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Brandstifter, Prüglerinnen, Geisterfahrer

Ein Streifzug durch merkwürdige und skurrile Fälle, die 2021 vom Riesaer Amtsgericht verhandelt wurden.

Von Manfred Müller
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Amtsgericht Riesa: Ob leichte oder schwere Vergehen: Angeklagte geben ihr Gesicht für "Erinnerungsfotos" nur selten frei.
Amtsgericht Riesa: Ob leichte oder schwere Vergehen: Angeklagte geben ihr Gesicht für "Erinnerungsfotos" nur selten frei. © Sebastian Schultz

Riesa/Großenhain. Als Zuhörer im Gerichtssaal zu sitzen, kann ungemein lehrreich sein. Da werden oft ungewöhnliche Tatmotive und tragische Schicksale sichtbar. Manche Verhandlungen offenbaren aber auch Kurioses und verlaufen geradezu unterhaltsam. Für andere gilt der philosophische Grundsatz: „Schreibe niemals der Bösartigkeit zu, was ausreichend durch Dummheit erklärt werden kann.“ Die SZ blickt zum Jahreswechsel auf einige bemerkenswerte Prozessdetails zurück.

Erziehungspflichten übererfüllt: Eine junge Frau fühlt sich am Nünchritzer Bahnhof von einer Gruppe Jugendlicher verbal belästigt. Die Zeithainerin ruft ihre Eltern an, und zu dritt knöpft sich die Familie einen der jungen Männer vor. Der Vater schlägt mit der Faust zu, die Mutter zerrt ihn an den Haaren, die Tochter tritt ihm in die Weichteile. Ihre Depressionen schlügen nun mal leicht in Aggression um, sagt die 19-Jährige vor Gericht. Angesicht ihrer Jugend bekommt sie nur einen Betreuer zur Seite gestellt, während die Eltern zu jeweils einem halben Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung verurteilt werden.

Muttis Karate-Kid: Es geht auch andersherum. Ein Dynamo-Anhänger aus Großenhain attackiert bei einem Auswärtsspiel einen Polizisten mit Karatetritten. Auf der Anklagebank erklärt er sein Verhalten folgendermaßen: Der Beamte habe seiner Mutti, die auch zur Fanszene gehört, einen Stoß in den Rücken versetzt. Da sei er eben ausgerastet. Der junge Mann beruft sich ebenfalls auf psychische Probleme. Da er einen festen Job und eine günstige Sozialprognose hat, kommt er am Ende mit einer Geldstrafe davon.

Enthemmte Brüder: Eine familiäre Bindung trägt offenbar nicht immer zur Entschärfung von Konflikten bei. Schon gar nicht, wenn Alkohol im Spiel ist. Da geraten in Priestewitz zwei Brüder aneinander, weil der eine von ihnen den gemeinsamen Hausschlüssel nicht finden kann. Er gerät darüber so in Rage, dass er den anderen, als dieser nach Hause kommt, zu Boden schlägt und mit seinen schweren Arbeitsschuhen tritt. Beide – schon Männer im besten Alter – haben mehr als zwei Promille Alkohol im Blut. Der Schlüssel, so stellt sich heraus, war nur unter den Gartentisch gerutscht. Da sich der Angeklagte reuig zeigt und sein Bruder auch keine Verurteilung wünscht, wird das Verfahren gegen eine Geldbuße eingestellt.

Uneinsichtiger Geisterfahrer: Ein älterer Herr nimmt an der Riesaer Elbbrücke die falsche Auffahrt zur B169. Als er merkt, dass er in die falsche Richtung unterwegs ist, wendet er kurzerhand und fährt auf der Überholspur zurück. Mehrere Autofahrer entgehen nur knapp einem Zusammenstoß. Im Gerichtssaal scheint dem 73-Jährigen nur wichtig zu sein, dass er seinen Führerschein zurückbekommt. Er wirkt insgesamt ziemlich verwirrt, und es stellt sich heraus, dass er im Auto nicht mal sein Hörgerät benutzt hatte. Die Fahrerlaubnis bekommt er natürlich nicht wieder, dafür aber noch eine Geldstrafe aufgebrummt. Wütend vor sich hin schimpfend verlässt der Großenhainer den Gerichtssaal.

