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„Jeder kann erklären, wie es nicht geht“

Hermann Braunger war Polizeirevierchef in Riesa, ist heute Großenhainer CDU-Stadtrat und Verfechter der digitalen Kommunikation – nicht nur wegen Corona.

Video-Meetings gehören zum Alltag von Hermann Braunger. Der 63-Jährige ist CDU-Stadtrat in Großenhain und plädiert für mehr digitale Kommunikation.
Video-Meetings gehören zum Alltag von Hermann Braunger. Der 63-Jährige ist CDU-Stadtrat in Großenhain und plädiert für mehr digitale Kommunikation. © Screenshot: privat

Großenhain. „Ich bin jetzt noch kurz in der Werkstatt. Würde mal für 17 Uhr ein Meeting ansetzen.“ Der Kontakt mit Hermann Braunger für das SZ-Interview kommt schnell zustande. Pünktlich sitzt der ehemalige Leiter des Polizeireviers Riesa in seiner Großenhainer Wohnung bereit. Im Hintergrund ein Bild des Rathauses aus der Sicht des Marienkirchturmes. Den hat der 63-Jährige bewusst für die Videokonferenz gewählt – denn seit knapp anderthalb Jahren ist Braunger als Stadtrat Mitglied der CDU-Fraktion.

„Ich bin gesundheitlich fit, fühle mich wohl“, sagt Hermann Braunger. Ein bisschen Übergewicht habe er, „so acht Kilo mehr als im Frühjahr“. Aber das sei kein Kummerspeck. Die Arbeit im Garten fehle ihm, auch die regelmäßigen Kontakte zu Freunden und Bekannten. Arbeiten im Keller, das Kochen als eine seiner Leidenschaften können das kaum ersetzen. „Ich fühle mich manchmal ein bisschen einsam zu Hause“, gesteht Hermann Braunger mit Blick darauf, was eben alles im Moment wegen Corona nicht stattfinden kann. Er hat die letzten Monate genutzt, um sein umfangreiches Foto- und Videoarchiv zu sichten. Da gebe es viele Erinnerungen, in denen er schwelgen könne und auch manchmal feuchte Augen bekomme. Was er indes nicht vermisst, ist seine Arbeit bei der Polizei. „Ich möchte mit den Kollegen momentan nicht tauschen“, sagt Braunger.

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Und doch kommt er nicht drumrum, sich mit seinem früheren Job zu beschäftigen. Aus Großenhainer Sicht. Denn der CDU-Stadtrat verfolgt sehr wohl, dass erst jüngst die Polizei im Zusammenhang mit dem geplanten Parteitag der Christdemokraten in die Diskussion gekommen ist. Der Kreisvorsitzende Sebastian Fischer hatte nach großem Hin und Her die vorgesehene Präsenzveranstaltung in letzter Minute abgesagt und dies unter anderem damit begründet, dass das Großenhainer Revier Sicherheitsbedenken hatte. Es sei anders gewesen, sagt Hermann Braunger. Weiter auswalzen will er das Thema nicht. Seine Meinung hatte er schon vorher gesagt. Es sei „moralisch verantwortungslos“, eine solche Veranstaltung angesichts der Corona-Zahlen im Landkreis durchzuführen, ließ er den Kreisverband wenige Tage zuvor wissen – und sagte seine Teilnahme ab. „Während Corona muss doch auch eine Briefwahl möglich sein.“ Er kenne Sebastian Fischer als engagierten CDUler, auch wenn er nicht immer seiner Meinung sei. „Er reißt zu oft mit dem Hintern ein, was er mit den Händen aufgebaut hat“, formuliert Braunger seine Kritik salopp.

Das Problem: „Wir reden zu wenig miteinander“. Für den für seine ehrliche und unkomplizierte Kommunikation bekannten Hermann Braunger ist dies durchaus gravierend. Das gelte für den CDU-Kreis- genauso wie für den -Stadtverband. Als letzterer den Medien seine angebliche Unterstützung für Sebastian Fischer für dessen Bundestagskandidatur bekanntgab, „ist die Masse der Mitglieder gar nicht angehört worden“, kritisiert er. Was sicher auch daran lag, dass zum Beispiel Videokonferenzen in diesen Zeiten noch immer kaum bzw. zu wenig genutzt werden.

