften, bis heute.

Karin Stichel im Zeitungsarchiv der Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaften. Hier werden alle seit 1799 erschienenen Görlitzer Zeitungen in Bänden gesammelt.
Karin Stichel im Zeitungsarchiv der Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaften. Hier werden alle seit 1799 erschienenen Görlitzer Zeitungen in Bänden gesammelt. © Paul Glaser

Wie werden diese Zeitungsbände aufbewahrt?

Die Langzeitaufbewahrung der Zeitungen stellt uns vor große Herausforderungen. Ein besonderes Problem ist die schlechte Papierqualität. Seit etwa 1850 wurde Papier aus Holzschliff hergestellt. Es enthält Säure und ist durch Umwelteinflüsse stark vom Zerfall bedroht. Davor wurde Papier aus Lumpen hergestellt, das sogenannte Hadernpapier. Da gibt es diese Schwierigkeiten nicht. Um die Zeitungen sicher zu verwahren, wurden sie schon von unseren Vorgängern in Quartals-, Halbjahres- oder Jahresbände gebunden. Seit 2011 haben wir ein brandschutz- und klimasicheres Magazin, wo die Zeitungsbände in hohen Rollregalen gelagert werden.

Also auch die Sächsische Zeitung seit ihrem Gründungsjahr 1946?

Auch die Görlitzer Ausgabe der Sächsischen Zeitung wurde hier archiviert, allerdings erst seit Mitte 1952. Davor, ab 1946, war die Lausitzer Rundschau die Tageszeitung für Görlitz mit einer Lokalausgabe. Erst nach der Verwaltungsreform und der Einrichtung der Bezirke 1952 wurde für Görlitz die Sächsische Zeitung herausgegeben.

Können Bibliotheksnutzer noch in den frühen Zeitungen blättern?

Zum Schutz der Zeitungsbände wurden alle Görlitzer Zeitungen bis 1950, die Oberlausitz-Ausgabe der "Union" sowie die Lokalausgaben der Sächsischen Zeitung Görlitz, Niesky, Weißwasser, Löbau und Zittau der Jahre 1971 bis 2018 auf Mikrofilm gebannt. Auf unseren Lesegeräten kann man sie sich dann auf dem Bildschirm anschauen, kopieren oder als Datei auf einem USB-Stick abspeichern. Nur bei den Ausgaben von 1952 bis 1970 müssen wir noch auf die Originale zurückgreifen. Doch auch diese Lücke schließen wir nach und nach durch eine "Verfilmung".

Werden die Zeitungen nicht auch digital archiviert?

Seit 2019 archiviert die Sächsische Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek die Sächsische Zeitung digital und als Mikrofilm. Wir lassen aber von den Görlitzer Ausgaben zusätzlich weiter Mikrofilme anfertigen, damit man sie hier vor Ort anschauen oder in eine andere Bibliothek per Fernleihe bestellen kann. Die Druckausgaben der Sächsischen Zeitung archivieren wir nicht mehr, uns fehlt die Platzkapazität.

Wie viele verschiedene Zeitungen gab es denn insgesamt in Görlitz?

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurden in Görlitz zahlreiche Zeitungen herausgegeben. Vor 100 Jahren erschienen sogar vier Tageszeitungen zeitgleich: die "Görlitzer Nachrichten und Anzeiger", die "Niederschlesische Zeitung", der "Neue Görlitzer Anzeiger" und die "Görlitzer Volkszeitung".

Die Zeitungsbände sind in platzsparenden Rollregalen aufbewahrt, doch der Platz ist trotzdem knapp. Seit 2019 wird die Sächsische Zeitung in der OLB nur noch digital und auf Mikrofilm gespeichert.
Die Zeitungsbände sind in platzsparenden Rollregalen aufbewahrt, doch der Platz ist trotzdem knapp. Seit 2019 wird die Sächsische Zeitung in der OLB nur noch digital und auf Mikrofilm gespeichert. © Paul Glaser

Worin unterschieden sich diese Tageszeitungen?

Vor allem in ihrer politischen Ausrichtung. Die Görlitzer Volkszeitung als "Organ für die werktätige Bevölkerung der Oberlausitz" war natürlich sozialdemokratisch, die Görlitzer Nachrichten und der Neue Görlitzer Anzeiger waren konservativ geprägt. Ab 1933 gab die NSDAP die "Oberlausitzer Tagespost" heraus. 1945 erschien zunächst nur der amtliche Anzeiger der Stadtverwaltung, später dann die Lausitzer Rundschau, die Sächsische Zeitung als "Organ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" und von 1955 bis 1991 "Die Union" der CDU mit einer Oberlausitzer Ausgabe.

