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"Es ist die Ruhe vor dem Sturm"

Großenhains OB Sven Mißbach war in den vergangenen Monaten nie um Worte verlegen. Auch im Sommerinterview mit der SZ positioniert er sich eindeutig.

Großenhains OB Sven Mißbach hat ebenso wie seine Mitarbeiter den Pegelstand der Großen Röder immer im Blick. Lag er Sonntag in Kleinraschütz noch bei 1,51 Meter, sind es jetzt nur noch 79 Zentimeter.
Großenhains OB Sven Mißbach hat ebenso wie seine Mitarbeiter den Pegelstand der Großen Röder immer im Blick. Lag er Sonntag in Kleinraschütz noch bei 1,51 Meter, sind es jetzt nur noch 79 Zentimeter. © Kristin Richter

Großenhain. Kinderschuhe vor dem Rathaus, Gespräche mit verzweifelten Gewerbetreibenden oder mahnende Worte im Streit um einen neuen Kindergarten, der auch wegen Corona teurer werden könnte, als geplant. Von Medienabstinenz kann bei Großenhains Verwaltungschef Sven Mißbach in diesem Jahr wahrlich keine Rede sein. Weshalb das wohl auch gerade so sein muss, erschließt sich im traditionellen Sommerinterview mit der Sächsischen Zeitung.

Herr Mißbach, wie viele Stunden haben Sie in den vergangenen Tagen vor dem Fernseher verbracht, um nicht zuletzt in ihrer Eigenschaft als passionierter Feuerwehrmann die Berichte um die dramatischen Überflutungen nach den Unwettern in Deutschland zu verfolgen?

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Eine Familientageskarte für die Region
Eine Familientageskarte für die Region

Das wird ein richtiger Entdeckersommer. Pünktlich zum Start der Sommerferien fahren Familien immer mittwochs günstig durch die Region.

Naja, wie Sie sicherlich selbst wissen, kann man sich als Elternteil solchen Fernsehsendungen offengestanden nicht stundenlang hingeben! Aber Sie haben absolut recht, dass ich mich am vergangenen Wochenende und in den Tagen davor natürlich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt habe. Der Deutsche Wetterdienst hatte ja auch für unsere Region vor erhöhten Niederschlagsmengen von bis zu 200 Litern auf den Quadratmeter gewarnt. Das weckte bei meinen Mitarbeitern im Rathaus und mir gleich böse Erinnerungen an das Hochwasser 2002, 2013 und natürlich auch an den Tornado. Die Bilder, die uns aus Ahrweiler, Erftstadt und inzwischen auch aus Bayern oder Österreich erreichten, gehen mitten ins Herz. Es ist für mich erschütternd, welche Schäden innerhalb von Minuten angerichtet worden sind und wie viele Menschen ihr Leben verloren haben. Nicht irgendwo in irgendeinem weit entfernten Land, sondern bei uns mitten in Deutschland.

Als das Ausmaß der Naturkatastrophe sichtbar wurde, meldeten sich sofort allerlei Wissenschaftler und Kritiker zu Wort, um die Gründe dafür zu analysieren. Wie bewerten Sie als studierter Forstwirt den Zusammenhang zwischen solchen Ereignissen und dem viel zitierten Klimawandel?

Prinzipiell müssen aus meiner Sicht alle großen Industriestaaten die Verantwortung dafür übernehmen! Es ist kein Geheimnis, dass seit Jahren ohne Rücksicht auf die daraus entstehenden Folgen munter da weiter gemacht wird, was Klimaforscher anmahnen: etwa die Bebauung jedes Fleckchens Erde, die Versiegelung von Flächen oder die Abholzung der Wälder. Die Natur hat das jahrelang klaglos mitgemacht, konnte hier und da noch mit ihren verschiedenen Ressourcen ausgleichen, aber jetzt zeigt sie uns die rote Karte. Und auch da möchte ich nochmal betonen, es handelt sich nicht um folgenschwere Ereignisse am anderen Ende der Welt! Die massiven Unterspülungen, die aus den Fluten auftauchenden Autos oder völlig zerstörte Ortschaften sind in vergleichsweise nahen Regionen gelegen, die der Eine oder Andere von uns vielleicht im Sommerurlaub besuchen wollte.