Dabei ist Hermann Braunger nicht erst seit Eintreten in den polizeilichen Ruhestand ein Verfechter der neuen Technik. Im Stadtrat etwa hat er zuletzt beantragt, dass Beschlussvorlagen nicht mehr in Papierform, sondern digital an die Räte verschickt werden. Es ist eins von mehreren Themen, bei denen er gern seine ganz persönliche „Handschrift“ ins städtische Leben einbringen will. Dazu gehören außerdem die Schaffung einer Infrastruktur, um irgendwann die Vermarktung des ehemaligen Flugplatzes zu verwirklichen – ein stichhaltiges Verkehrskonzept also oder die Schaffung von Bauplätzen für Wohnraum in Großenhain. Für den Kleingärtner und Schriftführer in seinem Gartenverein zählt in der Stadtratsarbeit hinsichtlich des Stadtentwicklungskonzeptes auch Lobbyarbeit für die Gartenbesitzer zum Credo.

Sein Fazit nach anderthalb Jahren fällt durchwachsen aus. „Alle Stadträte denken pro Großenhain“, ist sich Hermann Braunger sicher. Auch wenn es immer wieder konträre Auffassungen zu den Themen gebe. Das sei doch auch gut so. Der Stadtrat sei vor allem dazu da, die Arbeit der Verwaltung zu kontrollieren und kritisch zu hinterfragen. Die Debatte um die Kosten für den Neubau der Kindertagesstätte Chladeniusstraße nennt Braunger als eine Art „Paradebeispiel“. Noch im Vorgängerstadtrat sei der Fehler gemacht worden, bei der Ausschreibung des Projektes die maximale Kostenhöhe nicht festzuschreiben. „Das war ein verzwickter Kontrakt, so ein Fehler darf sich nicht wiederholen“, blickt Braunger auf künftige Entscheidungen voraus.

Die Stadtverwaltung und ihre Arbeit sieht er als eine solide Sache an. Angesichts der Corona-Situation sei Oberbürgermeister Sven Mißbach in einer „misslichen Lage“, weil derzeit nun einmal Entscheidungen von Bund und Land umzusetzen sind und damit wenig Freiraum bleibt. „Der OB muss eine funktionierende Verwaltung organisieren. Und das macht er ganz gut“, sagt Hermann Braunger. Das sei ihm lieber, als zum Beispiel die vieldiskutierte Riesaer Entwicklung unter Wolfram Köhler. „So etwas passiert uns hoffentlich nicht“, hofft der frühere Revierchef in der Elbe- für seine Heimatstadt an der Röder. „Es muss alles solide und machbar sein“, so sein Credo. Mit Mut und Kompromissbereitschaft. Von seinen Stadtratskollegen fordert er dabei, dass sie „klare Kante“ zeigen. Stimmenthaltungen sehe er kritisch. „Jeder kann erklären, wie es nicht geht“, so Hermann Braunger vielsagend.

Corona setzt ihm zu. Doch er arrangiert sich mit dem Virus. Wenn er in den vorgegebenen Zonen Leute ohne Mund-Nasenschutz sieht, „dann spreche ich sie an“. Das Tragen des „Schnorchels“, wie er die Maske salopp nennt, sei für ihn selbstverständlich, „um meinen Gegenüber zu schützen“. Deshalb will er sich auch „auf jeden Fall“ gegen Covid-19 impfen lassen, wenn die Zeit für seinen Jahrgang heran ist. Und: Wenn das alles vorbei ist, will Hermann Braunger sein Sparschwein „schlachten“. Das füllt er momentan mit jenem Geld, das er normalerweise für gemeinsames Essen mit Frau, Familie und Freunden in einer der Großenhainer Gaststätten ausgibt. Auch die traditionelle Familienweihnacht am 2. Feiertag will er nachholen – „warum denn nicht im Sommer?“ schmunzelt er.

Hermann Braunger würde wieder für den Stadtrat kandidieren. „Es macht Spaß, man ist in den Alltagsthemen drin“, sagt er. Er wird auch künftig Video-Meetings organisieren, um sich auszutauschen. „So ganz ohne Arbeit kann ich nicht sein. Und Stadtrat zu sein, ist keine Last.“

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