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Graue Graffiti-Eminenz

Andy K hat die Anfänge der Szene im Vorwende-Dresden miterlebt. Jetzt gibt’s einen Kurzfilm über den Künstler.

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© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Zur Not musste Schuhspray her. Echte Sprühdosen waren Mangelware. Warum, das kann Andy K nicht genau sagen. Vielleicht gab es sie in der DDR sowieso höchstens unterm Ladentisch. Denkbar aber auch, dass die Farben absichtlich aus den Regalen verbannt wurden. Etwa, um unsozialistische Parolenschmiererei zu vermeiden. Damals, 1985, dem Jahr als Kenny, Lee, Chollie und Ramon die Stars der ostdeutschen Jugend wurden. Beat Street. Der Film trug dazu bei, dass aus Andre Krommer der Graffiti-Künstler Andy K wurde.

Heute ist er 49 Jahre alt und einer der wenigen, die die Anfänge der Szene diesseits der Mauer miterlebt haben. „Eine Breakdancebewegung hatte sich damals schon entwickelt“, erzählt er. Aber nun gab es plötzlich unzählige DJs, Rapper, Hip-Hopper und Graffitisprüher. Nicht nur beim Sprayen mussten die jungen Leute improvisieren. Fürs DJing fehlten Plattenspieler, die man zum Scratchen anhalten und rückwärts drehen konnte, damit der unverzichtbare kratzende Ton entsteht. „Die Leute haben ihre Plattenspieler umgebaut oder begonnen, mit Tonbandgeräten zu scratchen.“ Jeansjacken und Shirts, die Nickis hießen, wurden mit Schriftzeichen dekoriert. Statt zu sprayen, bedienten sich die Neulinge der Pinselmethode.

„Eine aktive Graffiti-Szene gab es in der DDR nicht. Aber wir trafen uns trotzdem und durften zum Beispiel im Internationalen Studentenclub in der Wundtstraße die Wände eines Ganges gestalten“, erinnert sich Andy K. Die Spraydosen dafür besorgten sie sich über ausländische Studenten. Das Material war kostbar und zu schade, um damit wild graue Wände zu markieren. „Wir haben es lieber für Wandbilder und Kulissenmalerei benutzt.“

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Andre Krommer wurde nach der Schule Elektromonteur und blieb bis zur Wende in seinem Beruf. „Als dann alles möglich wurde, habe ich begonnen, in einem Plattenladen zu arbeiten und aufzulegen“, sagt er. Aber die Graffiti gab er nicht auf. „Wir mussten natürlich viel lernen, üben, probieren, wie man mit der Dose umgeht und seinen eigenen Stil entwickelt“, erinnert er sich. Die typischen Schriftzeichen, Tags genannt, lagen Andy K nicht besonders. „Ich habe bald mit Characters begonnen.“ Das sind figürliche, comicartige Graffitibilder. Als Künstler habe er sich damals nicht verstanden. „Man ist erst einer, wenn man seine eigene Schrift- oder Bildsprache mit Wiedererkennungseffekt gefunden hat.“ Auf dem Weg dahin beobachtete er bekannte Graffitikünstler und erschloss sich ihre Techniken. „Graffiti ist die frischeste Form zeitgenössischer Kunst, die es aktuell gibt“, sagt er. Die Leute sehen die Bilder und fragen: Was bedeutet das? Wie ist das gemacht?

Viele Projekte und Festivals später bekam Andy K Aufträge und Einladungen und wurde freiberuflicher Künstler. Seit zehn Jahren arbeitet er außerdem ehrenamtlich im Spike e.V. mit, gibt Workshops, organisiert Jams, also Treffen, auf denen Graffitikünstler zu bestimmten Themen legale Flächen bemalen. Er gehört zur Künstlergruppe der Magic City und ist Protagonist der Dokumentation „Andy K – Ein Sprüher aus der DDR“. Am Freitag hat sie Premiere und wird auch am Sonnabend gezeigt, jeweils etwa 19 Uhr.

Filmwochenende: Sa./So., 18–21 Uhr, Zeitenströmung