Sie haben viele Menschen kennengelernt, die in historischen Zeitungen recherchieren möchten. Was sind die Gründe dafür?

Zunächst haben wir häufig Anfragen zu "Jubel-Kopien", also Kopien der Tageszeitung, die am Tag der Geburt, der Hochzeit oder einem ähnlichen Ereignis erschienen sind. Wir bekommen auch Anfragen von Anwaltskanzleien nach Todesanzeigen und anderem, was etwa bei Erbangelegenheiten von Belang ist. Aber vor allem sind es Wissenschaftler, Studenten und Heimat- oder Familienforscher, die zu bestimmten Ereignissen und Themen recherchieren, über die nur in der Zeitung geschrieben wurde. Gerade zur lokalen Geschichte lässt sich häufig vor allem in Zeitungen recherchieren, weil sie die Situation der Menschen in ihrer Zeit widerspiegeln. Vielleicht nicht immer in Zeitungsberichten, denn Zensur spielte häufig eine Rolle, aber auch Annoncen oder Todesanzeigen geben Aufschluss über die Lebenssituation der Menschen.

Welche Themen interessieren die Nutzer?

Sie reichen von Recherchen über bestimmte Firmen, Geschäfte, Gebäude oder Ereignisse der Stadtgeschichte bis hin zu speziellen Themen wie den Griechen in Görlitz. Die OLB verwahrt auch die griechische Zeitung NEATOY, die von 1916 bis 1919 in Görlitz erschien. Ihre Leser waren die Griechen, die sich im Ersten Weltkrieg mit dem IV. Griechischen Armeekorps freiwillig in Kriegsgefangenschaft begaben und deshalb in Görlitz interniert waren. Manchmal lassen sich Aktivitäten von Theatern oder Schauspielern nur noch aus Zeitungsberichten und Annoncen recherchieren. Auch kann es interessant sein zu erforschen, in welcher Weise über bestimmte Ereignisse berichtet wurde.

Zum Beispiel?

Etwa über den Aufstand der schlesischen Weber vom Juni 1844. Im Görlitzer Anzeiger finden wir keine Berichte darüber, weil der preußische König eine Pressezensur verhängt hatte. Nur in den Schlesischen Provinzialblättern ist in Gerichtsberichten von "Verbrechern" im Zusammenhang mit Unruhen unter den Webern die Rede. Interessant ist auch, was über Ereignisse in der DDR geschrieben oder eben nicht geschrieben wurde. Ich denke etwa an die Leserbriefe und Statements zur Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976. Und immer wieder geraten neue Themen ins Blickfeld, zu denen noch nicht geforscht wurde.

Karin Stichel liest eine Zeitung auf Mikrofilm ein. Die Zeitungsseiten sind als kleine Bilder auf dem Film festgehalten und können stark vergrößert und beleuchtet gut gelesen werden.
Karin Stichel liest eine Zeitung auf Mikrofilm ein. Die Zeitungsseiten sind als kleine Bilder auf dem Film festgehalten und können stark vergrößert und beleuchtet gut gelesen werden. © Paul Glaser

Haben Sie da auch ein Beispiel?

Zu Beginn der Coronapandemie war ein Kollege von Ihnen hier, um in den Görlitzer Zeitungen zu den Auswirkungen der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 in unserer Stadt zu recherchieren. Dieses Thema war bislang nicht so relevant, weil es keinen aktuellen Bezug gab. So ist es oft – plötzlich wird ein bestimmtes Thema in der Geschichte interessant, weil es Parallelen zur Gegenwart gibt.

Inwieweit helfen Sie, wenn jemand Informationen zu einem bestimmten Thema sucht?

In unserem Online-Katalog, dem Verzeichnis aller Titel und Stichworte, kann jeder Interessierte Informationen zu seinem Thema finden und sich entsprechend Bücher ausleihen, Kopien anfertigen oder anfordern. Für eine Suche zu Ereignissen in den Zeitungen benötigen wir ein konkretes Datum. Dann sehen wir die jeweilige Tageszeitung durch, fertigen Kopien an und versenden sie. Bei ungenauen Angaben oder großen Zeiträumen können wir diese Arbeit nicht leisten. Für Auswärtige verschicken wir Mikrofilme der Zeitungen gern über Fernleihe in die Heimatbibliothek, damit sie nicht von weither anzureisen brauchen. Hiesige Bibliotheksnutzer sollten die Zeitungen aber selbst am Lesegerät durchsehen. Beim Heraussuchen der entsprechenden Ausgaben und beim Umgang mit der Technik sind wir natürlich gern behilflich.

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