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Sport

DFB-Präsident Grindel tritt sofort ab

Reinhard Grindel hat die Konsequenzen aus der wachsenden Kritik gezogen. Die Nachfolge übernimmt vorerst wieder eine Doppelspitze.

© Andreas Arnold / dpa

Eine Nacht lang quälte sich Reinhard Grindel noch, dann zog der schwer angeschlagene Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) selbst die Notbremse. Der 57-Jährige verkündete am Dienstag seinen Rücktritt, er zog die Konsequenzen aus den neuerlichen Negativschlagzeilen und ständigen Putsch-Gerüchten, die ihn am Ende zwangen zu gehen. (Lesen Sie hier seine Stellungnahme im Wortlaut)

"Der Druck auf seine Person ist in den vergangenen Wochen auf unterschiedlichen Ebenen permanent gestiegen", sagte DFB-Vizepräsident Reinhard Rauball, der den Verband bis zum DFB-Bundestag am 27. September zusammen mit Vize Rainer Koch kommissarisch führen wird: "Es ist daher im Sinne des deutschen Fußballs und seiner Handlungsfähigkeit, den Weg für einen personellen, aber auch strukturellen Neuanfang innerhalb des DFB freizumachen."

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Schon am Montagabend bei der feierlichen Eröffnung der Hall of Fame in Dortmund hatte Grindel resigniert, fast apathisch gewirkt. Ohne auch nur den Ansatz einer Stellungnahme war der frühere Bundestagsabgeordnete im Anschluss durch die Hintertür verschwunden. Die Frage nach dem Rücktritt war nur noch eine der Zeit.

Zu den Berichten über der Öffentlichkeit und angeblich auch Teilen des DFB-Präsidiums verschwiegene Zusatzeinnahmen in Höhe 78.000 Euro kamen zu Wochenbeginn Schlagzeilen über eine geschenkte Luxusuhr aus fragwürdiger Quelle. Das Entscheidende: Jemand aus Grindels unmittelbarem Umfeld streute seit Wochen Informationen, um den DFB-Präsidenten in die Ecke zu treiben. Rückhalt spürte der einstige DFB-Schatzmeister kaum noch.

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Die Stellungnahme von Grindel im Wortlaut

Reinhard Grindel hat die Konsequenzen aus den neuerlichen Negativschlagzeilen gezogen und ist als Präsident des DFB zurückgetreten. Hier lesen Sie seine Stellungnahme.

Reaktionen auf Grindels Rücktritt 

Reinhard Rauball (DFL-Präsident und DFB-Interims-Präsident): "Mit Respekt und Verständnis nehme ich den Rücktritt von Reinhard Grindel zur Kenntnis. Der Druck auf seine Person ist in den vergangenen Wochen auf unterschiedlichen Ebenen permanent gestiegen. Es ist daher im Sinne des deutschen Fußballs und seiner Handlungsfähigkeit, den Weg für einen personellen, aber auch strukturellen Neuanfang innerhalb des DFB freizumachen."

Lothar Matthäus (Rekord-Nationalspieler bei Sky): "Grindel ist immer ein bissel fußballfremd gewesen. Eine Neuaufstellung war bitter nötig. Ich glaube, viele im DFB sind erleichtert, dass Grindel zurückgetreten ist. Der DFB muss die Verantwortung auf breitere Schultern verteilen."

Rainer Koch (DFB-Vizepräsident und DFB-Interims-Präsident): "Unser Ziel ist es jetzt, einen gemeinsamen Kandidaten von DFB und DFL außerhalb des Präsidiums zu finden, der die Anliegen des Amateurfußballs ebenso im Blick hat wie den Spitzenfußball."

Theo Zwanziger (ehemalige DFB-Präsident in der "Rheinischen Post"): "Ich bin nicht glücklich über diese Entwicklung und hoffe, dass der DFB bald wieder auf festen Boden kommt. Dieser für die Gesellschaft so unfassbar wichtige Verband, braucht eine unangreifbare Führungsspitze. Daran müssen nun alle arbeiten und nicht zehn Namen von möglichen Nachfolgern hinterherlaufen."

Günter Distelrath (Präsident des Niedersächsischen und des Norddeutschen Fußballverbandes): "Mit ihm verliert der Deutsche Fußball-Bund einen Präsidenten, der sich so stark wie kaum einer seiner Vorgänger für die Belange des Amateurfußballs eingesetzt hat und maßgeblichen Anteil daran hat, dass die EURO 2024 in Deutschland ausgetragen wird."

