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Inzidenzwert als gefährliche Einbahnstraße

Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach fordert innovative Lösungen in der Coronakrise. Die Stimmung sei inzwischen bedenklich.

Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach mit dem Brief der Bürgermeister aus dem Erzgebirgskreis an Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Ein Inhalt, den er unterstützen kann.
Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach mit dem Brief der Bürgermeister aus dem Erzgebirgskreis an Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Ein Inhalt, den er unterstützen kann. © Foto: Kristin Richter

Großenhain. An Tagen wie diesen ist das Erzgebirge nur einen Herzschlag entfernt. Denn an Tagen wie diesen sind die Probleme im Südwesten Sachsens die gleichen wie im 125 Kilometer entfernten Großenhain: Existenzängste finanziell geplagter Einzelhändler, die Nöte, von der Pleite bedrohter Gastronomen und desillusionierter Gewerbetreibenden. Sorgen von Kindern und Eltern, dass sie vielleicht doch eher heute als morgen wieder zuhause lernen müssen oder die lang vermissten Freunde nicht mehr treffen können. Unmut darüber, dass es aus einem Ostern mit Großfamilie wohl wieder nichts werden wird, sinkende Hoffnungen auf unbeschwerten Urlaub im Sommer und gleichsam wachsendes Unverständnis gegenüber dem immer größer werdenden deutschen Impfdebakel.

Ein Gemütszustand der pandemiegeplagten Bevölkerung, den acht Bürgermeister im Namen aller Amtskollegen des Erzgebirgskreises jetzt zu Papier brachten. Ein 17-seitiges Schriftstück an Ministerpräsident Michael Kretschmer, welches es am Mittwoch nicht nur in die Zeitungen zwischen Hamburg und München schaffte, sondern am Abend auch im Stadtrat der Röderstadt zur Sprache kam. Immerhin, so Sebastian Bieler (Wir in Großenhain), sei es nicht zuletzt deshalb eine empfehlenswerte Lektüre, weil darin der Inzidenzwert als alles entscheidender Richtwert kritisiert werde. Er werde nicht in Relation gesetzt und das sei auch den Großenhainern nicht mehr vermittelbar. Die Spaltung der Gesellschaft nehme nicht zuletzt deshalb stetig zu. Für den freischaffenden Künstler eine so nicht hinnehmbare Tendenz.

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Die Bürgermeister des Erzgebirgskreises bringen es nach ihrer monatelangen Erfahrung mit der Pandemie so auf den Punkt: „Wir haben aktuell Kommunen, die eine Größe aufweisen, bei denen ein positiv getesteter Fall in sieben Tagen sofort zu einer Inzidenz von mehr als 100 führt“, heißt es. Damit könne man den Bürgern die teilweise erheblichen Einschränkungen nicht begründen. Das komplette undifferenzierte Herunterfahren ganzer Branchen oder Lebensbereiche über Monate hinweg erwecke mit zunehmender Dauer eher den Eindruck einer Plan- und Hilflosigkeit.

Gedanken, die Großenhains Oberbürgermeister nach eigenem Bekunden bereits am Morgen in seinem Postfach vorgefunden hat. „Und was ich gelesen habe, kann ich nur unterstreichen“, erklärte Sven Mißbach. Wie der parteilose Verwaltungschef betonte, führe auch er sich schon seit einiger Zeit nicht mehr den Inzidenzwert als alleinigen Maßstab zu Gemüte, sondern richte das Augenmerk auf die tatsächlichen Infektionszahlen. Mit täglich in Großenhain wieder steigendem Zuwachs seien diese einerseits momentan alles andere als erfreulich. Andererseits aber auch nicht die seit Donnerstag zurückgenommenen Lockerungen, welche beispielsweise für Einzelhandelsgeschäfte aus seiner Sicht keineswegs nachvollziehbar wären. "Wie den meisten Bürgern ist es auch mir absolut unverständlich, wieso ich mich in einem Supermarkt mit vielen Menschen aufhalten, in Obst - und Regalreihen dieses und jenes anfassen kann und ein kleines Geschäft mit perfekt ausgeklügeltem Hygienekonzept, das gezielt nur von einem Kunden besucht werden kann, nicht mehr öffnen darf", gab Sven Mißbach zu bedenken.

Dass die Entscheidung für die neuerliche Schließung der inhabergeführten Läden auch in der Großenhainer Innenstadt ausschließlich am Inzidenzwert festgemacht werde, sei nach einjähriger Erfahrung mit Corona nicht der richtige Weg. Die Akzeptanz der Coronamaßnahmen schwinde, wenn sie weiterhin ausschließlich an die Inzidenzwerte gebunden seien. "Der Schaden, der nun entsteht, ist aus meiner Sicht immens! Wirtschaftlich, aber auch mitmenschlich - und deshalb mache ich mir wirklich große Sorgen", bekennt Sven Mißbach im SZ-Gespräch.

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Wie er betont, habe er von Anfang an um die strikte Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen wie das Tragen von Masken oder die Achtung von Mindestabständen geworben. Das tue er auch heute noch. Aber im März 2021 sei es damit allein nicht getan. Man müsse verantwortungsvoll und mutig um die Ecke denken lernen. Die Corona-Schutzverordnung dürfe keine starre Einbahnstraße sein, in welcher kleine Unternehmer, Gastronomen und Ladeninhaber nach jahrzehntelanger Arbeit den finanziellen Supercrash erlebten. "Deshalb kann ich mich den Bürgermeistern im Erzgebirgskreis nur anschließen, wenn sie anmahnen, es sei Zeit dafür, zu zeigen, wie bedenklich die Stimmung in der Bevölkerung inzwischen ist", sagt Sven Mißbach. Er wolle den Brief zum Anlass nehmen, um sich mit seinen Amtskollegen im Landkreis Meißen in Verbindung zu setzen und für ein breites Bündnis werben. Städte und Gemeinden, die sich wieder im verschärften Lockdown befinden - und doch nur einen Herzschlag vom Erzgebirge entfernt.

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