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Droht Großenhain auch das Ladensterben?

Nachdem das Traditionsschuhgeschäft steps die Schließung bekannt gegeben hat, werden Befürchtungen laut, es könnten weitere folgen.

Seit Tagen unübersehbar: Das traditionsreiche Schuhgeschäft steps von Horst und Ute Wegerich auf der Meißner Straße schließt Ende Oktober.
Seit Tagen unübersehbar: Das traditionsreiche Schuhgeschäft steps von Horst und Ute Wegerich auf der Meißner Straße schließt Ende Oktober. © Norbert Millauer

Großenhain. Ladensterben in der Fußgängerzone, leere Schaufenster und verschlossene Büros: Die Corona-Pandemie hat scheint's unverwundbare Einkaufscenter ebenso hart getroffen wie die Innenstädte. München, Mannheim, Dresden – Großenhain befindet sich in allerbester Gesellschaft mit großen deutschen Städten. Auch wenn es auf den ersten Blick nach Auffassung von Wirtschaftsexperten so erscheine, dass der Handel die drastischen Einschnitte seit 2020 unbeschadet überstanden habe, sei das keineswegs der Fall. Denn auch, wenn im Freistaat seit Mitte Mai die Geschäfte wieder geöffnet hätten - das gewohnte Leben kehre eingedenk der neuerlichen Maskenpflicht nur langsam wieder zurück, und Kunden zeigten sich nicht unbedingt in überschwänglicher Kauflaune. Und vor allem: Optimistische Statistiken ließen völlig außen vor, dass zahlreiche inhabergeführte kleine Geschäfte sang- und klanglos aufgeben müssten. "Wir müssen da wirklich nicht drumherum reden! Hinter unseren Einzelhändlern, Ladeninhabern und Gastronomen liegen ganz bittere Zeiten. Sie mussten wirtschaftlich und geistig alles aufbieten, um die schwierige Phase des Lockdowns durchzustehen", weiß Alexander Ehrke.

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Der Großenhainer Zentrumsmanager macht keinen Hehl daraus, dass die Kuh für ihn auch längst noch nicht vom Eis sei. Keiner wisse momentan, was der kommende Herbst und Winter bringen werde. Wie sich die Situation langfristig entwickeln werde und ob momentane Äußerungen von Politikern tatsächlich Bestand haben, die von neuerlichen Schließungen beziehungsweise dem Eindampfen des öffentlichen Lebens bewusst Abstand nehmen. "Sollte es dabei bleiben und der Handel und die Gastronomie ganz normal ihren Job tun können, dann hätte die Branche eine Chance, sich wirklich zu stabilisieren. Sollte das jedoch nicht der Fall sein, wird es für viele verdammt eng", vermutet Alexander Ehrke. Immerhin hätten renommierte Ladeninhaber wie Ronny Rühle - der Röderstädter besitzt mehrere Läden in Großenhain, Riesa und Meißen - schon im vergangenen Jahr ihre Altersvorsorge auflösen müssen, um die einnahmefreie Zeit überhaupt irgendwie überstehen zu können. Noch einmal gebe es nicht solche Reserven.

Immerhin wird hier schon gebaut: Im bereits länger geschlossenen Schuhgeschäft - ebenfalls ehemals eine Filiale von Familie Wegerich - auf dem Frauenmarkt wird gewerkelt.
Immerhin wird hier schon gebaut: Im bereits länger geschlossenen Schuhgeschäft - ebenfalls ehemals eine Filiale von Familie Wegerich - auf dem Frauenmarkt wird gewerkelt. © Norbert Millauer

Die Ankündigung von Ute und Horst Wegerich vergangene Woche, ihr traditionsreiches Schuhgeschäft steps auf der Meißner Straße Ende Oktober zu schließen, ist für Alexander Ehrke indes keine Überraschung. Seit Monaten sei in diesem Fall bereits nach einer Unternehmensnachfolge gesucht worden und durch die Coronakrise natürlich zusätzlich erschwert worden. Ebenso wie mit Sylvia Kaube, die im Juni unter Tränen ankündigte, nach 30 Jahren ihr beliebtes Modegeschäft auf dem Frauenmarkt im September schließen zu müssen, ginge damit jedoch eine Ära in Großenhain zu Ende. All jene, die Anfang der 1990er Jahre die Ärmel hochgekrempelt hätten und gewissermaßen über Generationen hinweg verlässlich für ihre Kunden dagewesen sowie das Bild der Stadt geprägt hätten, verabschiedeten sich nun in den wohlverdienten Ruhestand. "Die Lücke, die dadurch entsteht, ist natürlich gerade jetzt inmitten der noch nicht ausgestandenen Pandemie ganz schwer zu füllen", bekennt Alexander Ehrke.

Nichtsdestotrotz hätten Großenhains Händler gerade in den vergangenen Monaten bewiesen, dass sie mit viel Kreativität, Disziplin und Herzblut weiterhin für ihre Kunden da sein wollen. Attraktive Online-Angebote wie von "dein Ambiente" oder modische Offerten per Video von Selectorz-Inhaber Jan Dingfelder abwechslungsreich in Szene gesetzt, hätten Mut gemacht, dass es trotzdem weitergehen kann.

Nur noch die Schriftzüge erinnern an einstige Hochglanzkataloge, aus denen dann im ehemaligen Reisebüro auf der Schloßstraße ein Ziel ausgewählt werden konnte.
Nur noch die Schriftzüge erinnern an einstige Hochglanzkataloge, aus denen dann im ehemaligen Reisebüro auf der Schloßstraße ein Ziel ausgewählt werden konnte. © Norbert Millauer

Optimismus, der freilich noch keine leerstehenden Ladenflächen füllen würde. Aber Projekte wie das erst kürzlich eröffnete "Labü" am Kirchplatz, in welchem sich potentielle Händler oder einfallsreiche Gründer für ein paar Tage ausprobieren könnten, böten neue Möglichkeiten. Zudem könnten leerstehende Objekte auch seit vergangenem Jahr an die Verwaltung gemeldet werden, damit sich Interessenten auf der städtischen Homepage einen Hinblick über etwaige Ladeneinheiten schaffen könnten.

Ein Garant für schnelle Ansiedlungen sei das freilich nicht. Denn Interessenten hätten in der Regel ganz konkrete Vorstellungen von ihrem künftigen Geschäft. Barrierefreiheit und gewisse rechtliche Rahmenbedingungen sorgten im günstigsten Falle für ein positives Votum zum längerfristigen Mietvertrag. Hinzu käme das Vorhandensein von nahe befindlichen Cafés und Restaurants, die zum Bummeln und Aufenthalt einladen würden.

Auch hier die gefürchteten roten Buchstaben: Nach 30 Jahren wird die beherzte Geschäftsfrau Sylvia Kaube ihr Modegeschäft auf dem Frauenmarkt im September schließen.
Auch hier die gefürchteten roten Buchstaben: Nach 30 Jahren wird die beherzte Geschäftsfrau Sylvia Kaube ihr Modegeschäft auf dem Frauenmarkt im September schließen. © Norbert Millauer
Vermisst von vielen Großenhainern und Gästen der Röderstadt: Wo so mancher Duft erstanden und häufig das passende Rasierwasser gekauft worden ist, künden nur noch die goldenen Buchstaben von der Parfümerie auf dem Frauenmarkt.
Vermisst von vielen Großenhainern und Gästen der Röderstadt: Wo so mancher Duft erstanden und häufig das passende Rasierwasser gekauft worden ist, künden nur noch die goldenen Buchstaben von der Parfümerie auf dem Frauenmarkt. © Norbert Millauer

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