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Corona-Protest: "Wir machen auf"

Ob Großenhains Händler der Netz-Initiative am Montag folgen, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, auch sie fühlen sich vom Staat komplett vergessen.

Auch das Großenhainer Modehaus Rühle am Frauenmarkt ist natürlich von der momentanen Schließung der Läden betroffen.
Auch das Großenhainer Modehaus Rühle am Frauenmarkt ist natürlich von der momentanen Schließung der Läden betroffen. © Foto: Norbert Millauer

Großenhain. Es wäre jetzt eigentlich seine Zeit. Die Wochen für Schlitten, Skier, Mütze oder Schal nämlich, aber nichts, nichts von alledem darf Henner Ruscher an den Kunden bringen. Der Inhaber zweier Sportgeschäfte in Großenhain und Meißen tut seit dem Jahreswechsel stattdessen das, wozu er nach eigenem Bekunden seit einigen Jahren schon nicht gekommen ist. Lagerbestände sichten, Inventur machen, eben ein wenig Revolution im eigenen Haus, wie Henner Ruscher es augenzwinkernd nennt.

Humor, die der Röderstädter angesichts seiner geschlossenen Läden und vier Mitarbeiter in Kurzarbeit momentan gut gebrauchen kann. Die Winterware liege auf Halde, die bereits georderten Bestellungen für Frühjahr und Sommer stünden gewissermaßen schon vor der Tür. Ein umfangreiches Sortiment, welches dann natürlich auch bezahlt werden müsse - auch von Geld, was jetzt seit Dezember wieder nicht eingenommen werden könne. "Bis Ende Januar können wir schon noch ordentlich durchhalten. Wenn es allerdings so weiter geht, werden auf uns und die meisten Einzelhändler massive Probleme zurollen", befürchtet Henner Ruscher.

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Wie der erfahrene Geschäftsmann betont, könne er durchaus nachvollziehen, dass weitreichende Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie getroffen werden mussten. Allerdings sei das gegenwärtige Vorgehen für ihn widersprüchlich. "In unseren Läden haben wir täglich maximal 20 Leute bedient, unter Einhaltung aller geforderter hygienischen Maßnahmen. In einem Supermarkt verkehren innerhalb weniger Minuten viel mehr Menschen, das ist für mich absolut nicht nachvollziehbar", bekennt Henner Ruscher und atmet tief durch.

Abgesehen von dieser im Sinne des Handels nicht ganz einleuchtenden Ungleichbehandlung, könne es überdies nicht angehen, dass Ladeninhaber keinerlei Entschädigung erhielten. Auch ihnen würden doch die gegenwärtigen Umsätze fehlen, und sie bekämen im Gegensatz zu Gastronomen keinen Cent gezahlt. Dabei hätten natürlich auch die Ladeninhaber jetzt laufende Kosten, die trotz der besonderen Corona-Situation weiterhin gezahlt werden müssten. "Ich bin beispielsweise froh, dass ich in Meißen einen verständnisvollen Vermieter habe, der mir mit der Zahlung für das dortige Geschäft ein wenig entgegenkommt", verrät Henner Ruscher.

Nachvollziehbare Sorgen, wie sie auch Ronny Rühle umtreiben. Der Inhaber von insgesamt vier Geschäften in Großenhain, Meißen und Riesa hatte bereits Anfang Dezember in einem öffentlichen Brief an Landrat Ralf Hänsel auf das Problem der Händler aufmerksam gemacht. Habe man bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr finanziell kräftig eingebüßt, durfte es nun auch in einem der umsatzstärksten Monate Dezember nicht wie gewohnt in den Kassen klingeln. Was den erfahrenen Geschäftsmann richtig fuchsig machte, sei die momentane Rolle, in die er, wie viele in seiner Branche ungewollt, von der Politik gedrängt worden wäre. In seiner Eigenschaft als Unternehmer könne er nur noch reagieren und dürfe nicht so - wie es seine Tätigkeit eigentlich verlange - agieren.

