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120.000 Schaulustige erstürmten den Flugplatz

Am 6. Oktober vor 90 Jahren erlebte die Stadt Görlitz eine gigantische Begeisterung für ein großes Luftschiff: die ganze Stadt war auf den Beinen.

1930 landete das Luftschiff „Graf Zeppelin“ (LZ-127) auf dem Görlitzer Flugplatz.
1930 landete das Luftschiff „Graf Zeppelin“ (LZ-127) auf dem Görlitzer Flugplatz. © Repro: Ratsarchiv

Das war eine Sensation: Am 6. Oktober 1930, 14.09 Uhr, landete ein Luftschiff auf dem Görlitzer Flugplatz. Nur ganz kurz, dennoch ließen sich 120.000 Menschen das Ereignis nicht entgehen. 35 Sonderzüge mit je tausend Fahrgästen waren angerollt. Und beim noch dürftigen Stand der Motorisierung waren überquellende Parkplätze für Autos und Motorräder für die damalige Zeit ein sehr seltener Anblick.

Ein Zeppelin landete. Offiziell war es das Luftschiff LZ-127. Die zigarrenförmigen Starrluftliner gingen als Zeppeline in die Geschichte ein, weil ein Graf namens Ferdinand von Zeppelin (1838 bis 1917) sie ab 1892 entwickelt hatte. Er war nicht der Erste, schon 1852 hatte der französische Ingenieur Henri Giffard als frühestes Luftschiffmodell einen dampfgetriebenen Ballon mit einem Propeller versehen. Zeppelin aber kam das Verdienst zu, um 1900 das erste Schiff (LZ-1) konstruiert zu haben, das mit 128 Meter Länge für die größeren Entfernungen flugtauglich war. Zeppeline eroberten fortan die Lüfte, wurden zivil und militärisch genutzt, gelobt und abgeschossen, flogen nach Fahrplänen. Das Ende ist bekannt: Als der wegen des amerikanischen Embargos nicht mit Helium, sondern mit Wasserstoff gefüllte LZ-129, die „Hindenburg“, am 6. Mai 1937 in Lakehurst explodierte, begann das Aus für diese Luftschiffe.

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Insgesamt wurden 117 Zeppelinluftschiffe in Deutschland gebaut. Görlitz sah davon noch die LZ-130 bei einem Großflugtag 1939. Da hatte das Besucherinteresse mit 80.000 Zuschauern schon abgenommen, es war noch spannend, aber nicht mehr sensationell. Und auch der 5. Oktober vor 90 Jahren war nicht der erste Zeppelin-Kontakt, den Görlitz hatte. Denn bereits am 24. Juni 1930 hatte LZ-127 über der Neißestadt Post abgeworfen.

Rekordumsätze bei Andenkenläden

Vor der Zeppelinlandung 1930 war ganz Görlitz in eine Luftfahrthysterie versetzt worden. Pausenlos kreisten Motorflieger über der Stadt, die mit Bannern für Zigarren und Süßwaren warben, auch Reklamezettel vom Himmel regnen ließen. Straßenbahnen waren so überfüllt, dass sie erstmals in ihrer Geschichte an Haltestellen einfach durchfuhren. Tabakkioske und Andenkenläden erzielten Rekordumsätze, jeder Wurstmaxe musste seine Kunden das Warten lehren. Und all das, obwohl es ohne Unterlass regnete, gelegentlich gar schüttete. Die Begeisterung war nicht zu bremsen. Jeder, der konnte, machte sich auf den Weg und suchte einen günstigen Ort, um den Zeppelin mit eigenen Augen zu sehen.

Zum Ereignis gehörten auch mehrere Erinnerungsplaketten, zum Beispiel zu einer vom Görlitzer Motorradklub veranstalteten „Zielfahrt zur Zeppelin-Landung“. Repro: Sammlung Schermann
Zum Ereignis gehörten auch mehrere Erinnerungsplaketten, zum Beispiel zu einer vom Görlitzer Motorradklub veranstalteten „Zielfahrt zur Zeppelin-Landung“. Repro: Sammlung Schermann © Archiv

Als der Koloss schließlich sogar früher als erwartet am Horizont durch das Regengrau schwebte, gab es kein Halten mehr. Auch ohne Zutrittskarten wurde der Flugplatz förmlich erstürmt. Das große Schiff benötigte wegen des schlechten Wetters mehrere Landeversuche. Soldaten waren als Landemannschaft befohlen und konnten endlich die herabgelassenen Taue ergreifen. Schließlich stemmten sie sich gemeinsam mit dem Schiff gegen die stärker werdenden Windböen. 

 Vor dem neuen Start musste die Feuerwehr dann neuen Wasserballast geben. Nach nur 30 Minuten war die Görlitzer Bodenberührung wieder Geschichte. Görlitz aber feierte seinen Zeppelintag bis in die tiefe Nacht. Scheinwerfer tauchten die Peterskirche in Weiß und den Kaisertrutz in Rot, auch Rathaus und Ruhmeshalle wechselten ihre Farben. Der Zeppelin in Görlitz war Begeisterung pur.

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