Urlaub, der nach den anstrengenden Monaten inmitten der Coronakrise auch dringend nötig erscheint. Bevor auch viele Großenhainer in die Ferien starten, hatte die Stadt am vergangenen Samstag zum langen Einkaufen eingeladen. Ein Zeichen für mehr Normalität?

Zumindest ein eindeutiges Signal, dass der Wunsch danach groß ist. Und auch unser Wille, die Gewerbetreibenden, Händler, Gastronomen, Kunst- und Kulturschaffenden weiterhin so gut es uns irgend möglich ist, zu unterstützen. Hinter all diesen Leuten, ihren Betrieben und Familien liegt keine leichte Zeit und es ist auch nicht sicher, ob wirklich jeder Laden, jede Gaststätte tatsächlich den Sprung zum früheren Umsatz schafft. Denn es ist sicherlich nicht einfach, die inzwischen an den Internethandel gewöhnten Kunden in das Geschäft am Frauenmarkt zurückzuholen. Deshalb freue ich mich auch über neue Ideen und Initiativen, die versuchen, ganz andere Konzepte wie unser frisch eröffnetes Labü zu etablieren. Die Auswirkungen der Pandemie sind allgegenwärtig und es ist spürbar, wie groß die Belastungen sind.

Empfinden Sie das persönlich so oder spricht hier der Großenhainer Oberbürgermeister?

Sowohl als auch! Ich denke, all das, was wir jetzt erleben, alles, was wir nun wieder tun dürfen, ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn zwar ist die Leichtigkeit zu spüren, die aufgrund der Lockerungen wieder in den Alltag zurückgekehrt ist. Die Menschen schmieden wieder Pläne, freuen sich auf die Ferien, genießen das Zusammensein mit der Familie und Freunden. Aber letztlich schwebt über all diesem Tun die bange Frage, wie es wohl im Herbst weitergehen wird. Werden unsere Kinder uneingeschränkt Schulen und Kindertageseinrichtungen besuchen können? Dürfen die Geschäfte und Restaurants weiterhin Kunden empfangen? Wie wird sich die Situation in den Krankenhäusern entwickeln und wie lange hält die Impfung wirklich an? Es gibt momentan noch so viele verschiedene Unwägbarkeiten, auf die wir einfach keine Antworten geben können.

Großenhain hat bereits zum vierten Mal ein mobiles Impfteam in die Stadt geholt und im Gegensatz zu anderen Lokalpolitikern werben Sie öffentlich für die Immunisierung. Bringt Ihnen das immer Sympathiepunkte?

Sicher nicht! Aber ehrlich gesagt, ist mir das auch völlig egal, denn darum geht es aus meiner Sicht überhaupt nicht. Selbstverständlich muss jeder für sich selbst entscheiden dürfen, ob er sich impfen lässt oder eben nicht. Ich habe aus meiner eigenen Überzeugung noch nie einen Hehl gemacht und bin eben der Auffassung, dass wir uns und andere Menschen nur durch diese Impfung schützen können. Und ich werbe dafür, wenigstens einmal ernsthaft und ohne Voreingenommenheit darüber nachzudenken. Letztlich ist es ja auch ein Rechenexempel. Wenn Mediziner und Virologen davon ausgehen, dass die Pandemie nur eingedämmt werden kann, wenn sich ein Großteil der Bevölkerung impfen lässt - so wie bei anderen schweren Erkrankungen in der Menschheitsgeschichte übrigens auch - sind die bis jetzt erreichten knapp 43 Prozent in Sachsen ein Tropfen auf den heißen Stein.

Herr Mißbach, gestehen Sie sich angesichts der Problemvielfalt dieser Tage dennoch einen Urlaub zu?

Natürlich! Gerade deswegen. Aber ich muss noch bis Ende August darauf warten. Je nachdem wie sich dann die aktuelle Lage von Corona und Wetter entwickelt, werden wir die freie Zeit traditionell in unserem Wochenendhaus und in den Bergen verbringen.

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