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Große Zeckenplage in Sachsen

Zecken sind auf dem Vormarsch in der Stadt. Schon Hunderte Dresdner erkrankten an Borreliose – mit schlimmen Folgen.

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© dpa

Von Julia Vollmer

Zuerst war da nur ein roter Fleck in der Kniekehle. Nach drei Tagen bekam Norbert Schmidt plötzlich Kopfschmerzen, Arme und Beine taten weh. Das Fieberthermometer zeigte 39,4 Grad. Eine normale Sommergrippe – dachte er. Er meldete sich krank und legte sich ins Bett. Als die Symptome nach einer Woche immer schlimmer wurden und er erste Lähmungserscheinungen im Gesicht zeigte, schickte seine Frau ihn zum Arzt. Das Ehepaar bekam Panik und machte sich große Sorgen. Der Mediziner untersuchte den 45-Jährigen und fand den roten Fleck. Seine Diagnose: Borreliose. Dann musste alles ganz schnell gehen. Krankenhaus, Medikamente, strenge Bettruhe. Norbert Schmidt ist jetzt erst mal auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben.

So wie ihm ging es in diesem Jahr schon fast 300 Dresdnern. Sie erkrankten ebenfalls an Borreliose. Die Infektionskrankheit wird vor allem von Zecken übertragen. Sie kann im schlimmsten Fall zur Hirnentzündung führen. Im gesamten Jahr 2015 gab es 340 Erkrankte, so das Dresdner Gesundheitsamt. Die Dunkelziffer für 2016 dürfte ein wenig höher liegen, da das Amt darauf angewiesen ist, dass alle Fälle wirklich gemeldet werden. Und noch schlimmer: Zwei Menschen erkrankten in diesem Jahr an der noch gefährlicheren und ebenfalls durch Zeckenbisse ausgelösten Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME). FSME ist eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute.

Auch das sächsische Sozialministerium schlägt Alarm. Es gibt in ganz Sachsen schon rund 1 150 Borreliose-Fälle in diesem Jahr. Und die Zeckensaison ist gerade erst auf ihrem Höhepunkt.

Die Monate Juli bis Oktober gelten als die risikoreichsten. Bei schwül-warmem Wetter fühlen sich die Tiere wohl. Sie sitzen in Büschen und im hohen Gras auf der Lauer. Sie haben es auf das Blut der Menschen abgesehen. Und sie haben leichtes Spiel: Statt langer Hosen tragen die Spaziergänger Sommerkleider und Shorts. Dieser Sommer bot die „besten“ Bedingungen für die Tiere, die deshalb besonders aktiv waren. Der oft schnelle Wechsel zwischen warmen und regnerischen Tagen ließ die Zahl der Krabbeltiere wachsen.

Andre Koch, Hautarzt und Allergologe am Krankenhaus Friedrichstadt, kann ein wenig beruhigen. Längst nicht alle Zecken, die in Dresden auf Gräsern sitzen, sind mit Borrelien befallen. Laut einer Studie von 2013 sind nur rund 13 Prozent der Tiere betroffen, sagt er. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

Laut einem Forschungsprojekt der TU sind in Dresden vor allem die Zecken der Gattung Ixodes verbreitet. Sie übertragen die Borreliose meist auf Forstarbeiter und Jäger. Und eben auf Menschen, die gern im Freien unterwegs sind. Die Erreger der Borreliose sitzen häufig auf Waldmäusen, Igeln und Rehen, die im Elbtal und um Dresden häufig vorkommen. Die Säugetiere übertragen die Krankheit auf die Zecke und diese dann im schlimmsten Fall auf den Menschen.

Zunächst bemerkt man einen Zeckenbiss gar nicht. Die Krabbeltiere sondern ein betäubendes Sekret ab. Der Gestochene spürt keinen Schmerz. Doch es kommt auf eine schnelle Reaktion an. Denn die Tiere können Borreliose und FSME erst übertragen, wenn sie genug Zeit haben. Nach 24 Stunden steigt die Gefahr extrem an.

Wer viel draußen unterwegs ist, kann sich gegen die Krabbeltierchen schützen. Wichtig sind lange Hosen und Oberteile und ein Zeckenschutzmittel, rät André Koch. Den Körper immer gründlich nach Zecken absuchen heißt die Devise. Schnell zum Arzt sollten die Patienten bei Schwindel, Fieber und Kopfschmerzen. Und wenn sich ein roter Kreis um den Stich bildet. Wer zu Hause selbst herumdoktert, darf die Zecke beim Entfernen nicht quetschen. Werden die Insekten gequetscht, erbrechen sie und die Gefahr der Übertragung von Borrelien erhöht sich.

Norbert Schmidt wäre froh gewesen, wenn er das vorher gewusst hätte. Er hatte aber Glück, die Infektion endete nicht in einer Hirnhautentzündung. Bald kann er wieder mit den Kindern im Garten toben.