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Eine Weihnachtsüberraschung für Victoria

Familie Lenuweit bat um Grüße für ihre schwer behinderte Tochter. Was sie erst am Heiligabend erfährt: Sie erhielt Post aus der ganzen Welt. Und das ist noch nicht alles.

Was für eine Weihnachtsüberraschung für Mama Manuela: Unverhofft viele Menschen nahmen Anteil am Schicksal von Victoria Lenuweit und sendeten der 17-Jährigen Grüße, Geschenke und Plüschtiere.
Was für eine Weihnachtsüberraschung für Mama Manuela: Unverhofft viele Menschen nahmen Anteil am Schicksal von Victoria Lenuweit und sendeten der 17-Jährigen Grüße, Geschenke und Plüschtiere. © Foto: Kristin Richter

Landkreis. Es begann mit einem Brief. Mit so einem kleinen weißen. Einem, den die meisten Leute heutzutage nur noch ganz selten verschicken. Etwa dann, wenn sie etwas bürokratisch ganz Wichtiges loswerden müssen. Oder zu besonderen Anlässen, um darin eine Karte zu verstauen. Ostern, Geburtstag, Weihnachten - und Weihnachten ist jetzt.

Genau jetzt, beziehungsweise eigentlich schon seit gut drei Wochen. Zumindest bei den Lenuweits in Meißen, direkt an der Elbe. Jeden Tag ein wenig mehr. Denn nach einem weißen Brief kam noch einer und dann noch einer, und plötzlich wurden es immer mehr. Immer mehr Grüße und Päckchen. Und mit jedem der freundlichen Worte, selbst gebastelten Gaben, den Stofftieren, gemalten Bildern und DVDs, der Musik und den leckeren Süßigkeiten füllte sich das Wohnzimmer von Manuela und Dietmar Lenuweit mit Herzlichkeit, Freude und Lachen. War der Raum, in welchem ihre Victoria zumeist liegend die manchmal endlos langen Tage verbrachte, auf einmal angefüllt mit Menschen.

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Mit Menschen, die es gut mit ihnen und ihrer schwer behinderten Tochter meinten. Die signalisierten, ihr seid doch nicht allein. „Wir sind unbeschreiblich dankbar für die riesengroße Anteilnahme, die wir in den vergangenen Wochen erfahren durften“, bekennt Manuela Lenuweit und wischt dabei gerührt die Tränen von der Wange.

Anfang Dezember ist es gewesen, als die 56-Jährige in der Sächsischen Zeitung die Tür zum Leben der dreiköpfigen Familie öffnete. Nahm die Leser mit in eine Welt, in der seit 2003 ein blonder Engel die Hauptrolle spielt. Victoria, in der Uniklinik Dresden scheinbar als kerngesundes Mädchen geboren, inzwischen in mehreren Körperfunktionen stark eingeschränkt und rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen.

Hilfe, die vor allem Mama Manuela rund um die Uhr leistet. Essen, trinken, waschen, Streicheleinheiten geben, wenn die Schmerzen wieder zu stark sein sollten. Nachdem die Ärzte bei ihrem blonden Sonnenschein einen sehr seltenen Gendefekt diagnostizierten - weltweit leiden lediglich 105 Menschen an der Erkrankung - steht fest, dass die Hoffnungen der vergangenen Jahre sich nicht erfüllen werden. Ihre Victoria wird niemals stehen, gehen, sprechen, allein essen oder trinken können. Seit sie jedoch nach einer komplizierten Operation auch nicht mehr in der Lage ist, zu sitzen und die Auswirkungen der Corona-Pandemie nun durchschlagend zu spüren sind, lassen die Kräfte der sonst so mit unerschütterlicher Zuversicht gesegneten Frau nach. „Wir sind seit Monaten gewissermaßen auf uns allein gestellt. Pflegekräfte sind angesichts der momentanen Situation im Gesundheitswesen ein rares Gut, und auch eine Tages- und Nachtpflege, welche uns mal für ein paar Stunden eine Atempause verschaffen könnte, ist nicht zu bekommen“, weiß Manuela Lenuweit.

