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Goldrausch bei der Eisenbahn

Kupferklau. In großem Stil stehlen Ganoven Kabel mit dem begehrten Metall und legen damit immer öfter das italienische Schienennetz still.

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Von Paul Kreiner,SZ-Korrespondent in Rom

Sie kommen, vorzugsweise nachts, mit Bolzenschneidern, Hacken, Rucksäcken oder gleich mit Baggern und Lastwagen. Sie reißen die Kabelkanäle auf, die entlang der Bahntrassen verlaufen. Sie ziehen die Leitungen heraus, die das ordnungsgemäße Funktionieren der Signalanlagen sichern sollen. Sie klauen die dicken Sicherheitskabel von den Schienen, über die der Zugverkehr gesteuert und im Notfall gebremst wird. Selbst vor Oberleitungen machen sie nicht halt. Sie wollen Kupfer. Sie wollen das „rote Gold“, wie es die Polizei – der wachsenden Attraktivität für Kriminelle wegen – bereits nennt.

Ob im norditalienischen Piemont oder ganz im Süden, auf Sizilien, immer wieder bleiben Züge auf offener Strecke liegen. Zu einer regelrechten Kupfermine ist die im Ausbau befindliche Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Rom und Neapel geworden. 175 Tonnen gestohlenes Kupfer höchster Qualität hat die Bahnpolizei unlängst in einer einzigen Aktion beschlagnahmt; einige Dutzend mutmaßliche Diebe sind verhaftet worden; die Staatsbahn beziffert allein den materiellen Verlust im laufenden Jahr auf drei bis vier Millionen Euro.

Kupfer, unerlässlich für elektrische oder elektronische Anlagen, ist rar geworden auf dem Weltmarkt. Die Preise haben sich seit 2004 verdreifacht – das macht den Diebstahl lukrativ. Pro Kilo des rötlichen Metalls bezahlen Hehler, je nach Reinheit, fünf und mehr Euro.

Kriegerdenkmal erleichtert

Deswegen leidet in Italien nicht nur die Bahn: Den römischen Stadtwerken sind mehr als vierzig Kilometer Kabel von und zu Straßenlampen abhanden gekommen; auf Friedhöfen verschwinden massenweise Vasen und Grab-Applikationen; Dachrinnen und Gasrohre werden gewaltsam aus Hausmauern gerissen, Baustellen oder Baustofflager ausgeraubt. Sogar das Kriegerdenkmal im sizilianischen Catania ist um einige Dekorationsstücke ärmer geworden.

Die Polizei startet ihre Ermittlungen – nach dem Prinzip der „üblichen Verdächtigen“ – meist in den Sinti- und Roma-Camps an der Peripherie der Großstädte oder entlang der Bahnlinien. Gerade in Rom ist sie dort in den vergangenen Wochen immer öfter fündig geworden – manchmal deshalb, weil sich Nachbarn über einen ätzenden Rauch aus verbranntem Plastik beschwert hatten, der abends über Stadtrandviertel zog. Die Diebe, so entdeckte die Polizei, werfen die Kupferkabel rollenweise ins Feuer, um die Kunststoff-Isolierung zu entfernen, einen höheren Verkaufspreis zu erzielen und auf diese Weise auch gleich die Herkunft der Beute zu verschleiern.

Export nach China

Das Metall gelangt danach entweder in improvisierte, illegale Schmelzereien oder über italienische Zwischenhändler in reguläre Metallverarbeitungsbetriebe. Diese – ob sie im Einzelfall wissen, woher das Material tatsächlich stammt, ist oft nicht zu klären – werfen das Kupfer möglichst schnell wieder in Barrenform oder als neue Kabel auf den Markt. Gerade um die norditalienische Stadt Brescia herum hat die Polizei ein fein verzweigtes Hehlernetz für Kupfer aufgedeckt; noch während der jahrelangen Ermittlungen aber dehnte sich das Geschäft über ganz Italien aus.

Die 175 Tonnen indes, die in Neapel beschlagnahmt worden sind, hatten eine weitere Reise vor sich. Nach den Erkenntnissen der Eisenbahnpolizei waren sie für den Transport ins derzeit besonders kupferhungrige China bestimmt. 24 Container voll waren bereits von Salerno in den großen süditalienischen Umschlaghafen Gioia Tauro gelangt. Das mafiöse Transportwesen zwischen Neapel/Salerno, Gioia Tauro und China ist ja bestens eingespielt: Jedes Jahr schmuggelt es Tausende von Containern mit fernöstlicher Billigware nach Europa.