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Größer als Olympia

Paralympics erfordern zahlenmäßig einen enormen Aufwand. Auf einen Athleten kommt mindestens ein Betreuer.

© dpa

Von Ronny Blaschke

Vielleicht hätte es Martin Härtl zu den Olympischen Sommerspielen 1996 nach Atlanta geschafft. Anfang der 1990er-Jahre gehörte er in der Leichtathletik zu den größten Lauftalenten. Doch mit 17 Jahren stürzte er von einer Kletterwand – neun Meter tief auf den harten Boden. Er brach sich die Beine, ein Handgelenk und erlitt innere Blutungen. An Spitzensport war nicht mehr zu denken.

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Olympia war auch das Fernziel von Lutz Klausmann. Tag für Tag durchmaß er als Jugendlicher die Loipen des Schwarzwalds, doch irgendwann wurde er nicht mehr in den Landeskader Baden-Württembergs berufen. Für die Weltspitze genügte es nicht.

Wenn man dem 43-jährigen Härtl und dem 25-jährigen Klausmann jetzt in Pyeongchang gegenüber sitzt, dann vermitteln sie nicht den Eindruck, als sei ihnen etwas Großes verloren gegangen. Sie sprechen nicht über Medaillen und Rekorde. Sie erzählen, wie es ist, sich zurückzunehmen – zugunsten eines anderen. Härtl ist Begleitläufer der sehbehinderten Biathletin Clara Klug, Klausmann hat die gleiche Rolle für Nico Messinger. Gemeinsam bestreiten sie ihre ersten Paralympics – als Leitfiguren der besonderen Art. Härtl lernte Klug 2012 kennen. Da war sie noch nicht volljährig. Als Trainer des Behindertensportverbandes in Bayern wollte er jemanden zu den Weltspielen bringen. Sie stimmten sich ab und erhöhten das Trainingspensum von Jahr zu Jahr, auf nun beinahe 20 Stunden pro Woche.

Es gab Wochen, da verbrachte Härtl mit Klug mehr Zeit als mit seiner Familie. Aber nur so entsteht Vertrauen, das sie auf der Strecke brauchen. „Ich laufe die Rennen aus der Sicht von Clara“, sagt Härtl – er voran, sie im Windschatten hinterher. Meistens klappt das auch in Südkorea gut, wie Bronze über zehn Kilometer beweist. Einmal ging es aber auch schief. Im ersten Rennen über sechs Kilometer schaute Härtl nach hinten und übersah eine unebene Stelle im Schnee. Er stürzte und sie über ihn.

„Das kommt vor“, sagt Klausmann, „aber je näher wir beieinander sind, desto ökonomischer ist es.“ Er hatte sich noch nicht mit Paralympics beschäftigt, als er in der Oberstufe von seinem Lehrer davon erfuhr. Klausmann fand es spannend und bot beim Leistungsstützpunkt in Freiburg seine Hilfe an. Seit 2014 ist er an der Seite von Messinger. In den vergangenen vier Monaten verbrachten sie kaum einen Tag ohne einander. Dieses Verständnis überträgt sich auf den Biathlon-Wettbewerb. Nur am Schießstand muss Klausmann zurücktreten und darf keine Hinweise geben. Messinger richtet sich beim Zielen nach akustischen Signalen. Härtl und Klausmann stehen stellvertretend für etwa 600 Trainer, Betreuer, Mediziner und technische Assistenten, die den sportlichen Betrieb bei den Paralympics möglich machen. Auf einen Aktiven kommt durchschnittlich ein Betreuer. Der Aufwand ist zahlenmäßig größer als bei Olympia. Den 20 deutschen Athleten stehen 34 Betreuer gegenüber. „Die Anforderungen bei Winterspielen sind wesentlich größer“, sagt Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams.

Doch was ist Staat und Sport diese Begleitung wert? „Auch für den Partner im Team müssen Anreize geschaffen werden.“ Diesen Satz sagte Thomas Friedrich schon 2010, nachdem er als Begleitläufer mit Verena Bentele fünfmal Gold in Vancouver gewonnen hatte. Doch einen Durchbruch in der Förderung gab es seitdem nicht. Eine Angliederung an eines der Bundesministerien war bisher nicht möglich.

Klausmann schließt gerade sein Studium der Finanz- und Versicherungsmathematik ab. Für den Sport bekam er ein Stipendium. Seine Professorin findet sein Engagement gut. Bald möchte er sich auf die Arbeit konzentrieren, und so beginnt für Messinger die Suche nach einem Partner aufs Neue. Aber erst mal fliegen sie zusammen in den Urlaub nach Thailand.