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Abholservice ersetzt kein Einkaufserlebnis

Seit Montag dürfen Händler und Kunden in Großenhain auch, was in anderen Bundesländern schon längst üblich war. Aber die Erwartungen sind gering.

Karin Roisch von der "Wäschetruhe" darf endlich wieder tun, was sie seit 30 Jahren professionell freundlich macht: Ware an ihre Kunden zu bringen.
Karin Roisch von der "Wäschetruhe" darf endlich wieder tun, was sie seit 30 Jahren professionell freundlich macht: Ware an ihre Kunden zu bringen. ©  Foto: Kristin Richter

Großenhain. Mit Träumen beginnt die Realität. Und die verspricht beim Blick in das Schaufenster von "Dein Ambiente" seit kurzem tatsächlich, was die Kundschaft in diesen Tagen so dringend nötig hat. Frühling, Leichtigkeit, eine große Portion Ostern und noch mehr heile Welt fürs mit Corona belastete Gemüt. Heike Claus hat unübersehbar mit viel Liebe dekoriert und gerade in den vergangenen Tagen auch viel Arbeit in ihren Onlineshop gesteckt, in welchem künftig erhältlich sein soll, was sonst bei einem Einkaufsbummel selbstverständlich über die Ladentafel wandern würde. Immerhin: Wer etwas entdeckt, womit sich die eigenen vier Wände verschönern lassen, kann künftig anrufen oder im Internet bestellen. Wie bereits in allen anderen Bundesländern seit Monaten üblich, darf die auserkorene Ware jetzt auch hier in den Geschäften abgeholt werden. "Ich bin froh, dass wenigstens das jetzt möglich ist! Obgleich dieses sogenannte Click & Collect mitnichten unsere eigentliche Verkaufstätigkeit ersetzen kann", befindet Heike Claus.

Die engagierte Geschäftsinhaberin macht keinen Hehl daraus, dass die letzten Wochen ihr arg zugesetzt haben. Zwar müsse sie sich nicht darum sorgen, wovon die Miete bezahlt werden solle, da sich der Laden glücklicherweise im eigenen Haus befindet. Alle anderen Gedanken unterschieden sich nach eigenem Bekunden aber nicht von jenen ihrer Großenhainer Mitstreiter. Ebenso wie den übrigen selbständig tätigen Einzelhändlern plagten auch sie Zukunftsängste. Zwar werde sie bis zuletzt für all das kämpfen, was sie sich mit viel Herzblut und zeitlichem Aufwand geschaffen habe. "Aber auch ich habe zwei Kinder zu versorgen und Rücklagen, die nicht ewig reichen", bekennt Heike Claus. Keiner wisse, wie lange die Schließung der Geschäfte noch dauere, und es dürfe einen Einzelhändler wie sie schon wütend machen, dass man im Gegensatz zu anderen vom Lockdown betroffenen Branchen noch keinen einzigen Cent Unterstützung erhalten habe. "Insofern ist es gut, dass wir nun wenigstens in der Minimalvariante starten dürfen. Auch wenn sich Gerüche und Düfte leider nicht online transportieren lassen."

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Anders dagegen all die Dinge, welche schon äußerlich Begehrlichkeiten wecken. Gleich am Montagmorgen ihre Chance genutzt habe deshalb eine Kundin, die dringend eine Tischdecke benötigte. Gefunden im täglich neu gestalteten Schaufenster der "Wäschetruhe" am Hauptmarkt, wechselte das gute Stück unkompliziert ihren Besitzer. Ein guter Start für Inhaberin Karin Roisch, die seit drei Monaten nicht nur vermisse, was sie seit 30 Jahren mit Inbrunst tut. "Wir haben keinerlei Einnahmen und ringen deshalb um jeden Cent", gesteht die 63-Jährige. Wie sie betont, dürfe sie gar nicht darüber nachdenken, was aufgrund der Pandemie noch alles wirtschaftlich auf sie zukommen könne. Am Wochenende habe sie schon wieder neue Herbst-Winterware ordern müssen. Von Geld, was eigentlich noch gar nicht vorhanden wäre - schließlich hätte die der laufenden Saison noch gar nicht verkauft werden können. Ob das nun durch den endlich erlaubten Abholservice möglich sei, wagt die erfahrene Geschäftsfrau zu bezweifeln. Ein Einkaufserlebnis, was Kunden aus Dresden, Riesa, Elsterwerda, Senftenberg oder Bad Liebenwerda nach Großenhain locke, schaue eben doch ganz anders aus. "Und mit unserem aufwendig ausgestalteten Hygienekonzept wären wir in der Lage, es zu bieten", ist sich Karin Roisch sicher.

