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Reuiger Görlitzer Kaufhaus-Investor

Unternehmer Winfried Stöcker hatte sich in einem SZ-Interview zu Ausländern und Flüchtlingspolitik geäußert. Deutschlandweit wurde über die Entgleisungen berichtet - jetzt versucht sich Stöcker an einer Entschuldigung.

© Pawel Sosnowski

Von Sebastian Beutler

Görlitz. Seine ausländerfeindlichen Äußerungen in einem SZ-Interview. beschäftigten übers Wochenende die halbe Republik, jetzt entschuldigt sich der Görlitzer Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker dafür. „Sie sind zu drastisch geraten, haben viele Leute vor den Kopf gestoßen, waren aber vor allem nicht ausgewogen und das Vokabular nicht zeitgemäß“, heißt es in einer Erklärung, mit der sich Stöcker gestern Nachmittag an die SZ wandte. Er sei kein Ausländerfeind, habe Respekt vor jedem einzelnen Menschen und würde auch niemandem, der in wirkliche Not geraten ist, Hilfe verweigern, heißt es weiter. Mit dem Interview wollte er auf Folgen der demografischen Entwicklung und der vermehrten Zuwanderung aufmerksam machen, aus der sich für „unsere Gesellschaft einmal große Konflikte ergeben werden, die unsere Nachkommen vielleicht nicht bewältigen können“. Er plädiert nun für eine bessere Entwicklungshilfe, um Flüchtlingsströme gar nicht erst entstehen zu lassen.

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Der bislang sehr angesehene Unternehmer hatte in der vergangenen Woche ein Benefizkonzert für Asylbewerber und Flüchtlinge im Görlitzer Kaufhaus abgelehnt, weil er den „Missbrauch des Asylrechts“ nicht unterstützen wollte. In einem Interview der SZ begründete er seinen Schritt damit, dass ihm „so viele ausländische Flüchtlinge nicht willkommen sind“. Das Interview erregte bundesweit Aufsehen, in Görlitz demonstrierten Hunderte gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Das im Kaufhaus abgesagte Konzert fand schließlich auf dem Schlesischen Christkindelmarkt in Görlitz statt.

Winfried Stöcker ist Chef eines mittelständischen Medizintechnik-Unternehmens in Lübeck, das 2013 mit 1 600 Mitarbeitern einen Umsatz von knapp 150 Millionen Euro machte. Er stammt aus einer Unternehmerfamilie in der Oberlausitz, flüchtete Anfang der 1960er-Jahre mit seinen Eltern in den Westen und engagiert sich seit der politischen Wende wieder in seiner Heimatregion. Durch die Ansiedlung von Betriebsteilen und die Schaffung von mehr als 150 Jobs erwarb er sich hohes Ansehen an der Neiße. Zuletzt hatte er das jahrelang geschlossene Görlitzer Kaufhaus erworben mit dem Ziel, es saniert wieder zu eröffnen. Umso größer war die Enttäuschung auf seine Äußerungen in der SZ, allerdings erhielt er auch Zustimmung.

Stöckers „Nachtrag zu meinen Verlautbarungen“ im Wortlaut

Vor einer Woche habe ich gehört, dass in unserem Görlitzer Kaufhaus einige Familien empfangen werden sollen, die in Deutschland um Asyl gebeten haben. Da die meisten der Gäste aus Ländern kommen, die offiziell als sicher gelten, habe ich es abgelehnt, die geplante Festveranstaltung in unserem Hause abhalten zu lassen. Daraufhin sollte ich der Sächsischen Zeitung meine Gründe dafür nennen. Leider habe ich unter dem Zeitdruck des Tagesgeschäftes meine Erklärungen nicht ausreichend durchdacht und meine Ansichten nur verkürzt und in unangemessener Weise zum Ausdruck gebracht - das haben mir erst die empörten Reaktionen vor Augen geführt.

Ich bitte die Öffentlichkeit wegen meiner nicht angebrachten Formulierungen um Entschuldigung: Sie sind zu drastisch geraten, haben viele Leute vor den Kopf gestoßen, waren aber vor allem nicht ausgewogen, und das Vokabular nicht mehr zeitgemäß. Bitte glauben Sie mir, dass ich kein Ausländerfeind bin, ich habe Respekt vor jedem einzelnen Menschen und würde auch niemandem, der in wirkliche Not geraten ist, meine Hilfe verweigern!

Ich habe Kunden und Freunde auf der ganzen Welt, habe selber eine chinesische Frau und arbeite eng mit Kollegen aus vielen Nationen und unterschiedlicher ethnischer Herkunft zusammen. In unserer Firma weiß jeder, dass ich hier nicht den geringsten Unterschied mache. Alle genießen die gleichen Rechte und sozialen Errungenschaften, ich sitze mit ihnen zu Mittag am selben Tisch. Wer immer die Niederlassungen unserer Firma besucht, auch im fernen China, staunt über die guten Arbeitsbedingungen, für die ich gesorgt habe, und die menschliche Atmosphäre. Darüber hinaus unterstütze ich seit vielen Jahren auch zahlreiche Musikveranstaltungen, die auf eine internationale Verständigung abzielen, beispielsweise viele große Aufführungen des Europäischen Konzertchors mit baltischen, polnischen und tschechischen Chören und Orchestern, oder Opernvorstellungen in China.

Andererseits macht mir die demographische Entwicklung in Deutschland Sorgen, und damit stehe ich nicht allein. In großer Zahl strömen aus vielen Ländern Menschen zu uns, um sich hier anzusiedeln. Ich fürchte, dass sich daraus für unsere Gesellschaft einmal große Konflikte ergeben werden, die unsere Nachkommen vielleicht nicht bewältigen können. Mit der Absage an die Veranstalter des Benefizkonzertes und dem verunglückten Interview in der Sächsischen Zeitung wollte ich versuchen, die Öffentlichkeit auf diese Problematik hinzuweisen.

Auch mir geht das Schicksal der Bootsflüchtlinge sehr nahe, aber ich sehe Möglichkeiten der Prävention. Man muss der offiziellen EU-Politik folgen und die Lebensverhältnisse in den betroffenen Ländern stärken. Das Geld für ihre Unterkunft und den Lebensunterhalt in Deutschland könnte man in ihrer Heimat besser verwenden, indem man ihnen beim Aufbau einer Existenz hilft und beispielsweise die Gründung einer Farm oder eines Handwerksbetriebes finanziert.

Bei uns stehen diese initiativen Leute entwurzelt und ohne Arbeit da, in ihrer Heimat hinterlassen sie ein Vakuum, und die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich weiter. Auch eine noch bessere Integration der Menschen aus der Türkei in unserer Gesellschaft ist eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Das diskutiere ich mit meinen türkischen Kollegen in der Firma schon seit langem, sie sind deshalb am wenigsten erstaunt über meine Äußerungen, weil sie wissen, dass ich häufig sarkastische Formulierungen verwende, die nicht so böse gemeint sind wie sie in fremden Ohren vielleicht klingen.

Lübeck, den 22.12.2014., Winfried Stöcker

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