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„Gottvater“ wird 70

Joschka Fischer hat auf seinem Weg durch die Institutionen die West-68er mit ihrem Land versöhnt.

© dpa/Stache/Wieseler

Von Peter Heimann, Berlin

Als der Vizekanzler und Außenminister im August 2002 mit seinem grasgrünen Tourbus im Großen Garten ankommt, gibt es erst mal eine kleine Übung in Basisdemokratie für die immerhin rund hundert gekommenen sächsischen Anhänger: „Laufen wir?“ Es regnet in Dresden in Strömen. Tags darauf wurde in der Landeshauptstadt und drei Landkreisen wegen der schlimmsten Niederschläge seit Jahrzehnten Katastrophenalarm ausgelöst. Damit hatte der Obergrüne zwar nichts zu tun, es half ihm und seinen sozialdemokratischen Koalitionspartnern aber noch zu weiteren drei Jahren Regierungszeit. Die grüne Welt war selbst in Sachsen einigermaßen in Ordnung.

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Joschka Fischer 1985 in Turnschuhen bei der Vereidigung als hessischer Umweltminister.
Joschka Fischer 1985 in Turnschuhen bei der Vereidigung als hessischer Umweltminister. © dpa

Inzwischen joggt der Polit-Pensionär nicht mehr. Er wohnt in einem schönen Haus in Grunewald, der besseren Gegend West-Berlins, verdient gutes Geld mit klugen Vorträgen und Büchern, geht zum sportlichen Ausgleich nur noch mit dem Hund spazieren und hat auch deshalb wieder ein wenig zugelegt. Joseph Martin Fischer, genannt Joschka, Fleischersohn, Schulabbrecher, Taxifahrer, Bücherverkäufer, Studentenrevolutionär, Steinewerfer, erster grüner Landesminister, Fraktions- und „heimlicher“ Parteichef, Marathonläufer und Außenminister a. D., hat heute Geburtstag: Er wird 70 Jahre jung. Eine große Party ist weder privat und schon gar nicht von den Grünen geplant. Mit seiner fünften Ehefrau Minu Barati, die Filme produziert und in der Regel ohne ihren Ehemann über rote Teppiche geht, ist Fischer, wie die SZ gehört hat, an seinem Ehrentag in London – weit genug weg vom Berliner Trubel.

Zehn Jahre zuvor war das noch anders: Streng abgeschirmt von Passanten und Schaulustigen hatte sich Fischer das „Grill Royal“, ein Berliner Promi-Lokal an der Spree, für seine Fete zum 60. ausgesucht. Eingeladen waren die wichtigsten Weggefährten und engsten Freunde: Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), Ex-Innenminister Otto Schily (SPD) und viel grüne Polit-Prominenz, wenn auch nicht komplett.

Ein Lebensweg auch voller Irrtümer

Ein Parteimann war er ohnehin nie, kam zu Parteitagen oft erst kurz vor der Tagesschau, nutzte die Organisation oft mehr für sich als umgekehrt. Ein wichtiges Parteiamt hatte Fischer nie. Er war der heimliche Vorsitzende, fingerte hinter den Kulissen. In rot-grüner Zeit gab es dafür sogar einen Witz: Warum könne Joschka Fischer nicht Papst werden? Weil der nie den Stellvertreter machen würde. Fischers damaliger Spitzname in der grünen Truppe: GV – Gottvater. Joschka Fischer ist nur ein knappes Jahr älter als die Bundesrepublik Deutschland, er ist im Wortsinne ein Kind des Westens. Ostdeutschland hatte bei ihm allenfalls einen politischen Randplatz, wenn es ihm oder den Grünen nutzte.

Am liebsten fasste er das Thema Osten sowieso viel weiter: „Lasst doch den Ossi-Wessi-Quatsch.“ Er komme doch gerade aus Kiew, lästert er etwa am Rande eines Parteitages um die Jahrhundertwende. Und lächelte: „Ich jogge permanent im Osten.“ Außerdem gab es im Berliner Außenamt, wo früher das SED-Zentralkomitee residierte und Erich Honeckers Schreibtisch stand, eine kleine Erinnerung an den „Vorgänger“. Das realsozialistische Inventar war zwar ins Museum oder auf den Müll gewandert. Weil Fischer aber kein geschichtsloser Mensch ist, standen in seinem Arbeitszimmer in schöner Eintracht holzgeschnitzt Ochs und Esel beieinander. Beide hatte Honecker irrtümlich in einem legendären Satz verewigt: „Den Sozialismus in seinem Lauf . . .“

Um zu verstehen, weshalb Fischer, ein junger zorniger Mann aus der Nähe von Stuttgart, zu einer historischen Figur seines Landes werden konnte, muss man sich erinnern, wie fremd sich ein großer Teil seiner Generation in ihrem Land fühlte. Für die „Revolutionäre“ von 1968 war die BRD nicht „unser Land“, sondern „dieser Staat“. Und der stand für viele in der Kontinuität der Nazi-Diktatur. Der „Muff von tausend Jahren“ fand sich überall – in Universitäten, Politik, in kleinbürgerlicher Gesellschaft und vielen Familien.

Joschka Fischer hat fast alle Schritte der Befreiung aus diesen Verhältnissen und der Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft mitgemacht. Weil er voller Sendungsbewusstsein, Geltungsbedürfnis, rhetorischem Talent und einer guten Portion Überheblichkeit steckt, hat er viele daran teilhaben lassen. Der Weg war voller Irrtümer. Fischer hat viele erkannt, sich korrigiert und den Kurs gewechselt. Das wird ihm von manchen als Prinzipienlosigkeit ausgelegt. Oder als Verrat an der richtigen Sache – etwa die Rückkehr des Militärischen in die deutsche Außenpolitik. „Der Marsch durch die Institutionen“, den sich die 68er vorgenommen hatten, wurde nicht zur Unterwanderung, sondern führte zur Versöhnung einer Generation mit ihrem Land.

Gerade erst meinte Fischer in einem Interview: „Das war mein Leben, so ein Leben wollte ich führen.“ Ob er froh über seine Art des Ausstiegs aus der ersten Reihe der Politik im Jahr 2005 sei? „Ich wollte es so – und es ist gelungen. Wenn du einmal in der Alpharolle warst, dann gibt es kein Zurück in die zweite Reihe, dann musst du ganz gehen.“ Nichts sei „so schlimm wie Alte, die, wie in einem neuguineischen Ahnenhaus die Toten, ständig von oben auf die Jungen herunterschauen“.