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Den eigenen Bruder zusammengetreten

Ein verschwundener Schlüssel lässt bei einem Priestewitzer alle Sicherungen durchbrennen – aber das Gericht lässt Nachsicht walten.

Weil ein Streit mit seinem Bruder eskalierte, stand ein Priestewitzer jetzt in Riesa vor Gericht.
Weil ein Streit mit seinem Bruder eskalierte, stand ein Priestewitzer jetzt in Riesa vor Gericht. © Sebastian Schultz

Priestewitz. Es ist eine Binsenweisheit: Alkohol verkürzt die Lunte für Gewaltausbrüche enorm. Und eine familiäre Bindung trägt offenbar nicht immer zur Entschärfung von Konflikten bei. Die Geschichte, die Jörg L. auf die Anklagebank des Riesaer Amtsgerichts gebracht hat, beginnt banal. Der 50-Jährige wohnt zusammen mit seinem älteren Bruder in einem Ortsteil von Priestewitz. Anfang Dezember 2020 fuhr er mit dem Fahrrad zum Einkaufen nach Großenhain. Als er zurückkam, konnte er den Hausschlüssel nicht finden, den die Brüder gemeinsam benutzen und an einem verabredeten Ort aufbewahren, wenn sie beide nicht zu Hause sind. L. stand also vor der Haustür, wartete auf den Älteren und wurde mit jeder Minute wütender. Nach geraumer Zeit hielt ein Taxi vor dem Grundstück und der 56-Jährige stieg aus. Er war ebenfalls in Großenhain einkaufen gewesen und hatte seinen Bus verpasst.

Was nun passierte, ist wohl nur mit den etwa zwei Promille zu erklären, die die beiden Priestewitzer auf der Lampe hatten. Es kam zu einem Wortgefecht, woraufhin der Jüngere den Älteren mit einem Faustschlag zu Boden schickte. Und damit nicht genug – er trat mit seinen schweren Arbeitsschuhen auch noch auf ihn ein. Die Staatsanwaltschaft sieht die mit Stahlkappen ausgestatteten Schuhe als „gefährliches Werkzeug“ an, weshalb sie Jörg L. wegen gefährlicher Körperverletzung anklagt. Das ist kein Pappenstiel, denn das Gesetz sieht dafür – je nach Schwere der Verletzungen – Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. Und der Geschädigte war, wie die Polizeifotos zeigen, vom Schlag und den Tritten doch in erheblichem Maße mitgenommen. Und das alles wegen eines verschwundenen Schlüssels, der sich später dann auch noch unter einem Gartentisch wiederfand.

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Man muss Jörg L. zugestehen, dass er sofort nach seinem Ausraster einen Krankenwagen rief und sogar selbst die Polizei verständigte. Die Beamten veranlassten eine Blutprobe, die die erwähnten 2,07 Promille erbrachte. Sei älterer Bruder pustete nur ins Röhrchen. Bei einem Alkoholanteil von 0,69 Promille in der Atemluft dürfte der Blutalkoholspiegel etwa in der gleichen Region gelegen haben. Und auch im Gerichtssaal scheint der Priestewitzer nicht ganz nüchtern sein. Mit staksigen, ungelenken Schritten stapft er in den Gerichtssaal. „Haben Sie Alkohol getrunken“, fragt Richter Herbert Zapf den Zeugen. Nein, nuschelt dieser durch die Atemschutzmaske.

Immerhin erfährt man, dass die Brüder nach wie vor zusammen wohnen. Über den Vorfall ausgesprochen haben sie sich offenbar nicht, sondern ihn ohne große Diskussion zu den Akten gelegt. Der Angeklagte zeigt sich vor Gericht reuig. So etwas sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, sagt er. Angesicht der Tatsache, dass es sich hier um einen bisher unbescholtenen Angeklagten und überdies um eine Familienangelegenheit handelt, besteht der Staatsanwalt nicht auf einer Freiheitsstrafe. Er nutzt seinen Ermessensspielraum und sieht die Arbeitsschuhe nicht mehr als gefährliches Werkzeug an. Richter Herbert Zapf geht noch einen Schritt weiter. „Wollen Sie überhaupt, dass Ihr Bruder verurteilt wird“, fragt er den Geschädigten. Nein, das wolle er nicht, erklärt der 56-Jährige. Daraufhin lässt das Gericht Nachsicht walten. Es beruft sich auf den Paragrafen 153a der Strafprozessordnung, der eine Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage ermöglicht. Jörg L. darf sich sogar noch aussuchen, welchem Verein er die ihm auferlegten 500 Euro zukommen lassen will. Deshalb darf sich nun der SV Traktor Priestewitz über eine unverhoffte Einnahme freuen.

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