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Eine Vorwärtsdenkerin tritt den Rückzug an

Sie war die Frau für alle Fälle: Leiterin der Migrationsberatung, Krisenmanagerin und Seelsorgerin. Nun geht die Großenhainerin Gerlinde Franke in den Ruhestand.

Die ehemalige Leiterin der Migrationsberatung Gerlinde Franke schaut mit einem Lächeln auf ihre Arbeit zurück. Die 63-jährige Großenhainerin verabschiedet sich nun in den Ruhestand.
Die ehemalige Leiterin der Migrationsberatung Gerlinde Franke schaut mit einem Lächeln auf ihre Arbeit zurück. Die 63-jährige Großenhainerin verabschiedet sich nun in den Ruhestand. © Kristin Richter

Großenhain. Seit ein paar Wochen ist sie die Dienstagsfrau. Bisher stets irgendwie immer und scheinbar rund um die Uhr im Einsatz, probt Gerlinde Franke behutsam das, was man einen geordneten Rückzug nennt. Die 63-jährige Großenhainerin, welche von der Deutschen Rentenversicherung 45 vollendete Arbeitsjahre bescheinigt bekommen hat, will spätestens im Januar 2022 das sein, was ihr Mann Bernd schon mit einem gewissen Vorsprung erprobt hat - Rentnerin. "Es ist nicht ganz einfach, das sehr angefüllte Leben gegen eine ruhigere Gangart einzutauschen. Allerdings habe ich auch nicht vor, mich künftig nur noch untätig im Lehnstuhl zurückzulehnen", bekennt Gerlinde Franke und lacht.

Dass sie sich in allerbester Gesellschaft mit potentiellen Rentnern wie dem CDU-Politiker Thomas de Maiziere, namhaften Bürgermeistern, Schulleitern sowie Verantwortungsträgern in der Region und nicht zuletzt Kanzlerin Angela Merkel befindet, liege dabei in der Natur der Sache. Gewissermaßen gemeinsam hätten die Vertreter dieser Generation ja nach der politischen Wende die Ärmel hochgekrempelt und jeder an seinem Platz versucht, etwas für die Zukunft des neu geordneten Landes zu bewegen. Drei Jahrzehnte lang mit vielen Ideen, Pragmatismus, Fantasie und dem Mut, hin und wieder auch mal unbürokratisch um die Ecke zu denken.

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Eine lange, erlebnisreiche Lebensphase, nach der es jetzt jedoch Zeit wäre, Platz zu machen für jene, die schon voller Tatendrang in den Startlöchern stünden und sicher auch das eine oder andere von Gerlinde Frankes Art lernen konnten. Unerschütterlichen Optimismus etwa, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und eine gute Portion Humor. Auch ein achtsames Umgehen mit Mitstreitern bescheinigten ihr Weggefährten anlässlich eines offiziellen Abschieds in der Großenhainer Orangerie im Juli, sicher nicht von ungefähr. Und nicht zu vergessen natürlich, da anzupacken, wo es wirklich Not tut.

Eine Charaktereigenschaft, die keineswegs verwunderlich für die Gastwirtstochter aus dem Priestewitzer Ortsteil Baßlitz zu sein scheint. War es Gerlinde Franke doch seit frühester Jugend stets gewohnt, mitzutun und für andere Menschen da zu sein. Zunächst im elterlichen Betrieb und später als Meisterin für Textiltechnik in der Großenhainer Lautex. Dass sie den Antrag auf Parteizugehörigkeit in den Reihen der SED als 19-Jährige nicht unterschrieb, brachte sie zwar um das Ingenieurstudium. Ihr fester Glauben in Gott und die Menschen generell, habe diese Tatsache jedoch nicht erschüttern können. Ganz im Gegenteil! Als eine der Ersten ging die dreifache Mutter im Herbst 1989 auf die Straße und sollte als eine der Ersten in der Lautex arbeitslos werden.