Seit dem neuerlichen Lockdown inklusive Verlängerung nun erst recht. Alle 15 Mitarbeiter befänden sich in Kurzarbeit, das Online-Geschäft decke bei Weitem nicht das ab, was sonst in den einzelnen Läden vor Ort über die Ladentische wanderte. Die Einbußen seien mächtig gewaltig und völlig unnötig irgendwelche klugen Ratschläge, die Händler hätten eben vorsorglich Geld zurücklegen sollen. "Selbstverständlich wird das ein jeder getan haben! So gut es eben seine wirtschaftliche Situation zugelassen hat, doch irgendwann sind die Rücklagen auch mal aufgebraucht, denn alle anderen Kosten laufen ja weiter", gibt Ronny Rühle zu bedenken.

Auch in Großenhain ist seit Donnerstag die Aufforderung einer Netzinitiative in Umlauf, laut der Händler am 11. Januar ihre Läden öffnen sollen.
Auch in Großenhain ist seit Donnerstag die Aufforderung einer Netzinitiative in Umlauf, laut der Händler am 11. Januar ihre Läden öffnen sollen. © Foto/Screenshot: Norbert Millauer

Inzwischen ginge es deshalb bei vielen seiner Berufskollegen um die nackte Existenz. Denn zwar habe man die Lager voller Waren, aber auch die könnten, wenn es denn endlich soweit sei, letztlich nur noch mit großen Abschlägen beziehungsweise ab kommenden Herbst zum Sonderpreis verkauft werden. Für den seit 30 Jahren erfolgreich im Modegeschäft tätigen Großenhainer völlig unverständlich, weshalb seine Branche bei etwaigen staatlichen Ausgleichszahlungen völlig unter den Tisch gerutscht sei. Während Gaststätteninhaber bis zu 75 Prozent ihres Umsatzausfalls geltend machen könnten, wäre im Falle der Händler lediglich von der Erstattung der Fixkosten die Rede gewesen. Letztere dürfe jedoch auch nur ausschließlich der Steuerberater online beantragen, und ein entsprechender Link sei bis jetzt noch nicht freigeschaltet.

Eine "himmelschreiende Ungerechtigkeit", die sich nun offenbar eine Netzinitiative zunutze machen will. Unter dem Slogan "Wir machen auf - Lockdown beenden " ruft sie Gewerbetreibende in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Protest auf. Die Händler sollen demnach am Montag um 11 Uhr ihre Läden öffnen. Ein klarer Verstoß gegen die Corona-Beschränkungen, der richtig teuer werden, ja bis zum Entzug der Gewerbeerlaubnis führen könnte. Ronny Rühle, welcher den Aufruf auf Facebook selbst in Umlauf brachte, ist das durchaus bewusst. "Angesichts der horrenden Strafen werden wir nicht öffnen. Ich bin ja nicht Robin Hood. Aber wir können auf die Problematik aufmerksam machen und uns möglicherweise vor unsere Läden stellen", so Rühle.

Ob er es um diese Zeit einrichten kann, weiß Jan Dingfelder vom Kultladen "Selectorz" noch nicht. Momentan zerteile er sich zwischen Homeoffice, Kinderbetreuung und allen anfallenden Dingen, die sein Geschäft trotzdem noch mit sich bringen würden. Glücklicherweise. Denn wer ihn über die sozialen Netzwerke anschreiben und nach einem Paar dringend benötigter Winterschuhe verlange, bekäme die von ihm auch ausgeliefert. Ein wenig Umsatz, in finanziell mauen Tagen. Nicht zuletzt deshalb sei er froh darüber, dass seine Geschäftspartner in jeder Hinsicht verlässlich seien und jetzt noch nicht die bereits im vergangenen Sommer bestellte Ware für das Frühjahr lieferten. "Wenn ich das alles bezahlen müsste, würde sich mein finanzieller Puffer mit einem Schlag sofort minimieren", erklärt Jan Dingfelder.

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Ja, es sei eine dreiste Kür, dass der Handel bei diesem Lockdown völlig unter die Ladentafel gekehrt werde. Angesichts dessen, dass Mieten, Nebenkosten und Kredite den Begriff Corona nicht kennen würden und weiter bedient werden müssten, stünde vielen Händlern bereits jetzt das Wasser bis zum Hals. Schon deshalb wäre es sein fester Vorsatz, so Jan Dingfelder, am 11. Januar um 11 Uhr mahnend vorm geschlossenen Geschäft zu stehen. Schließlich sei es jetzt Zeit. Höchste Zeit dafür.

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