Drogenversand per Post: Manchmal sind es die Begleitumstände einer Tat, die den außenstehenden Betrachter zum Schmunzeln bringen. Da verschickt ein Drogendealer Crystal Meth per Post an einen Kunden in Riesa. Natürlich steht auf dem Päckchen ein fingierter Absender. Das Dumme ist nur, dass es sich dabei um die echte Adresse einer Physiotherapie handelt. Weil der Täter die Postsendung nicht ausreichend frankiert hat, wird sie zurückgeschickt – an die nichtsahnende Physiotherapeutin. Die geht damit natürlich zur Polizei. Der potenzielle Kunde aber, dessen Klarname auf dem Umschlag stand, landet auf der Anklagebank des Riesaer Amtsgerichts.

Brandstifter aus Eifersucht: Ein 28-jähriger hilfsbedürftiger Großenhainer verliebt sich offenbar in seine kirchliche Betreuerin. Als er sie mit einem anderen Mann sieht, dreht er durch. Er schleicht sich zu ihrer Gartenlaube und zündet diese an. Dann alarmiert er die Polizei und öffnet den Beamten sogar noch das Tor der betroffenen Sparte. Den Polizisten kommt das Verhalten des jungen Mannes bald verdächtig vor. Sie durchsuchen seine Laube, die sich in der Nachbarschaft befindet, und finden dort die gleichen Grillkohleanzünder mit denen das Häuschen der Betreuerin in Brand gesetzt wurde. Der Delinquent streitet vor Gericht zunächst alles ab, legt nach einer langwierigen Zeugenbefragung dann aber doch ein Geständnis ab. Das rettet ihn, obwohl er noch unter Bewährung steht, am Ende vor dem Knast.

Urlaub auf Kosten der Sparte: Ein Riesaer Ehepaar kommt wegen nicht gezahlter Krankenkassenbeiträge in finanzielle Schwierigkeiten. Daraufhin plündert die Frau die Kasse der Kleingartensparte in Glaubitz, in der ihr Mann Vorstandsmitglied ist. Während der Verhandlung stellt sich heraus, dass die beiden das Geld keineswegs nur für die Begleichung ihrer Schulden verwendeten. Sie leisteten sich auch noch eine Urlaubsreise zum stolzen Preis von 2700 Euro. Die Frau nimmt die Schuld für die Unterschlagung komplett auf sich. Ihr Mann streitet jede Tatbeteiligung ab. Die 49-Jährige wird zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Die unterschlagenen 14 000 Euro muss sie natürlich zurückzahlen.

Randale in der Shisha-Bar: Da randaliert eine Riesaerin in volltrunkenem Zustand in einer Shisha-Bar der Elbestadt. Sie wirft einem Angestellten eine Metaxa-Flasche an den Kopf, woraufhin dieser die Polizei ruft. Die Beamten treffen die 35-Jährige hinter der Theke an, wo sie unverständliches Zeug lallt. Als sie näherkommen, sehen sie, dass sie keine Hose und auch kein Höschen anhat. Glücklicherweise gehört eine Polizistin zur Streifenwagenbesatzung, die die Männer erst einmal hinausschickt. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass keine Sexualstraftat vorliegt, hilft sie der Frau beim Anziehen und führt einen Atemalkoholtest durch. Der ergibt satte drei Promille. Da die Delinquentin auch noch wegen der Beteiligung an einer Schlägerei angeklagt und schon früher durch Gewalttätigkeit aufgefallen ist, bekommt sie nun ihre erste Haftstrafe, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt wird.