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Familien haben Belastungsgrenze erreicht

Corona hat die Welt von Kindern und Jugendlichen komplett auf den Kopf gestellt. Für ihre Seelenlage werden jetzt nicht nur Fördergelder gebraucht.

Die Sozialarbeiter Thomas Eisenhauer und Franziska Schmidt von der Diakonie Meißen haben trotz allem ein Lächeln im Gesicht. Die Krise biete auch Chancen - obgleich die Belastungen für Familien hoch seien.
Die Sozialarbeiter Thomas Eisenhauer und Franziska Schmidt von der Diakonie Meißen haben trotz allem ein Lächeln im Gesicht. Die Krise biete auch Chancen - obgleich die Belastungen für Familien hoch seien. © Foto: Norbert Millauer

Großenhain. Was eines Tages in den Geschichtsbüchern stehen wird, wissen sie freilich nicht. Aber dass die Zeit, in welcher Kinder und Jugendliche sich durch die Pandemie hangeln mussten, alles andere als einfach gewesen ist, können Franziska Schmidt und Thomas Eisenhauer schon jetzt bestätigen. Die erfahrenen Sozialpädagogen, welche als Schulsozialarbeiter in verschiedenen Einrichtungen des Landkreises tätig sind, machen keinen Hehl daraus, dass Corona die Heranwachsenden und ihre Eltern intensiv fordert. "Die Auswirkungen der Schulschließungen sind unübersehbar und politische Entscheidungen mittlerweile oft nur noch schwer nachvollziehbar. Am Vormittag findet der Unterricht beispielsweise an den Schulen mit speziellen Förderschwerpunkten statt, aber die sogenannte Ganztagsbetreuung durch den Hort ist lediglich jenen Kindern vorbehalten, deren Eltern in systemrelevanten Berufen tätig sind", weiß Thomas Eisenhauer.

Wie der Leiter der Schulsozialarbeit der Diakonie Meißen betont, würden solche Entscheidungen gerade jetzt Fragen aufwerfen. Sie erforderten ein hohes Maß an Flexibilität bei Eltern, Lehrern und Erziehern und führten angesichts der ohnehin belasteten Gemüter durchaus auch zu Unmut.

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Kein Wunder auch: Seit gut einem Jahr ist die Welt aller Beteiligten komplett auf den Kopf gestellt. Hatte der Unterricht nach festgefügten Abläufen darin bisher seinen verlässlichen Platz, müssten die Schüler seit Monaten überwiegend zu Hause lernen und seien bei der Wissensaneignung streckenweise auf sich allein gestellt. Wo sonst Lehrer von Berufswegen professionell anleiten und vermitteln, könnten nun bestenfalls Mama, Papa oder ältere Geschwister helfen.

Dauerbelastung für Kinder und Eltern

Doch nicht nur das. Der Austausch mit Klassenkameraden und Freunden fehle ebenso wie das Betätigen im Verein, die lieb gewordene Chorprobe, die ausgelassene Party oder das Treffen auf dem Fußballplatz. „Was am Anfang vielleicht noch als coole Situation empfunden worden ist, weil nicht jede Stunde über die Internetplattform Lernsax so gehalten werden konnte, wie es inzwischen größtenteils der Fall ist, wurde mehr und mehr zur Dauerbelastung. Und zwar für Kinder und ihre Eltern“, erklärt Thomas Eisenhauer.

Denn abgesehen davon, dass nicht in jeder Familie alle technischen Geräte etwa zum Abarbeiten der Schulaufgaben am Computer oder Ausdrucken von Lernmaterial vorhanden seien. Eine Vielzahl der Mütter und Väter drohten langsam aber sicher unter der Last von eigenem Job, Homeoffice und anschließender Schule mit dem Nachwuchs, Kontaktbeschränkungen oder Quarantäne an die Grenze ihrer Kräfte zu geraten.

Was dabei nur allzu gern von den Erwachsenen beiseite geschoben werde, sei indes der psychische Druck, der auf dem Nachwuchs selbst ruhe. Immerhin, so Franziska Schmidt, müssten auch sie sich mit den veränderten Rahmenbedingungen auseinandersetzen. "Viele Schüler vermissen ein Feedback, die momentan so wichtige Wertschätzung ihrer Arbeitsleistung. Ihnen fehlt die regelmäßige Rückkopplung mit den Lehrern und sie möchten verständlicherweise nicht nur dann angemailt werden, wenn es gilt, neue Aufträge zu verteilen, etwas mal nicht so gut geklappt hat oder Zensuren zu Buche schlagen", gibt die 36-Jährige zu bedenken.

Schon deshalb sei es ihr wichtig gewesen, den Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen während des Lockdowns aufrechtzuhalten. Gerade jetzt, in dieser prägenden Lebensphase, dürfe man sie nicht allein lassen. Telefonieren, Chatten - die Mädchen und Jungen würden dieses Angebot nur allzu gern annehmen. Mehr noch. Sie würden nicht nur über schulische Dinge berichten, sondern auch vieles erzählen, was sie jetzt bewegt.

Und das sei nun mal nicht wenig. Dass Großeltern, Verwandte und nicht zu vergessen gleichaltrige Freunde fehlten, sei ein gewichtiger Fakt in der Betrachtung ihrer Seelenlage. Ängste vorm Alleinsein würden ebenso geäußert wie die Befürchtung, Familienmitglieder durch eine Coronaerkrankung zu verlieren oder die bedrohliche Vorstellung einer Welt, in der das Virus eine gravierende Rolle spielen werde. "Durch die wiederholte Schließung von Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen fehlen die verlässlichen Strukturen eines Tages, welche sonst Orientierung, Halt und Sicherheit geben. Ein Umstand, der von Eltern, Lehrern, Erziehern und uns Sozialpädagogen keineswegs leichtfertig als eben der jetzigen Situation geschuldet abgetan werden darf", mahnt Thomas Eisenhauer.

Offene Augen und Ohren sowie viel Verständnis

Aufgrund der intensiven Kontakte mit Schülern aus dem ganzen Landkreis Meißen befindet der 51-Jährige das aktuelle milliardenschwere Maßnahmepaket der Bundesregierung für Nachhilfe zwar durchaus als löblich. Allerdings brauche es wesentlich mehr. Denn Geld allein werde nach dieser Krise nicht reichen, um die Folgen der Pandemie abzumildern. Gefragt seien stattdessen offene Augen und Ohren, Verständnis sowie ein verändertes Schulsystem, in welchem der Alltag nicht nur von der obligatorischen Jagd nach Noten bestimmt werde.

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