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"Ich habe die normale Welt vergessen"

Jugend im Jahr 2021: Eine Umfrage der Planungsraumrunde Großenhain-Gröditz stimmt nachdenklich. Corona hinterlässt tiefe Spuren. Was ist reparabel?

Während der Corona-Pandemie haben Kinder und Jugendliche auf vielfältige Art ihre Sorgen bekannt gemacht. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse einer Umfrage in Großenhain und Umgebung rütteln auf.
Während der Corona-Pandemie haben Kinder und Jugendliche auf vielfältige Art ihre Sorgen bekannt gemacht. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse einer Umfrage in Großenhain und Umgebung rütteln auf. © Kathrin Krüger

Großenhain. "Ich habe die normale Welt, ohne Masken, ohne Abstand vergessen." (Mädchen/12 Jahre alt).

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"Schließen Sie mal Ihre Augen. Sehen Sie was? Nein? Ich auch nicht." (Junge/16 Jahre alt)

"Ich bin motivationslos, will von niemandem angesprochen werden und will nur alleine sein. Außerdem versteh ich das Schulzeug nicht." (Mädchen/13 Jahre alt)

Drei ziemlich willkürlich ausgewählte Zitate junger Leute aus Großenhain sind das. Zu entnehmen einer Umfrage der Planungraumsrunde Großenhain-Gröditz, die im März gestartet und deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden. Rund 1.500 Antworten auf sieben verschiedene Fragen zu Auswirkungen der Corona-Pandemie liegen jetzt auf dem Tisch. Ein Gremium verschiedener Institutionen und Organisationen der Kinder- und Jugendarbeit bzw. Jugendhilfe in Großenhain und Gröditz und Umland hat Jugendliche und junge Erwachsene befragt. Darunter das Dezernat Soziales/Gesundheitsamt im Landkreis, die Mobile Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz, Sozialarbeiter aus Gymnasien und Berufsschulzentren, aus der Diakonie Meißen...

Alle sind in diesen Tagen, nach dem Studium der Antworten, in einer Stimmung zwischen Nachdenklichkeit, Erschütterung, Ratlosigkeit - und Hoffnung. So viel scheint klar: "Wir müssen MIT den Jugendlichen nach Wegen suchen, diese Zeit aufzuarbeiten", sagt Maja Engel vom Meißner Landratsamt. Denn die Zeit der Pandemie hat in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Die jungen Leute sind mehr und mehr "Verlierer" der Corona-Zeit geworden: Sämtliche Freizeitmöglichkeiten zwischen Sportverein und Rockkonzert blieben ihnen verwehrt. "Ich bin fast nur zu Hause, es gibt nur Verbote", bringt es ein 13-Jähriger auf den Punkt.

Die Umfrage soll aufrütteln, zum Nachdenken anregen - Jugendliche wie auch Erwachsene - also Lehrer und Eltern zum Beispiel. Doch sind sie dazu bereit? Kerstin Böhm, Sozialarbeiterin am Großenhainer Berufsschulzentrum, hat entstandene Differenzen ausgemacht. Eltern waren plötzlich auch Lehrer, mussten trotzdem arbeiten - was zu "sozialen Zerwürfnissen in den Familien" gesorgt hat. Franziska Reinhardt, Schulsozialarbeiterin fürs Gymnasium vom Sprungbrett e.V., hätte sich insgeheim erhofft, dass Eltern- oder Schülervertretungen mehr Eigeninitiative entwickeln. "Das setzt aber voraus, dass man Beteiligung gelernt hat", hält Raimo Siegert von der Mobilen Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz entgegen. Genau das aber könne man nicht voraussetzen.

Ein Grundproblem der Pandemie-Zeit scheint zu sein: Anfangs wurde nur über die sogenannten Hochrisikogruppen gesprochen und über die Köpfe der Schüler und Eltern hinweg entschieden. Kerstin Böhm nickt und staunt, "dass es so lange ruhig geblieben ist". Thomas Eisenhauer, Schulsozialarbeiter der Schule für Erziehungshilfe in Priestewitz und Kirchensozialarbeiter bei der Diakonie Meißen, stimmt zu, dass „Kinder und Jugendliche hinten anstanden“. Deshalb war er über die Resonanz auf die Umfrage gleichermaßen erstaunt und froh.

Letztlich, und auch da ist sich die Runde der Initiatoren der Umfrage einig, müsse man jetzt sehen, was das alles auch gesellschaftspolitisch mit den jungen Leuten gemacht hat. Vertrauen in die Politik? Man müsse rauskriegen, was die Pandemie in Sachen Demokratieverständnis verursacht hat. Den Kopf in den Sandstecken wollen die Beteiligten aber nicht. Die Ergebnisse der Umfrage sollen jetzt transparent gemacht werden. In Großenhainer Geschäften ist das schon geschehen. In einigen Einrichtungen wurden sie auszugsweise im Lehrerzimmer ausgehängt, auf Schulhöfen verteilt. "Manche Lehrer waren regelrecht geschockt", sagt Franziska Reinhardt. Aber auch für sie sei natürlich alles Neuland gewesen - vom Home-Schooling (oft ohne ausreichende Internet-Erfahrungen und -Voraussetzungen) bis hin, dass sie selbst zum Beispiel als Pflege- und Betreuungskraft gefragt waren.

Und was ist wie reparabel? Es wird Zeit brauchen. Viel Zeit. Und Mut. Ein „Weiter so“ dürfe es an den Schulen nicht geben. Die Initiatoren warnen vor einer "Aufholjagd statt Aufarbeitung". Da stünden auch Erwachsene in der Pflicht, sich Zeit für junge Menschen zu nehmen. Wie man "die Situation wieder ,einfangen' kann, weiß ich nicht" gesteht Raimo Siegert freimütig. Nur eins darf nicht passieren, und wieder ist sich die Runde einig: Man müsse MIT den Jugendlichen nach Wegen suchen. "Insofern ist die Umfrage und die Situation auch eine große Chance", so Kerstin Böhm.

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Denn es gibt auch Zitate aus der Befragung, die Mut machen. "Mir geht es ganz okay. Mich beschäftigt, dass scheinbar immer weniger Leute die Pandemie ernst nehmen", hat eine 19-Jährige aufgeschrieben. Und es gibt Erwartungen: "Es wär schön, wenn uns jemand sagen könnte, wie es weitergeht." (Schülerin/12 Jahre alt)

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