merken
PLUS Großenhain

Hilfe für Oma auf dem Weg zur Impfung

3.680 Großenhainer zählen zu jener Altersgruppe, die sich einen Termin zum Schutz vor Corona machen dürften - wenn sie könnten. Ingrid Köhler ist eine davon.

Nein, einfach ist es nicht. Einen telefonischen Termin zum Impfen zu vereinbaren - wenn es denn wieder möglich ist - gleicht einem wahren Geduldsspiel. Besonders für ältere Menschen nicht einfach.
Nein, einfach ist es nicht. Einen telefonischen Termin zum Impfen zu vereinbaren - wenn es denn wieder möglich ist - gleicht einem wahren Geduldsspiel. Besonders für ältere Menschen nicht einfach. © Foto: Kristin Richter

Großenhain. Sie ist keine, die jammert. Die lamentiert und sich wortreich über die Dinge beklagt, die sowieso momentan nicht zu ändern sind. Erst recht nicht meckert, um des lieben Schimpfens Willen. Nein! Dazu hat Dr. Ingrid Köhler viel zu lang selbst in jener Branche gearbeitet, die seit Monaten im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Die pensionierte Kinderärztin weiß nur allzu gut um die Verantwortung, welche jetzt von Ärzten, Schwestern, Pflegern, ja, jedem Einzelnen, getragen werde. "Alles in allem ist es eine Mammutaufgabe, die es da seit Monaten zu bewältigen gilt", sagt die Medizinerin und atmet tief durch.

Die 81-jährige Großenhainerin verfolge nicht zuletzt aus fachlichem Interesse die Situation, welche seit fast einem Jahr durch das Covid-19-Virus vorgegeben werde. 1963 habe sie ihr Staatsexamen gemacht. Eine Zeit, in der die inzwischen weißhaarige Dame noch kleine Patienten behandeln musste, die an den schlimmen Folgen einer Masern- oder Keuchhustenerkrankung, Kinderlähmung und Hirnhautentzündung litten. "Ich habe selbst so viele Komplikationen und lange Leidenswege bei Kindern miterleben müssen, dass ich später umso froher gewesen bin, als es wirksame Impfstoffe gegen diese Erkrankungen gegeben hat", bekennt Ingrid Köhler.

Anzeige
Vernünftige Rendite mit Nachhaltigkeit
Vernünftige Rendite mit Nachhaltigkeit

Einfach, bequem und flexibel in die Zukunft investieren. Langfristig gute Chancen bietet der Anlage-Assistent MeinInvest.

Niemals habe sie deshalb einen Hehl daraus gemacht, ein Enthusiast des Impfens zu sein und glaube auch jetzt an den neu entwickelten Stoff gegen das Coronavirus. Wie bei allen Dingen im Leben müsse ein jeder selbstverständlich für sich allein die Entscheidung treffen, ob er dem angebotenen Schutz vertrauen schenke oder eben nicht. Sie tue es und setze darauf, um auf diese Weise eine Brücke zu ihren Lieben bauen zu können. Denn natürlich halte sie sich an die vorgegebenen Beschränkungen, welche emotional nicht immer ganz einfach wären, auszuhalten. Erst recht nicht, wenn die einzigen Familienangehörigen fast 800 Kilometer entfernt wohnten. Denn zwar sei der tägliche Kontakt über das Telefon möglich. Aber das einzige Kind in den Armen halten und den geliebten Enkelsohn mal richtig knuddeln zu können, wäre doch etwas völlig anderes.

Sehnsucht nach ihren Angehörigen, der die verwitwete Frau momentan nur eine große Hoffnung entgegenzusetzen hat. Aus gesundheitlichen und ihren ganz persönlichen Gründen wünsche sie sich nichts mehr, als jetzt ganz schnell geimpft zu werden. Aber genau da liege eben das Problem, welches Ingrid Köhler zwar nicht meckern lässt, aber sie dann doch zu einem Anruf bei der Sächsischen Zeitung animiert habe. Ein freundlicher, der zugleich mit einem ehrlichen Geständnis beginnt. "Ich gebe zu, ich besitze einen Fernseher und ein Telefon. Keinen Computer, den es in dieser Zeit wahrscheinlich aber braucht, möchte man sich für einen Impftermin anmelden", vermutet Ingrid Köhler und schüttelt hörbar den Kopf.

Nach zig vergeblichen Versuchen, sich selbst bei der angegebenen telefonischen Servicehotline registrieren zu lassen, habe schließlich ihre Tochter in der Ferne versucht, die Sache in die Hand zu nehmen. Noch bevor der Freistaat die organisatorische Reißleine aufgrund fehlenden Impfstoffs ziehen musste, bemühte sie sich mehrmals von Belgien aus, ihre Mutter für eine sogenannte Erst-Impfung registrieren zu lassen. Wahlweise telefonisch oder auf dem sächsischen Serviceportal im Internet - aber keine Chance.

Eine betrübliche Angelegenheit, mit der Ingrid Köhler nach eigenem Bekunden gewiss nicht allein dastehe. "Ich bin mir sicher, dass es bestimmt viele ältere Frauen und Männer in Großenhain gibt, die keine Möglichkeit haben, sich für die Impfung anzumelden", vermutet die Rentnerin. Und hat nicht unrecht. Tatsächlich gibt es insgesamt 3.680 Röderstädter, die nach jetzigem Stand der Dinge impfberechtigt wären. Während es in der Altersgruppe der über 80-Jährigen 1.802 Frauen und Männer seien, wären es in der zweiten Impfgruppe - also 70 bis 80 Jahre alt - 1.878 Großenhainer. "Natürlich ist es richtig, dass nicht immer davon auszugehen ist, dass jeder der Betroffenen sich allein um einen Impftermin bemühen oder später die Fahrt zum Impfzentrum kümmern kann", weiß Sven Mißbach.

Wie Großenhains Oberbürgermeister betont, habe sich die Verwaltung deshalb bereits darüber Gedanken gemacht und verschiedene Möglichkeiten durchgespielt. Besonders die Anfangsphase wäre schwierig und es sei sicherlich nicht möglich, in jedem Fall zu helfen. Allerdings wolle man versuchen, Unterstützung anzubieten. Wer eine solche benötige, könne sich ab dem 8. Februar bei den Mitarbeitern des Soziokulturellen Zentrums Alberttreff melden. In der Zeit von 9 bis 12 Uhr würden sie Unterstützung bei der Terminvereinbarung geben.

Aussichten, die sicherlich nicht nur für Menschen wie Ingrid Köhler einen Lichtblick bedeuten. Eine beherzte Oma, die einerseits gesund bleiben möchte. Und andererseits ihren jetzt zwölf Jahre alten Enkelsohn wiedersehen möchte. So schnell es ginge, noch bevor er ausgewachsen, mit dem Rasierapparat im Rucksack, vor ihrer Wohnungstür stehe. Humor, wie ihn diese Zeit wahrscheinlich braucht.

Weiterführende Artikel

Krankenschwester im Corona-Stress

Krankenschwester im Corona-Stress

Martina Friedländer kehrte mit ihrer Familie vor der Pandemie vom Bodensee zurück. Ein großes Glück. Sonst bekäme sie Job und die Familie nicht unter einen Hut.

Ab dem 8. Februar 2021 bietet das Soziokulturelle Zentrum Alberttreff (SKZ) in Großenhain Hilfe bei der Terminvereinbarung an. Menschen, die Unterstützung benötigen, können sich wochentags in der Zeit von 9 bis 12 Uhr unter Telefon 03522 502569 im SKZ melden.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Großenhain