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"Diesem Land stehen schwere Zeiten bevor"

Hartmut Berge vertritt in Urlaubszeiten in der Löwen-Apotheke Großenhain. Und gehörte zu den ersten deutschen Soldaten, die vor 20 Jahren in Afghanistan eintrafen.

Hartmut Berge macht in seiner Eigenschaft als Apotheker die Urlaubsvertretung in der Löwen-Apotheke Großenhain. 33 Jahre war er Berufssoldat - sieben Mal wurde er nach Afghanistan beordert.
Hartmut Berge macht in seiner Eigenschaft als Apotheker die Urlaubsvertretung in der Löwen-Apotheke Großenhain. 33 Jahre war er Berufssoldat - sieben Mal wurde er nach Afghanistan beordert. © Kristin Richter

Großenhain. Die vergangenen zwei Wochen hatten es in sich: Während die Welt ungläubig und geradezu fassungslos nach Afghanistan blickte, blutete Hartmut Berge das Herz. Der Mann, welcher in der Großenhainer Löwen-Apotheke erst kürzlich wieder als Urlaubsvertretung von Inhaberin Kerstin Boragk seinen Dienst versah, verpasst momentan keine Nachrichtensendung. Und das, was der gebürtige Bochumer und in Machern lebende 56-Jährige sieht und hört, geht ihm nahe. Kein Wunder auch! Nach dem Abitur war der Familienvater in die Bundeswehr eingetreten, studierte Pharmazie und Lebensmittelchemie und erhielt 1991 seine Approbation als Apotheker. Von 2002 bis 2012 wurde er siebenmal nach Afghanistan beordert und macht sich nun angesichts der Ereignisse verständlicherweise große Sorgen. Die Sächsische Zeitung war mit Hartmut Berge im Gespräch.

Herr Berge, an diesem 31. August läuft die sogenannte rote Linie aus! Im Klartext der Taliban bedeutet das, mehr Zeit für Evakuierungsmaßnahmen werden für die Vereinten Nationen oder Großbritannien nicht eingeräumt. Machen Sie sich Gedanken, was nun passiert?

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Natürlich tue ich das! Seit zwei Wochen mache ich nichts anderes! Ich schaue mir ständig Nachrichten an und informiere mich über den aktuellen Stand der Dinge. Was nicht bedeutet, dass ausgerechnet ich im Gegensatz zu allen anderen wüsste, was jetzt passiert. Wenn das so wäre, würde ich einen besseren Job machen als erfahrene Geheimdienste wie die amerikanische CIA oder der deutsche Bundesnachrichtendienst, welche die Lage in Verbindung mit ihren Regierungen falsch eingeschätzt haben.

Was ja der allseits diskutierte springende Punkt sein dürfte! Sie waren jahrelang selbst vor Ort. Hat man die Entwicklung wirklich nicht kommen sehen?

Hinsichtlich der Zeitschiene nicht unbedingt. Aber von der äußeren Form her aus meiner Sicht schon. Ich war das erste Mal im Jahr 2002 in Afghanistan stationiert. Damals wurden unsere Fahrzeuge noch begeistert von den Kindern umringt und die Menschen begrüßten die ausländischen Soldaten freudig auf der Straße. Nach all den Kriegsjahren hatten sie die große Hoffnung auf Frieden und Weiterentwicklung im Land. Aber ich dachte mir schon damals, dass es mindestens 50 Jahre dauern wird, bis wir hier dauerhaft etwas bewirken könnten.

Aus welchem Grund? Wir würden Sie das Land und seine Menschen beschreiben?

Afghanistan ist nicht nur das, was abends davon in den Tagesthemen zu sehen ist. Nicht nur steinig, schroff, ausgetrocknet und zerstört. Es ist etwas größer als Frankreich und wird wesentlich geprägt durch den Gebirgszug Hindukusch, welcher das Land vom Westen bis zum Osten durchzieht. Die Sommer sind sehr heiß, die Winter extrem kalt. Je nachdem, wo man sich gerade befindet, lässt das Wüstenklima den Boden verdorren oder die Pflanzen innerhalb von wenigen Tagen wachsen, so dass teilweise drei Ernten eingefahren werden. Die Menschen wiederum sind geprägt von all dem, was seit Jahrzehnten in ihrem Land passiert. Sie sind ein wahnsinnig junges Volk, über 50 Prozent der Bewohner unter 18 Jahren. Und sie kennen nichts anderes als Krieg, sind es gewohnt, ihr Fähnchen in den Wind zu drehen. Wer gestern Angehöriger der Armee war, ist in drei Wochen Taliban und umgekehrt. Was wir als zutiefst unmoralisch bewerten, ist den Gesetzen des Glaubens unterworfen und absolut normal. Wer stiehlt, bekommt nach den Gesetzen der Scharia wie im Mittelalter die Hand abgehackt. Und das ist in Teilen der Gesellschaft akzeptiert.

In diesem Zelt in Mazar-e Shairf war Hartmut Berge 2006 in seiner Eigenschaft als Oberfeldapotheker tätig. Harte Bedingungen bei 43 Grad im Schatten und herausfordernd für die Arbeit mit kühlkettenpflichtigen Arzneimitteln.
In diesem Zelt in Mazar-e Shairf war Hartmut Berge 2006 in seiner Eigenschaft als Oberfeldapotheker tätig. Harte Bedingungen bei 43 Grad im Schatten und herausfordernd für die Arbeit mit kühlkettenpflichtigen Arzneimitteln. © Foto: Benjamin Weinkauf

Wurde diese Tatsache möglicherweise unterschätzt? Eine Herangehensweise mit westlichem Denken?