Annalena Baerbock (Vorsitzende Bündnis 90/Die Grünen auf Twitter): "Wechsel an #DFB-Spitze muss auch Zeichen für inhaltl. Erneuerung sein. Themen liegen auf der Hand: Fußball Fans zurückgeben, Spieltage nicht weiter zerteilen, Transparenz und gesellschaftl. Verantwortung nach vorne. Vielleicht Zeit für eine kluge Frau wie Silvia Neid?"

Robert Schäfer (Vorstandsvorsitzender Fortuna Düsseldorf in der "Rheinischen Post"): "Dazu hat es am Ende keine Alternative mehr gegeben. Es ist gut, wie es gekommen ist. Jetzt geht es darum, die richtigen Schlüsse aus den Fehlern der Vergangenheit zu ziehen. Es muss jetzt endlich ein echter Neuanfang gemacht werden. Es ist gut, dass es zunächst bis September eine Übergangslösung mit bewährten Kräften gibt. Es ist allerdings entscheidend, dass nicht nur über Personen geredet wird, sondern genauso intensiv über die Strukturen nachgedacht wird."

Britta Dassler (sportpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion auf Twitter): "Nach #Grindel-Rücktritt braucht es tiefgreifende Erneuerung bei #DFB & #FIFA. Die Glaubwürdigkeit in die Rechtschaffenheit ist seit Jahren zutiefst erschüttert. Ich fordere eine Transparenzoffensive."

Thomas Schmidt (Präsident des Südbadischen Fußballverbandes): "Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir keine Informationen geben."

Katrin Göring-Eckardt (Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag): "Herr Grindel war von Anfang an eine falsche Besetzung. Er war gerade nicht das, was der größte Sportverband Deutschlands gerade braucht. Es ist dringend notwendig, jetzt einen Neuanfang zu machen. Er hat nie verstanden, dass der Sport integrativ ist, dass die Hautfarbe keine Rolle spielt, sondern Mannschaftsspiel eben auch heißt, dass man gemeinsam spielt." (dpa)

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Rauball hatte sich am Montagabend in bittere Ironie geflüchtet. Auf die bohrenden Fragen zu Grindel hin berichtete der Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL) lieber ungefragt von seinem Treffen mit Schlagerstar Heino ("Bei Heino ist keine kritische Situation, der hört auf.") - erst erneute Nachfragen entlockten dem Juristen vier knappe Sätze, die aber nicht im Ansatz wie flammendes Plädoyer für Grindel klangen.

"Was ich zu sagen habe, habe ich immer intern gesagt", meinte Rauball, der bereits vor dem Länderspiel vor knapp zwei Wochen in Wolfsburg deutliche Kritik an Grindel geübt haben soll: "Ich gebe dazu öffentlich auch keine Erklärung ab. Intern ist genau, was wir machen sollten. Mir wird viel zu viel nach außen getragen."

Die Vorwürfe hatten Grindel, dem Familienvater, am Wochenende enorm zugesetzt. Die 78.000 Euro, gegen die es rechtlich wenig, aber moralisch viel einzuwenden gibt, reihten sich ein in die Folge von Fehltritten, mit denen der frühere CDU-Politiker in seiner fast dreijährigen Amtszeit aufgefallen war - oft, aber eben nicht immer selbst verschuldet. Wie so häufig hätte auch dieser vermeintliche "Skandal" vermieden werden können, wenn Grindel anders damit umgegangen wäre.

Reinhard Rauball (l) und Rainer Koch übernehmen bis Herbst die Leitung des DFB.  © Arne Dedert/dpa (Archiv)

Die Medienkampagne gegen sich konnte der ehemalige Journalist schließlich nicht mehr aufhalten. Er wird zu dem Schluss gekommen sein, dass der Schaden für sein eigenes Image und das seines Amtes nicht mehr zu reparieren ist. Und, dass es keinen großen Sinn mehr hat, sich der massiven Kritik weiter auszusetzen.

Grindels Demission stellt den DFB allerdings vor große Probleme. Ein starker Nachfolger ist weit und breit nicht in Sicht. Rauball, der sich nicht erneut zum DFL-Präsidenten wählen lassen wird, liegt mit 72 Jahren über der Altersgrenze. Koch fehlt der Rückhalt im Profibereich. Der langjährige Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm äußerte am Montag, er habe "überhaupt keine Ambitionen", DFB-Präsident zu werden.

Grindel sitzt unabhängig von seiner Amtszeit beim DFB in den Führungsgremien der UEFA und FIFA. Vor allem in der Europäischen Fußball-Union (UEFA), betonte der CDU-Politiker, sei er inzwischen als Vizepräsident äußert gut vernetzt. Die gut dotierten und prestigeträchtigen Posten, die rund eine halbe Million Euro im Jahr einbringen, wird er in enger Abstimmung mit dem DFB fortführen. Im vergangenen Herbst feierte Grindel zudem den Zuschlag für dem EM 2024. (sid)