Etwas, woran auch Alexander Ehrke keinen Zweifel hat. Großenhains Citymanager fühlt seit Monaten mit jedem einzelnen Händler mit und kann nicht verstehen, weshalb der Freistaat die sächsischen Händler in dieser Weise benachteiligt habe. Immerhin seien auch die Fördermittel, welche hoffentlich jetzt schnell ausgereicht würden, deutschlandweit gleich angesetzt. Egal nun, ob click & collect für den Kultshop in Hamburg schon möglich gewesen wäre oder für "Selectorz " in Großenhain eben erst seit 15. Februar. "Abgesehen davon, stellt die Perspektivlosigkeit und das ständige Schwanken von vermeintlichen Öffnungsterminen eine große psychische Belastung dar", weiß Alexander Ehrke aus Gesprächen mit Betroffenen.

Einer von ihnen ist Ronny Rühle. Der Modehändler mit Geschäften in Großenhain, Riesa und Meißen hat die Situation des Einzelhandels mehrfach in der Öffentlichkeit und sogar vor laufender Fernsehkamera kritisiert. Selbstverständlich stehe auch er jetzt telefonisch oder mit einem Onlineshop seinen Kunden zur Verfügung. Eine Lösung aus dem gegenwärtigen Dilemma sei die längst geforderte Regelung nun aber nicht. "All das, was den Einzelhandel ausmacht - etwa die persönliche Beratung, die Atmosphäre im Laden oder den Schwatz beim Kaffee - ist uns verboten. Die Ware bekommen die Kunden jedoch auch im Internet und wir längst nicht die Erlöse, die wirtschaftlich notwendig sind", erklärt Ronny Rühle. Dabei könne man so wie Friseure künftig auch Kunden gezielt in den Laden bestellen und mit Flexibilität und kreativen Lösungen hygienisch einhalten, was natürlich auch notwendig sei. "Aber da passiert nichts und ich will nicht länger warten, bis die Inzidenz 20 die neue 50 wird", kritisiert der 52-Jährige. In dieser Woche lässt er deshalb prüfen, ob es sich lohnt zu klagen. Für eine Öffnung der Geschäfte.

Informationen über beteiligte Geschäfte sind unter www.einkaufen-in-grossenhain.de zu finden.

Das Schaufenster von "Dein Ambiente" ist ein freudvoller Ausblick auf Frühling und Ostern. Ebenso wie im Onlineshop kann hier nach Herzenslust eingekauft werden.
Das Schaufenster von "Dein Ambiente" ist ein freudvoller Ausblick auf Frühling und Ostern. Ebenso wie im Onlineshop kann hier nach Herzenslust eingekauft werden. ©  Foto: Kristin Richter
Nicht zu übersehen ist das Hinweisschild: Wer Bedarf für Schule, Büro oder zur Ausübung des Hobbys hat, kann nach all den Wochen nun endlich wieder hier fündig werden.
Nicht zu übersehen ist das Hinweisschild: Wer Bedarf für Schule, Büro oder zur Ausübung des Hobbys hat, kann nach all den Wochen nun endlich wieder hier fündig werden. ©  Foto: Kristin Richter
Endlich kann die Uhr wieder repariert oder die Batterie fachmännisch ausgewechselt werden. Das traditionsreiche Geschäft Majok-Bökelmann ist im Laden und mit einem Internetauftritt erreichbar.
Endlich kann die Uhr wieder repariert oder die Batterie fachmännisch ausgewechselt werden. Das traditionsreiche Geschäft Majok-Bökelmann ist im Laden und mit einem Internetauftritt erreichbar. © Foto: Kristin Richter

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