Da haben Sie absolut recht! Ganz unbedingt sogar! Im Endergebnis ist es vor allem nicht gelungen, diesem durch und durch korrupten Land demokratisches Denken und Handeln zu vermitteln. Unter der Präsidentschaft von Hamid Karzai setzte in den Jahren 2004 bis 2014 eine solch positive Entwicklung ein. Danach war es damit wieder vorbei. Die Leute kennen nur Krieg, sie wissen nicht, wie es sich anfühlt, Errungenschaften und Wohlstand durch militärische Auseinandersetzungen aufs Spiel zu setzen.

Herr Berge, was haben Sie in den zehn Jahren in Afghanistan gemacht?

Das ist eine Frage, auf die ich nur bedingt antworten darf. Auf eigenen Wunsch bin ich 2017 nach 33 Jahren und zehn Auslandseinsätzen aus dem Dienst der Bundeswehr ausgeschieden, unterliege aber noch der Schweigepflicht. Was ich sagen kann ist, dass ich Angehöriger der Division "Spezielle Operationen" war, welche Sonderoperationen gelenkt hat. Als Leitender Apotheker - bei weiteren Einsätzen bin ich dann auch als Kompaniechef tätig gewesen - zählte ich zu den ersten deutschen Soldaten, die 2002 am Hindukusch eintrafen. Wir waren in der Militärbasis Camp Warhouse stationiert, sind viel in Kabul unterwegs gewesen. Während in der Anfangszeit die Angst immer mitfuhr, weil es keine Sicherheit vor Minen gab, kam später die Gefahr vor Anschlägen und Selbstmordattentaten dazu.

Gab es Situationen, in denen Sie um ihr Leben fürchten mussten?

Selbstverständlich! Nicht nur einmal habe ich in den Lauf eines Gewehrs blicken müssen und eine Rakete direkt über mir fliegen sehen. Aber das weiß man vor solchen Einsätzen und ich bin froh, dass ich stets in der Lage gewesen bin, nach gut viereinhalb Monaten beispielsweise in Afghanistan den geistigen Schalter im Flugzeug umzulegen und mich auf meine Frau und meine zwei Kinder zu freuen. Heute halte ich bundesweit Vorträge über Afghanistan und bin als freier Autor tätig. Das hilft mir auch, mit dem Erlebten umzugehen und es immer noch zu verarbeiten.

Was bewegt Sie, wenn Sie von den Anschlägen und Opfern in den Reihen der Soldaten hören?

Ich empfinde tiefe Trauer mit den Soldaten und ihren Familien. Sie standen wenige Stunden davor, gesund nach Hause zurückzukehren und haben ihr Leben für das Leben möglichst vieler Afghaninnen und Afghanen gegeben, um diese buchstäblich in letzter Minute noch in Sicherheit zu bringen. Sie hatten Ehefrauen, Kinder, Geschwister, Eltern, Freunde und Angehörige, die nun ohne sie weiterleben müssen. In dieser Sekunde sind die Leben unzähliger Menschen grausam, sinnlos und für immer verändert worden.

Die Pharmazie in Krisengebieten, wie hier in Mazar-e Sharif, sei keineswegs vergleichbar mit der in Mitteleuropa. Die Not habe Apotheker Hartmut Berge jedoch stets erfinderisch gemacht.
Die Pharmazie in Krisengebieten, wie hier in Mazar-e Sharif, sei keineswegs vergleichbar mit der in Mitteleuropa. Die Not habe Apotheker Hartmut Berge jedoch stets erfinderisch gemacht. © Benjamin Weinkauf

Der amerikanische Präsident kündigte Vergeltung an. Kehrt der Krieg nun auf Umwegen in das Land zurück?

Bidens Stellungnahme zu den Geschehnissen stellt einerseits einen gewissen Automatismus dar, sollte aber andererseits auch nicht unterschätzt werden. Man wird Jagd auf die Hintermänner dieses Anschlags machen und sie früher oder später auch bekommen. Geheimdienste und Geld werden ihren Anteil daran leisten. Der Krieg hat das Land leider ohnehin nie ganz verlassen! Um Ahmad Massoud, den Sohn des 2001 ermordeten, legendären "Löwen von Pandschir" Ahmad Schah Massoud und andere regionale Anführer formieren sich im Pandschir-Tal bereits Widerstandskämpfer. Es ist nicht so, dass die Taliban, die sich zu großen Teilen auch aus "Nichtafghanen" rekrutieren, im Land besonders beliebt wären. Es wird auf absehbare Zeit und mit hoher Wahrscheinlichkeit zu weiteren Kämpfen zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen in Afghanistan kommen.

Und was ist nun zu erwarten? Noch mehr Chaos, noch mehr Gewalt?

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Die Zeit ab dem 1. September wird für das Land sehr spannend werden. Wie geben sich die neuen Machthaber? Werden sie tatsächlich versuchen, ihre Ideologien aus taktischen Gründen beispielsweise im Hinblick auf die Rechte von Mädchen und Frauen etwas moderater zu gestalten? Ich selbst denke nicht! Es wird viel taktiert werden und die Frage wird sein, welche Gruppen und Einzelpersonen - etwa die verbliebene einstige Regierung, die Taliban, Mudschahedin, "ISIS-K" oder Hamid Karsai - Einfluss erlangen können. Die Terroristen sind selbst Feinde der Taliban und werden versuchen, Einfluss auf das Land zu bekommen. Auf jeden Fall befürchte ich, dass Afghanistan in den nächsten Jahren wieder sehr schwere Zeiten bevorstehen werden.

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