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"Ich fange doch nicht an, meine Gäste auszusortieren!"

2-G-System: Geimpft oder Genesen: Großenhains Gastronomen möchten sich nicht zwischen den Menschen entscheiden müssen.

Heftig umstritten: Im Rahmen der neuen sächsischen Corona-Schutzverordnung inzwischen in aller Munde: Auch der Freistaat prüft die Einführung eines sogenannten 2-G-Systems als Optionsmodell.
Heftig umstritten: Im Rahmen der neuen sächsischen Corona-Schutzverordnung inzwischen in aller Munde: Auch der Freistaat prüft die Einführung eines sogenannten 2-G-Systems als Optionsmodell. © Kristin Richter

Großenhain. Das letzte Telefonat dieser Art hat sie vor ein paar Minuten beendet. Eine Besucherin, die das von Angelika Pietzsch gemeinsam mit ihrem Bruder Kai-Michael Riepert geführte Restaurant Kupferberg in Großenhain sehr schätzt, habe dieses Mal entnervt bekundet, all die erlassenen Coronaregeln führten bei ihr bald dazu, keine Feierlichkeiten mehr außerhalb der eigenen vier Wände abzuhalten. "Die Menschen sind wirklich sehr verunsichert, was noch möglich ist und was nicht", gibt Angelika Pietzsch zu bedenken.

Hintergrund für diese Gefühlslage, ist die Ankündigung des sächsischen Freistaates ähnlich wie in anderen Bundesländern ein sogenanntes 2-G-System als Optionsmodell einführen zu wollen. Demnach sollen nur noch Geimpfte und Genesene Zugang zu Restaurants, Einrichtungen und Events von bis zu 5.000 Menschen erhalten, zumindest dann, wenn der Veranstalter beziehungsweise der Gastwirt das für sich selbst so entscheidet. Im Gegenzug dürfe auf Maskenpflicht und Abstandsgebot verzichtet werden. "Damit können die Gastronomen in ihrer Gaststätte eine Atmosphäre schaffen wie vor der Pandemie", sagte Staatskanzlei-Chef Oliver Schenk am Dienstag.

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Praktisch bedeute das: Ungeimpfte müssten selbst mit einem negativen Corona-Test draußen bleiben. Und auch Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren bekämen nur noch Zutritt zu einem Eiscafé, ins Kino und Co., wenn sie genesen oder geimpft seien. Während Restaurantbetreiber wie Angelika Pietzsch gegenwärtig im Rahmen der Datenerfassung den aktuellen Status abfragen und jedermann Schnitzel, Törtchen und Apfelschorle ermöglichen, würden viele potentielle Kunden künftig Kohldampf schieben.

Mögliche Regelungen zur 38. Corona-Schutzverordnung, denen nicht nur der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Sachsen eher kritisch gegenübersteht. Beklagte etwa Hauptgeschäftsführer Axel Klein, dass man endlich wieder normale Abläufe brauche, wollen sich jene, die tagtäglich ihre Arbeit in Küche oder hinter dem Tresen verrichten, nicht gezwungen fühlen, zwischen dem einen oder anderen Menschen zu entschieden. "Ich halte davon absolut gar nichts und werde jetzt auch nicht damit anfangen, meine Gäste auszusortieren", empört sich Kirsten Börner.

Die Inhaberin des beliebten Zschauitzer Gasthofs macht keinen Hehl daraus, dass ihr grundsätzlich jeder Besucher willkommen sei und sie deshalb - so lange ihr die Wahl bliebe - auch das bisherige Prinzip anwende. Die Leute würden nach all den Monaten fern der Gaststube jetzt so gern zu ihr kommen. "Wenn ich das notwendige Personal hätte und mangels eines weiteren Kochs nicht allein in der Küche stehen müsste, könnte ich mich zurzeit vor Zulauf nicht retten", ist sich Kirsten Börner sicher.

Eine Freude am wieder einkehren und bewirtet werden, welche auch Andrea Dreßler wohlwollend registriert. Die Inhaberin von Meyers Gaststätte habe die Bestellbücher bereits bis zum Jahresende gut gefüllt, und Anfragen für Familienfeiern gebe es natürlich auch schon für 2022. Aber ebenso wie ihre Kollegen am Kupferberg registriere auch sie die zunehmende Verunsicherung und teilweise große Verärgerung der Gäste. Um nicht noch mehr Öl ins emotionale Feuer zu gießen, möchte Andrea Dreßler sich ganz bewusst nicht daran beteiligen, Privilegien für Geimpfte und von Corona Genesene einzuräumen. "Wir haben in Deutschland nun mal keine Impfpflicht, also möchte ich auch niemanden zu etwas zwingen, damit er bei mir einkehren kann", erklärt Dreßler.

Und das endlich wieder eingekehrt werden darf, genießt auch ihre Branchenkollegin. Die Chefin des Hotels und Gaststätte Kupferberg hatte bereits im vergangenen Jahr darauf aufmerksam gemacht, wie hart das Gastgewerbe von der Pandemie betroffen ist. "Abgesehen von der Tatsache, dass inzwischen noch mehr Fachkräfte fehlen als schon vor der Corona-Krise, könnte ich es mir im Fall der Fälle beispielsweise nicht mehr leisten, meine Leute schon wieder in die Kurzarbeit zu schicken", erklärt Angelika Pietzsch.

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Die Pandemie habe einen großen Personalmangel beschert und man sei zufrieden, dass die Auftragslage sich jetzt so langsam beginne zu stabilisieren. Weitere Einschränkungen würden dem beginnenden wirtschaftlichen Aufwind jedoch einen herben Dämpfer verpassen. "Deshalb wäre es wichtig, dass die Politik einerseits Lösungen findet, die auch in der Praxis umsetzbar sind. Und andererseits solche, die allen Menschen gerecht werden."

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