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Görlitzerin vertritt Gefängnisdirektor

Ines Kretschmer hat Sachsens Justizministerium verlassen und ist zurück in die Heimat gekehrt.

© Ralph Schermann

Von Ralph Schermann

Görlitz. Jeder Tag ist anders, der Dienst abwechslungsreich. So hat es Frank Hiekel, Leiter der Görlitzer Justizvollzugsanstalt, angekündigt, als Ines Kretschmer bei ihm anfangen wollte. Jetzt ist die 45-Jährige schon ein halbes Jahr seine Stellvertreterin und stellt fest: „Der Chef hatte recht.“

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Für die Görlitzerin hat sich mit der neuen Tätigkeit ein Kreis geschlossen. Nach Jahren in Meißen, Leipzig, Dresden gab es für sie nicht nur eine berufliche Neuorientierung, sondern die Chance, wieder in der Heimat zu sein. Für Ines Kretschmer, die in ihrer Freizeit gern wandert, rückte auch das Zittauer Gebirge wieder näher. Von Dresden aus war zwar die Sächsische Schweiz auch kein Problem, aber rund um Jonsdorf wandert es sich eben vertrauter.

Beruflich wanderte Ines Kretschmer aus der Görlitzer Region erst einmal nach Meißen und wurde an der Fachhochschule Diplom-Rechtspflegerin. Ihr erster Einsatz führte sie an das Amtsgericht Leipzig, wo sie fünf Jahre lang das erworbene Wissen auch als Ausbilderin weitergeben musste. Das muss sie so einwandfrei gemacht haben, dass das Sächsische Ministerium der Justiz aufmerksam wurde und die junge Frau als Referentin für Aus- und Fortbildung nach Dresden holte. „Das Ministerium war dafür bekannt, weniger auf Bewerbungen zu setzen, sondern auf Erfahrungen“, erläutert Ines Kretschmer. Auch ein Praktiker aus den Reihen des Justizvollzugs gehörte mal dazu, über den die Görlitzerin schmunzelte: „Der Kollege schloss immer alle Türen hinter sich ab“, erzählt sie. Heute weiß sie längst, warum er das tat: „In der JVA wird das eben schnell zur Routine.“

Die Arbeit im Ministerium indes wollte sie nicht Routine werden lassen. Zehn Jahre Referentin – Zeit für neue Herausforderungen. Mit der Heimat im Blick war das nicht so einfach, auch Rechtspfleger-Stellen sind rar. Bis plötzlich im Görlitzer Gefängnis die Stelle der Verwaltungsleiterin frei wurde und damit zugleich der Vertretungsplatz des Anstaltsleiters. Nun plötzlich hat sie selbst täglich einen jener großen Schlüssel bei sich, was ihre Verwandten erheitert: „Ich bin dafür bekannt, dass ich immer meine Schlüssel suche, weil ich die Dinger ständig verlege“, gesteht Ines Kretschmer. Insofern ist der neue Arbeitsplatz das beste Mittel gegen das Schlüssel-Verbummeln: Hier sind in kurzer Folge alle Türen vor einem auf-, und hinter einem abzuschließen, und bei Arbeitsschluss kommen die Schließeisen der 73 Görlitzer JVA-Mitarbeiter in der Wache unter Verschluss und nicht mit nach Hause: „Das wäre auch bissel schwer in der Handtasche.“

Auch mit der Schlüsselgewalt waren die ersten Tage eine gewaltige Umstellung. „Man fühlt sich schon irgendwie eingesperrt, auch wenn man es ja gar nicht ist“, erinnert sich Ines Kretschmer an den Beginn im August. Das große Arbeitspensum indes hielt sie von solchen Überlegungen ab. Der Chef hatte nicht zu viel versprochen: Verwaltungsthemen wie Personalplanung, Gefangenenbesuche, Postbearbeitung, Wäscheplanung oder Verpflegungskontrolle fordern eine Verwaltungschefin schon ordentlich. Hier zeigt sich aber auch die Erfahrung aus allen bisherigen Aufgaben: „Die Frau hat absolut was drauf“, sagt Anstaltsleiter Frank Hiekel: „Ich bin froh, dass sie da ist.“

Dabei nimmt Ines Kretschmer noch immer neue Eindrücke auf. „Das Haus ist mehr als nur eine Unterbringung von maximal 209 Gefangenen“, sagt sie. Da sind vergebliche Wünsche der Insassen nach Arbeit, weil sich bei 40 Prozent Untersuchungshaft und Verweildauern von maximal zwei Jahren Haftstrafe in Görlitz keine internen Arbeitsstätten einrichten lassen. Da sind Gefangene mit Suchtproblemen, die das Strukturieren eines Tages erst lernen müssen. Da sind Verurteilte, die bisher nicht mal geregelte Mahlzeiten kannten.

Das wahre Leben in einem Gefängnis ist vielschichtig. Außenstehende kennen eher die Vorurteile, etwa dass es den Gefanganen viel zu gut ginge. „Dieser Unsinn ist immer wieder mal zu hören, aber wir sind nun wahrlich keine Luxusherberge“, berichtet Ines Kretschmer. Natürlich gehören eine saubere Unterbringung und die medizinische Betreuung zu einem modernen Justizvollzug, doch schon das Duschen nach festgelegtem Plan verweist auf die hier nicht möglichen freien Entscheidungen. Und dass es täglich mehr als nur einen Speisezettel gibt, hat nichts mit Privilegien zu tun, sondern mit der Beachtung von vegetarischen, diätischen, allergischen aber auch religiös motivierten Essenszwängen. „Wir Bediensteten haben übrigens die gleichen Speisepläne wie die Gefangenen“, betont die stellvertretende Chefin, und das ist dann doch ein klein wenig besser als bei ihrer vorherigen Tätigkeit: „Im Justizministerium gab es jedenfalls gar keine Kantine…“