Merken

Görlitzer Stadtrat macht Weg frei für das Jugendzentrum

Zuvor diskutierten Befürworter und Gegner des Projektes mit Herz und Verstand.

Teilen
Folgen
© Pawel Sosnowski

Von Sebastian Beutler

Görlitz. Diesen Moment wollten dann ganz viele direkt im Großen Saal des Rathauses miterleben. Entlang der Wände, in den Gängen, im kleinsten Zwischenraum harrten Donnerstagnachmittag junge Leute von der Rabryka-Initiative während der Stadtratssitzung aus, ehe Oberbürgermeister Siegfried Deinege kurz vor halb sieben das Ergebnis verkündete: 21 Stadträte von CDU, Bürgerfraktion, Linkspartei stimmten für den Bau des Jugend- und soziokulturellen Zentrums im Werk 1, die Fraktionen von SPD/FDP, Zur Sache und NPD sowie der CDU-Stadtrat Thomas Leder dagegen. Drei Stadträte, Harald Twupack (Bürger für Görlitz), Cornelia Effenberger und Gabriele Kretschmer (beide CDU), enthielten sich der Stimme. Kaum hatte Deinege die Zahlen verlesen, brandete Beifall aus dem Publikum auf, in den die Stadträte, OB und Bürgermeister Michael Wieler einfielen.

Zentrum ist ein Signal an Familien

Zuvor hatten die Räte in einer über weite Strecken sachlichen und tiefgründigen Art nochmals Pro und Contra zu den Plänen für das Zentrum diskutiert. Für die Befürworter lobte Thorsten Ahrens (Linkspartei) die Beharrlichkeit der Jugendlichen vom Trägerverein Second Attempt in den vergangenen Jahren. So sei es ihnen gelungen, den Geist des Aufbruchs von 2011/2012 auch auf eine neue Generation weiterzugeben. Zwei Preise – darunter einer von der Kulturstiftung Sachsen – machten deutlich, dass die Arbeit des Vereins bereits heute Früchte trage. Er hob hervor, dass gerade vor dem Hintergrund des Ergebnisses der Bundestagswahl – und dabei meinte Ahrens das hohe AfD-Ergebnis – die politische Bildung junger Menschen besonders wichtig sei. Dieser Aufgabe widme sich der Verein in besonderem Maße.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Christian Wiesner (CDU), seit Jahren beim Kreissportbund aktiv, hofft einerseits, dass es gelingt, die angesprochene Breite der Jugendarbeit in dem neuen Zentrum zu etablieren. „Das ist noch nicht der Ist-Stand“, sagte er. Zugleich warb er für die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Alpenverein, der eine Kletterlandschaft in den alten Waggonbau-Bürohäusern an der Hilgerstraße plant. So könne manches entstehen, was heute noch nicht absehbar ist. Dazu zählen auch die Pläne von Rewe, einen Einkaufsmarkt in das Gelände zu setzen. Bereits vorhanden auf dem früheren Industriegebiet ist die Polizeidirektion Görlitz. Das Jugendblasorchester der Musikschule hat seine Probenräume ebenso hier.

Für Joachim Schulze (Bündnisgrüne) ist der Beschluss ein „klares Signal an junge Menschen und Familien.“ Seine Partei stehe loyal zu den „jungen Menschen und Bürgerinitiativen, die das Werk 1 ins Rollen gebracht haben“. Bereits heute könne Second Attempt auf eine eindrucksvolle Bilanz seines Wirkens verweisen. Er warnte davor, verschiedene Einrichtungen wie das Kühlhaus oder die Ca-Tee-Drale gegen das Werk 1 auszuspielen. „Sie sehen sich nicht als Konkurrenten“, ist sich Schulze sicher. Auch sei es überflüssig, das Jugend- und soziokulturelle Zentrum mit der Stadthalle oder der Synagoge als große Veranstaltungszentren zu vergleichen. „Das sind verschiedene Baustellen“, erklärte Schulze.

Zentrum ist Geldverschwendung

Aber auch die Gegner des Zentrums legten ihre Sichtweise dar. Thomas Leder (CDU) nannte den Bau des Zentrums eine „Geldverschwendung, die nicht tragbar ist“. Die bestehenden Jugendeinrichtungen seien nicht ausgelastet, es gebe unverändert keine belastbare Bedarfsermittlung. „Es soll etwas gebaut werden, das am Bedarf vorbeigeht“, sagte Leder. Er warnte vor einer Ungleichbehandlung verschiedener Jugendinitiativen, indem alles Geld der Stadt an einen einzigen Verein fließe. Leder bezeichnete das Zentrum als Wahlkampfidee von Deinege und forderte den OB auf, den Wahlkampf zu beenden und den Beschluss zu kassieren. Der frühere Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick (Zur Sache) schloss sich dieser Kritik an. Er kritisierte ebenso die fehlende, weil nicht gewollte Bedarfsermittlung. Dann sei einem Großteil der Stadträte der Betreibervertrag mit Second Attempt nicht bekannt, weil er als Geheimsache von der Rathausspitze eingestuft werde. Er fürchtet steigende Baukosten, so dass es am Ende nicht bei den derzeit vorgesehenen 3,58 Millionen Euro bleibe. Schon in den zurückliegenden Jahren sei das Zentrum immer kleiner, dafür die Baukosten immer höher geworden. Paulick hält es auch für fahrlässig, im Haushalt eine dauerhafte Ausgabe von 140 000 Euro für den Verein zum Betreiben des Zentrums festzulegen: keiner der Stadträte wisse, ob man sich das ab 2020 angesichts von Siemens- und Bombardier-Krise überhaupt leisten könne.

Renate Schwarze (SPD), einst Bürgermeisterin in Görlitz und Hoyerswerda, kritisierte, dass dieses Zentrum in eine stabile Kinder- und Jugendarbeit der Stadt platziert werde. „Das geht teilweise am Bedarf vorbei“, sagte sie, die über ihre Arbeit im Kreis-Jugendhilfeausschuss auch tiefere Einsicht in die Situation hat. Der Stadtrat trage auch eine Verantwortung dafür, ob der Trägerverein so ein Zentrum überhaupt betreiben könne. Das sieht Frau Schwarze als nicht sicher an. Zudem verlangte sie eine Bestandsaufnahme, wo die Stadt bei Schulen, Kitas oder Jugendeinrichtungen in den nächsten Jahren handeln müsse und welche Kosten das verursache.

Zentrum ist Zukunftsvorsorge

CDU-Stadtverbandschef Octavian Ursu, der in einem SZ-Interview nach der Bundestagswahl Zweifel an seinem Ja genährt hatte, sprach sich für das Zentrum aus. Gerade in der jetzigen schwierigen wirtschaftlichen Situation könne man nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern müsse die Stadt weiter entwickeln. CDU-Fraktionschef Dieter Gleisberg erhofft sich eine Verbindung verschiedener Generationen in dem Zentrum. Der Familienbeauftragte der Stadt, Eugen Böhler, sieht daher in dem geplanten Zentrum eine Art „Wirtschaftsförderung“. Für OB Deinege steht fest: „Wir bauen dieses Zentrum, um der demografischen Entwicklung gegenzusteuern.“