Für die früher in Strießen, nun in Meißen lebende Familie, eine schwere Zeit. Da der dringend benötigte Rollstuhl, welcher die komplizierte, weil stets angewinkelte Beinstellung von Victoria berücksichtigt, noch nicht zur Verfügung steht, fände das Leben größtenteils zu Hause statt. Ein Dasein zwischen ununterbrochener Pflicht und Sorge um das Wohlbefinden des geliebten Kindes, das jedoch einsam gemacht habe. „Was jetzt ganz viele Leute durch Corona so bedrückend empfinden, ist bei uns schon lange Zeit so. Wir können nirgendwo hin, sind immer nur mit uns und Victoria allein“, verriet Manuela Lenuweit im SZ-Gespräch Anfang des Monats und äußerte ihren größten Weihnachtswunsch.

Drei Wochen später steht fest: Er wurde erfüllt. Mehr noch! All die Erwartungen, welche die Familie hatte, als sie um Weihnachtsgrüße für ihre Tochter Victoria bat, wurden weit übertroffen. Wünsche zum Fest kamen aus nah und fern: Da bastelten die Mädchen und Jungen des Kinderheims Walda einen Kalender, schickte der Hort Lampertswalde aufwendig gestaltete Grüße und sendeten Familien aus Meißen, Radebeul, Großenhain, Riesa, ja aus allen Teilen des Landkreises kleine Geschenke. Während in Gröditz Strümpfe für Victoria gestrickt wurden, trennte sich Maler und Grafiker Heinz Ferbert aus Priestewitz von einem seiner Bilder. Moderator Peter Escher, der sich im MDR seit Jahren erfolgreich auf die Spur der Täter begibt, jetzt mit "Mensch Escher" wieder durchstartet und der Region sehr verbunden ist, drehte extra einen kleinen Film.

Die Frau des 2017 verstorbenen Sängers Peter Tschernig beglückte nach der Zeitungslektüre spontan mit einem liebevoll zusammengestellten Paket. Vor zehn Jahren hatte ihr Mann gemeinsam mit der Sächsischen Zeitung durch eine große Spendenveranstaltung mit dafür gesorgt, dass Victoria zu einer Delfintherapie in die Türkei reisen konnte. „Wissen Sie, es fühlt sich gerade so an wie damals! So viele Menschen haben an uns gedacht, sich extra auf den Weg zur Post gemacht und trotz eigener Sorgen ihre Zeit unserer Tochter geschenkt. Wir sind jedem Einzelnen unheimlich dankbar für dieses ganz besondere Fest“, sagt Manuela Lenuweit und knetet aufgeregt ihre Hände.

Was Victorias Mama und ihr Papa zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen können: Es gibt noch zwei weitere Überraschungen für Victoria. Erst jetzt - schließlich ist nun wirklich Weihnachten - erfahren sie lesend, dass selbst Dr. Jennifer Bain aus New York ihrem Kind ein frohes Fest wünscht. Die Ärztin, Neurologin an der Columbia Universität, gilt weltweit als anerkannte Spezialistin auf dem Gebiet des seltenen Gendefekts, unter welchem Victoria leidet und schickte spontan eine Botschaft an die Sächsische Zeitung.

Und damit nicht genug! Denn auch der Chef des Edeka-Marktes in Großenhain möchte dem Mädchen eine Freude bereiten: „Wir haben diese berührende Geschichte in der SZ gelesen und wollen Victoria gern das schenken, was sie offenbar gern isst und gut verträgt - einen Jahresvorrat an Wassermelonen“, erklärt Geschäftsführer John Scheller. Einmal in der Woche liege von nun an eine Frucht zur kostenlosen Abholung im Markt bereit.

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Ja, liebe Familie Lenuweit, so geht es eben manchmal im Leben und auch in einem besonderen Jahr wie diesem. Was mit einem kleinen weißen Brief begonnen hat, kann durchaus mit 52 großen grünen Wassermelonen enden. Schließlich ist Weihnachten noch immer die Zeit der Wunder. Auch und erst recht für Menschen wie Victoria. Denn Weihnachten soll doch vor allem eins bedeuten: Es gibt immer noch Hoffnung und - keiner ist allein.

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