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Dem Horst-Reiniger wird die Zeit knapp

Die Weißstörche kehren immer früher aus ihren Überwinterungsgebieten zurück, und das liegt nicht nur am Klima.

Von Manfred Müller
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Regenwasser muss ablaufen können: Storchenschützer Olaf Gambke beim Reinigen und Auflockern des Storchenhorstes in Naundörfchen.
Regenwasser muss ablaufen können: Storchenschützer Olaf Gambke beim Reinigen und Auflockern des Storchenhorstes in Naundörfchen. © Manfred Müller

Riesa-Großenhain. Manchmal könnte Olaf Gambke den Paußnitzer Storch verfluchen. Er kommt regelmäßig so früh aus dem Winterquartier zurück, dass es der Storchenschützer nicht schafft, seinen Horst sauber zu machen. „Im Februar ist das Nest oft noch knochenhart gefroren“, erklärt der Pulsener. „Und wenn es dann wärmer wird, wie dieses Jahr, steht der Kerl meistens schon oben drauf.“ Der Weißstorch, der in Paußnitz nistet, ist mit seinen 16 Jahren schon ein Veteran. Das wissen die Ornithologen, weil er vor dem ersten Ausfliegen beringt wurde. Und im Alter ändert man seine Gewohnheiten eben nicht mehr. Auch dieses Jahr gehörte der westelbische Adebar wieder zu den frühesten Ankömmlingen. Er wurde am 24. Februar erstmals gesichtet.

Der Skassaer Storch gehört zu den Frühankömmlingen, die bereits in der letzten Februarwoche in der Elbe-Röderregion gesichtet wurden.
Der Skassaer Storch gehört zu den Frühankömmlingen, die bereits in der letzten Februarwoche in der Elbe-Röderregion gesichtet wurden. © Manfred Müller

Dieses Jahr hat ihm in der Elbe-Röder-Region allerdings der Adelsdorfer Storch den Rang abgelaufen. „Er ist am Montag, 22. Februar, um 15 Uhr eingetroffen“, sagt Peter Reuße, der die Weißstörche im Großenhainer Raum betreut. Mittlerweile seien auch auf den Horsten in Skassa und Strauch Tiere gesichtet worden.

Die Störche aus der Region überwintern in zwei verschiedenen Gebieten. Die sogenannten Ostzieher fliegen im Herbst über die Türkei und Israel nach Ost- oder Südafrika. Die Westzieher hingegen bevorzugen die Strecke über Gibraltar nach Westafrika. Einige sparen sich sogar den langen Weg und überwintern in Südspanien. Letztere kommen meist sehr zeitig zu ihren Brutplätzen zurück – je nach Wetterlage oft schon im Februar. Sie beginnen im März zu brüten, und haben natürlich freie Nest-Auswahl.

Die Ostzieher kommen wesentlich später zurück, meist im April oder sogar Mai. Dann gibt es Rangeleien mit den Westziehern, die bereits brüten oder sogar schon Junge haben. Die Storchenkämpfe führen in vielen Fällen dazu, dass Paare überhaupt keinen Nachwuchs bekommen. Sie werden bereits vor dem Brüten vertrieben, oder die Konkurrenten zerstören die Eier und werfen im schlimmsten Fall die noch flugunfähigen Jungstörche aus dem Nest.

„Viele der Störche, die so früh kommen, haben Afrika nie gesehen“, sagt Peter Reuße. Das liege nicht nur an den steigenden Temperaturen, die das Überwintern in Spanien und Südfrankreich zunehmen lasse. Im westlichen Teil Deutschlands habe sich die Unsitte breitgemacht, Störche im Winter zu füttern. Die hätten überhaupt keinen Anreiz mehr, am Vogelzug teilzunehmen. „Wir wollen aber, dass sie nach Afrika fliegen“, sagt Reuße, „so, wie es die Natur vorgesehen hat.“

Mit Feuerwehrgurt auf die Masten

Zum Ende des Winters erklettern die Storchenschützer normalerweise die Brutplätze, um sie zu reinigen und den künftigen Bewohnern damit vernünftige Brutbedingungen zu schaffen. Hat sich im Storchennest zu viel Moos und Gras angesammelt, kann das Regenwasser nicht mehr ablaufen, und die durchnässten Jungstörche sterben an Erkältungskrankheiten. Auch Bindfäden, Angelsehnen und Plastikmüll, den die Eltern im Vorjahr angeschleppt haben, muss beräumt werden – daran kann der Nachwuchs ersticken.

„Vor zwei Jahren habe ich in Kreinitz einen toten Jungstorch gefunden, bei dem hing der Plastikbindfaden noch aus dem Schnabel“, erzählt Olaf Gambke. Im Magen habe sich ein ganzes Knäuel davon befunden. Deshalb schnallt sich der 61-Jährige schon seit Jahrzehnten im Februar einen Feuerwehrgurt um, erklimmt die Masten und Schornsteine zwischen Paußnitz, Riesa und Gröditz, auf denen Storchennester angelegt wurden, und betätigt sich als Horst-Reiniger.

Es sei schon erstaunlich, was Störche so alles zum Auspolstern ins Nest schleppen. Einkaufstüten, Fahrradmäntel, Gartenlatschen. Letztere habe er sogar den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben können, sagt Gambke. Besonders eifrige Müllsammler seien die Tiere, die in Elbnähe nisten. An den Flussufern werden so viele Abfälle angespült, dass der Storch nur noch zupicken muss.

Insgesamt 47 Nester hat Storchenbetreuer Olaf Gambke in seinem Wartungsplan stehen. Diejenigen, die im Vorjahr belegt waren, haben beim Reinigen Priorität. Die unbelegten sind aller zwei Jahre dran. Das ist deshalb nötig, weil sich die Nestpolsterung im Laufe der Zeit in Humus verwandelt. Ein idealer Nährboden für Pflanzensamen – die Horste würden innerhalb kurzer Zeit zuwachsen. Außerdem werden Storchennester mit jeder Brutsaison durch die angeschleppten Polstermaterialien etwas höher. Werden sie nicht regelmäßig zurückgebaut, können sie über die Jahre tonnenschwer werden. Bei Sturm droht ihrer Basis dann Einsturzgefahr. Ganz abgesehen davon, dass der Horst-Reiniger den Nestinnenraum nicht mehr erreicht.

Im ungemachten Nest aufziehen

Wo ein Horst die Höhe von 80 Zentimetern erreicht hat, startet Olaf Gambke einen Großeinsatz. Er trägt etwa die Hälfte ab und polstert das Storchennest dann mit Stroh aus. Damit der Wind das Stroh nicht weggeweht, wird es mit Erde vermischt. Der Storchenschützer schwört dabei auf abgetragene Maulwurfshügel. „Maulwurfserde kommt von weiter unten, da sind kaum noch Pflanzensamen drin“, erklärt er. Dieses Jahr allerdings ist die Zeit so knapp, dass es wohl beim Reinigen und Auflockern bleiben muss. Und die Paußnitzer Störche müssen ihre Jungen diesmal im ungemachten Nest aufziehen. „Dort werde ich wohl schon im kommenden Herbst einen Einsatz machen“, sagt Gambke.

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