Auch wenn damit die eigene Biographie zunächst ebenso zusammengebrochen war, wie das Land, in welchem die inzwischen in der Röderstadt wohnende Familie lebte. Es war eben jener Moment, in welchem Gerlinde Franke die Ärmel hochkrempelte. Als sie monatelang als Putzhilfe arbeitete, sich zur Erzieherin umschulen ließ und zunächst ehrenamtlich die Diakonie aufbaute. Der Moment, in dem sie sich in ihrer ersten Anstellung um Arbeitslose und bald auch um Spätaussiedler kümmerte. Die Momente, in denen sie ein dreijähriges Studium der Sozialpädagogik absolvierte, die Ausbildung zur Traumaberaterin und schließlich als Supervisorin abschloss. "Wenn ich daran zurück denke, frage ich mich manchmal, wie man das alles auf einmal geschafft hat! Der Tag hatte ja nur 24 Stunden und dennoch ging es", erinnert sich Gerlinde Franke.

Und wie es ging! Aus der engagierten Großenhainerin wurde nicht nur die ehrenamtliche Kirchenbezirksvorsitzende und Mitglied der sächsischen Landessynode. Nein, Gerlinde Franke avancierte zur Frau für alle Fälle. Hochwasser, Pfingsttornado, schwere Verkehrsunfälle oder die Flüchtlingskrise. Wenn es emotional enger wurde, anderen die richtigen Worte fehlten oder die tägliche Ordnung drohte, aus dem Ruder zu laufen, wurde gern ihre Nummer gewählt. Sie, bei der immer noch etwas ging, wenn sich andere schon geschlagen gaben. Sie, die zuweilen in ihrer Freizeit Wohnungen für Asylbewerber einräumte, Deutschkurse organisierte und Mitinitiatorin des ersten sächsischen Kommunikationszentrums für Flüchtlinge in Großenhain gewesen ist. Die sich deshalb nicht bei jedem in ihrer Heimatstadt beliebt machte und sich trotzdem noch in solche Einwohnerversammlungen traute, die in politisch gebeutelten Zeiten von der örtlichen Polizei bewacht werden mussten. Und sie, die im Herbst vergangenen Jahres an Covid-19 erkrankte und nach einer Rehabilitation dennoch wieder gern an den Schreibtisch zurückkehrte.

Anfang Juli bescherten die Mitarbeiter Gerlinde Franke einen Abschied in der Orangerie Großenhain. Gemeinsam mit ihrer Nachfolgerin Sylvia Spargen wurde Sachsens Ausländerbeauftragter Geert Mackenroth ebenso begrüßt wie Meißens Landrat Ralf Hänsel.
Anfang Juli bescherten die Mitarbeiter Gerlinde Franke einen Abschied in der Orangerie Großenhain. Gemeinsam mit ihrer Nachfolgerin Sylvia Spargen wurde Sachsens Ausländerbeauftragter Geert Mackenroth ebenso begrüßt wie Meißens Landrat Ralf Hänsel. © Kristin Richter

Vielleicht auch, weil sie sich in all den brenzligen und teilweise psychisch belasteten Situationen nie wirklich allein gefühlt hat. "Das schönste in all den Jahren war immer, dass wir ein absolut gut funktionierendes Team gewesen sind! Eine Ansammlung von Leuten, mit unterschiedlichen Stärken, Charaktereigenschaften und Auffassungen. Aber wir haben diese Mischung immer uneitel und loyal zueinander für die uns anvertrauten Menschen, Projekte und Dinge, die wir zusammen bewegen wollten, genutzt", erklärt Gerlinde Franke.

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Ein Miteinander, das sie nun vertrauensvoll in die Hände von Nachfolgerin Sylvia Spargen gelegt habe. Denn seit ein paar Wochen ist sie ja nun nur noch die Dienstagsfrau. Beratend und im Hintergrund zur Seite stehend. So lange, bis auch dieser Arbeitstag aus dem Kalender gestrichen werden wird und Gerlinde Franke das tut, wozu sie schon immer mal Lust hatte: Ein wenig länger, als es bisher der normale Urlaub eines Arbeitnehmers ermöglicht hat, zu verreisen.

Für die soziale Betreuung von Flüchtlingen wurde Gerlinde Franke im März 2016 vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Für die soziale Betreuung von Flüchtlingen wurde Gerlinde Franke im März 2016 vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. © Foto: privat

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