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Am Ende des Geldes ist zu viel Monat übrig

Eine Großenhainerin hat viele persönliche Rückschläge verkraften müssen. Das Ersparte ist aufgebraucht. "Lichtblick" hilft.

Von Thomas Riemer
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Einmal pro Woche kommt Marie Lange (li.) zu Birgit Hauth (*). Neben behördlichen Dingen kümmert sie sich auch um die seelischen Probleme ihrer Klientin.
Einmal pro Woche kommt Marie Lange (li.) zu Birgit Hauth (*). Neben behördlichen Dingen kümmert sie sich auch um die seelischen Probleme ihrer Klientin. © Kristin Richter

Großenhain. Das Leben schreibt Geschichten - und viele sind davon traurig, beklemmend, bedrückend. Wenn Menschen Schicksalsschläge erlebt haben, von Krankheit gezeichnet sind, buchstäblich ums tägliche Brot kämpfen müssen, benötigen sie Hilfe.

So wie Birgit Hauth (*Name geändert). "Mir geht es heute nicht so gut", sagt die 59-Jährige beim Besuch der SZ in ihrer Zweiraumwohnung in einem Großenhainer Wohngebiet. Noch immer kämpft sie mit den Folgen einer Lungenembolie vor drei Jahren, muss Medikamente gegen Bluthochdruck nehmen. Gegen seelische Beschwerden aber gibt es keine Tabletten. Vor zwei Jahren trennte sich Birgit Hauth von ihrem damaligen Lebensgefährten, nachdem der sie auch geschlagen hat. "Ich habe keine schöne Zeit hinter mir", fasst sie das zusammen und kann ihre Tränen nicht unterdrücken. Drei Jungs von dem Mann hat sie, vier weitere Kinder aus einer früheren Beziehung. Das älteste ist 39, das jüngste fast 18. Doch das "Nesthäkchen" leidet unter einer geistigen Einschränkung, ist derzeit in einem Heim bei Hoyerswerda untergebracht. "Ich sehe ihn zwar regelmäßig", sagt Birgit Hauth. Doch ihr großer Wunsch: Der Junge soll nach Großenhain.

Marie Lange ist Koordinatorin der Ambulanten Behindertenhilfe/Assistenzdienst bei der Diakonie Meißen. Seit anderthalb Jahren gehört Birgit Hauth zu ihren Klienten. Einmal pro Woche besucht sie die Frau, um Behördenkram zu erledigen, Anträge auszufüllen, aber auch im gemeinsamen Gespräch jene Probleme zu berühren, die das Herz belasten. Für Birgit Hauth ist das enorm wichtig. Denn soziale Kontakte außerhalb der Wohnung gibt es für sie kaum. Ihre vier großen Kinder haben den Kontakt zu ihr abgebrochen, "wegen meines damaligen Lebensgefährten". Mit den drei Jungs aus der letzten Beziehung ist sie nach Großenhain gekommen. Doch der Umgang miteinander ist kompliziert. Einer von ihnen zog kurzzeitig bei ihr ein, hat inzwischen eine eigene Wohnung - und Birgit Hauth auf einigen Kosten sitzen gelassen. Bei einem Einkommen in Höhe der Grundsicherung von gerade mal 852 Euro bleibt da abzüglich von Miete und Energie nur das Nötigste. Und damit nicht genug: Einen Tag nach dem Einzug in die Großenhainer Wohnung ging der Kühlschrank kaputt. Die Ersparnisse für einen neuen sind aufgebraucht, der Traum von einer dringend benötigten neuen Couch in weite Ferne gerückt.

Marie Lange hat sich deshalb an die Stiftung "Lichtblick", einer Initiative der Sächsischen Zeitung, gewandt. Als Spendenaktion 1996 ins Leben gerufen, hilft sie Menschen im Verbreitungsgebiet der Zeitung, die in Not geraten sind - schnell, gezielt, unbürokratisch und mit menschlichem Antlitz. 500 Euro sind aus dem Fonds inzwischen zugunsten von Birgit Hauth überwiesen worden. Ein neuer Kühlschrank konnte gekauft werden, ist inzwischen geliefert. Die neue Couch hat sie gemeinsam mit Marie Lange ausgesucht - die Anschaffung wird gerade in die Wege geleitet.

Dinge, die für Birgit Hauth wichtig sind - aber längst nicht alle Probleme lösen. Die Frau bricht in Tränen aus. "Ich bin oft so alleine", sagt sie. Eine Freundin sei in jüngerer Vergangenheit an Krebs gestorben. Eine Selbsthilfegruppe täte sicherlich gut. Und dort, so Marie Lange, ist für Birgit Hauth auch ein Platz reserviert. Doch Corona lässt das Treffen mit Gleichgesinnten momentan nicht zu ...

Und doch gibt es ein bisschen Hoffnung. Im März wird der jüngste Sohn 18. "Ich will ihn in meiner Nähe haben", sagt Birgit Hauth und klingt plötzlich selbstbewusst. In Hoyerswerda, so glaubt sie, fühle sich der Junge nicht wohl. Deshalb hat Marie Lange Kontakt aufgenommen, um ihn in einer Wohngruppe bei der Lebenshilfe in Großenhain aufzunehmen. Die Aussicht auf Erfolg ist jedenfalls gut. Und Birgit Hauth freut sich auch auf die Feiertage. Denn: "Da wird mein Sohn bei mir sein."

Und noch einen großen Wunsch hat sie. "Im Urlaub war ich seit Ewigkeiten nicht. Das kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Doch Marie Lange, die mit sieben Kolleginnen zurzeit 74 Menschen betreut, macht ein bisschen Mut. Denn die Diakonie organisiert regelmäßig einwöchige Fahrten - zuletzt beispielsweise ins Zittauer Gebirge. "Da wird für Birgit Hauth immer ein Platz reserviert sein", sagt die Betreuerin. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  • Die Stiftung Lichtblick veranstaltet dieses Jahr die 26. Spendensaison für in Not geratene Menschen. Die Spenden können online überwiesen werden über www.lichtblick-sachsen.de/jetztspenden . Konto-Nummer: Ostsächsische Sparkasse Dresden, BIC: OSDDDE81 IBAN: DE88 8505 0300 3120 0017 74
  • Hilfesuchende wenden sich bitte an Sozialeinrichtungen ihrer Region wie Diakonie, Caritas, DRK, Volkssolidarität, Jugend- und Sozialämter.
  • Erreichbar ist Lichtblick telefonisch Dienstag und Donnerstag von 10 bis 15 Uhr unter 0351/4864 2846, Fax: - 9661, Mail: [email protected]; Sächsische Zeitung, Stiftung Lichtblick, 01055 Dresden
  • www.lichtblick-sachsen.de