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"Dann sind wir eben jetzt alle Schweizer"

50 Deutschland- und ein England-Fan schauen gemeinsam Fußball im Großenhainer Schützenhaus. Der große Frust bleibt bei ihnen aus.

Deutschlands Leon Goretzka schlägt enttäuscht die Arme über dem Kopf zusammen - und die Fans im Großenhainer Schützenhaus leiden mit.
Deutschlands Leon Goretzka schlägt enttäuscht die Arme über dem Kopf zusammen - und die Fans im Großenhainer Schützenhaus leiden mit. © Foto: Kristin Richter

Großenhain. Zwei Fäuste recken sich zum Jubel gen Himmel. "Yeah!" ruft Daniel (* Name geändert) lautstark durchs Areal des Biergartens im Großenhainer Schützenhaus. Gerade ist das 0:1 gegen die deutsche und für die englische Fußball-Nationalmannschaft gefallen. Dass Daniel in diesem Moment mit seiner Freude allein ist - "Schwamm drüber. Hauptsache verloren", macht er nach Abpfiff kein Geheimnis aus seiner Haltung.

Frust oder gar Feindschaft schlägt ihm von den rund 50 Zuschauenden sowieso nicht entgegen. Daniel ist mit Freunden zum gemeinsamen Fußball-Gucken gekommen - und die Meinung zur Euro und der deutschen Nationalmannschaft ist eh geteilt. "Löw ist inzwischen die größte Schande der Nation", ist da nach dem 0:1 zu hören. "Warum hat der nach der WM 2014 nicht aufgehört?"

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Schon vor Anpfiff des Spiels war in Großenhain zu spüren: Es knistert. Leer gefegte Straßen, menschenleere Supermärkte, fahnengeschmückte Autos - da kommen Erinnerungen ans "Sommermärchen 2006" auf. Im Biergarten im Schützenhaus geht es 18 Uhr beschaulich zu. Wobei: Viele Hände recken sich nach oben: Bier und leckere Speisen sind gewünscht. Kellner Domenic und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun - und das möglichst unauffällig, um den Blick zu den drei Großbild-Fernsehgeräten nicht zu trüben. Hier ein Rostbrätl, dort ein Steak mit Würzfleisch, leckere Burger. Befriedigter Hunger und Durst lassen manche Enttäuschung über langweilige erste 45 Minuten vergessen.

"Die müssen mehr nach vorn machen", fordert Richi (*) und löst am Tisch eine aufgeregte Debatte aus. "Wie denn, wir haben doch zurzeit überhaupt keinen Mittelstürmer", hallt es ihm entgegen. Kurz darauf: England geht in Führung - und irgendwie hatte man damit wohl auch gerechnet. "Weil die hinten keine Ordnung haben", klärt Richi auf. Die Kollegen am Tisch nicken wissend. Der Jubelschrei über ein deutsches Tor bleibt ihnen verwehrt. Thomas Müller, der "Spaßvogel" aus Bayern, erntet Spott, als er den sicheren Ausgleich vergeigt. "Müller, du Pfeife", schallt es kurz. An Tino Werner, Ex-Leipziger und jetzt "Engländer", scheiden sich die Geister. Er hat in der ersten Halbzeit die Gelegenheit zur Führung für Deutschland vergeigt und die Zweifel an seiner Berufung für "die Mannschaft" unter den Großenhainern nicht ausräumen können. Doch da ist er keine Ausnahme: Als mit dem 0:2 die Entscheidung gegen die Löw-Truppe fällt, bleibt an den Akteuren und dem Trainer eh kaum ein gutes Haar.

19.54 Uhr: Das Spiel ist vorbei, Deutschland bei dieser EM nur noch Zuschauer. Beim Abpfiff zollen jetzt neben Daniel auch viele weitere Gäste des Frühabends Beifall für beide Mannschaften. "Alles gut", kommentiert auch Richi den Ausgang. "Die Engländer waren heute besser."

Seine Tischnachbarn sehen das nicht anders. Die Pleite der Deutschen ist relativ schnell verdaut. Schon redet man von dem spektakulären Spiel vom Vortag. Da hatten die Spanier nach turbulenten 120 Minuten Kroatien mit 5:3 bezwungen. Und kurz vor Mitternacht musste auch Weltmeister Frankreich die Segel gegen die Eidgenossen aus dem Nachbarland streichen - nach dramatischem Elfmeterschießen. Richi bringt die Sympathien für den Rest des Turniers auf den Punkt. "Dann sind wir eben jetzt alle Schweizer", sagt er und hat die Lacher im Großenhainer Schützenhaus auf seiner Seite.

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