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Döbeln

Gregor Gysi Superstar

Das bekannteste Gesicht der Linken war auf Wahlkampftour in Döbeln. Gysi fasziniert noch immer die Menschen.

Ein Autogramm, ein Foto. Gregor Gysi, bekanntester Politiker der Linken, wird auf dem Obermarkt von Menschen umlagert. Der 71-Jährige unterstützte Marika Tändler-Walenta (rechts), die Direktkandidatin der Linken in der Region.
Ein Autogramm, ein Foto. Gregor Gysi, bekanntester Politiker der Linken, wird auf dem Obermarkt von Menschen umlagert. Der 71-Jährige unterstützte Marika Tändler-Walenta (rechts), die Direktkandidatin der Linken in der Region. © Dietmar Thomas

Döbeln. Es gibt nicht viele Politiker, bei denen die Leute Schlange stehen, um ein Autogramm zu bekommen. Gregor Gysi, seit 30 Jahren das bekannteste Gesicht der PDS, später der Linken, ist einer von ihnen. Kaum hat er seine Rede beendet, da nimmt er noch ein Bad in der Menge. 

Eine Frau reicht ihm seine Autobiografie für eine Unterschrift: „Ich bin kein Gysi-Fan. Ich habe das Buch geschenkt bekommen. Aber das ist ein interessanter Mensch. Seine Ansichten haben mir gefallen“, sagte die Frau, als sie glücklich mit dem Autogramm abzieht.

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Die Linke hatten sich am Nachmittag auf dem Obermarkt aufgebaut. Rote Hüpfburg, auf der kaum ein Kind hüpfte. Ein Werbestand mit Sonnenbrillen, Streichholzbriefchen und Brausebonbons à la Linke. Ein paar Stühle vor der Bühne in der prallen Sonne. Die etwa 100 Besucher zogen die Schatten am Rande vor. 

Ein paar bekannte NPD-Anhänger hatten sich in einiger Entfernung aufgebaut. Die Anwesenheit des Präsidenten der europäischen Linken sorgte auch für deutliche Polizeipräsenz. Marika Tändler-Walenta, die Direktkandidatin der Linken, kündigt Gregor Gysi als „Stargast“, an. Er sei gern gekommen, sagt sie später. Die beiden kennen sich gut, Tändler-Walenta war Pressesprecherin der Linken in Brüssel.

Als Gysi im blauen Hemd hinter der Bühne erscheint, gibt es Beifall. Er spricht davon, wie wichtig es doch sei, dass die CDU in Sachsen abgelöst wird als Regierungspartei. „Da muss mal ein Wechsel her.“ Die Behörden, öffentlichen Einrichtungen und die Polizei würden mit der Zeit immer mehr nach der CDU ausgerichtet. 

An der AfD kann Gysi nur einen positiven Aspekt finden: „Dass sich jetzt plötzlich alle für den Osten interessieren.“ Darüber hinaus schade die AfD dem Ansehen Sachsens. Viel ist laut Gysi schief gelaufen in Deutschland. Niedriglöhne, Minirenten, eine Zwei-Klassen-Medizin. „Wir müssen aber auch stolz sein, was wir uns in 30 Jahren im Osten erarbeitet haben.

Den Umgang mit Russland findet Gysi falsch. „Ich will keine deutschen Soldaten an der russischen Grenze. Die Sanktionspolitik bringt nichts und wir haben auch andere Interessen gegenüber Russland als die Amerikaner.“ Die Fridays-for-Future-Bewegung findet als ein Akt friedlicher Rebellion die Anerkennung des Politikers. „Wenn die am Wochenende gestreikt hätten, dann hätte es ja keiner bemerkt. Wir Alten vertrödeln immer alles, vor allem beim Klima.“ Den Klimawandel nicht zur Kenntnis zu nehmen, sei ein verantwortungsloser Weg.

Station zwei. Nach der Hitze auf dem Obermarkt die Ruhe bei der Tafel Döbeln. Kaffeerunde im Veranstaltungsraum. Gysi bestellt einen Tee, kostet den Pflaumenkuchen und stellt Fragen. Die Tafel Döbeln versorgt fast 180 Familien in Döbeln, Hartha, Waldheim und Roßwein mit günstigen Lebensmitteln. Nein, hungern müsse niemand in Deutschland, betonte Anne Katrin Koch, Geschäftsführerin vom Verein Netz-Werk, dem Träger der Tafel. „Das Angebot der Tafeln hilft aber, das geringe Budget der Menschen zu entlasten.“

Bei Netz-Werk arbeiten Menschen, die wieder im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen sollen. Sie bekommen Zuverdienstmöglichkeiten zum Hartz-IV-Satz oder werden, wenn sie sich gut entwickelt haben, in den Werkstätten angestellt. „Zahlen Sie Tarif?“, wollte Gysi wissen. „Wir zahlen Mindestlohn oder Tariflohn. Wenn auch auf der niedrigsten Stufe“, sagte Anne Katrin Koch.

Gysi muss weiter, nach Chemnitz. Als er zu seinem Audi geht, ruft ein Arbeiter der benachbarten Firma: „Herr Gysi, bitte ein Foto.“ Der lässt sich nicht lange bitten: Selfie mit einem Unbekannten. Gregor Gysi Superstar.

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