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"Perspektiven und finanzielle Hilfen fehlen"

Großenhains OB Sven Mißbach macht sich für den städtischen Einzelhandel stark. In einem Brief an Wirtschaftsminister Martin Dulig fordert er jetzt ein Umdenken.

Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach hat bereits vor Wochen im SZ-Gespräch bekundet, dass er sich große Sorgen um die Händler macht. Nun tritt er öffentlich für sie ein.
Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach hat bereits vor Wochen im SZ-Gespräch bekundet, dass er sich große Sorgen um die Händler macht. Nun tritt er öffentlich für sie ein. © Archivfoto: Kristin Richter

Großenhain. Wenige Tage vor Weihnachten bewegte ihn die Thematik schon einmal. Im traditionellen Jahresendgespräch mit der Sächsischen Zeitung hatte Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach (parteilos) keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich ernsthaft um die Zukunft des innerstädtischen Handels sorge. Nun, gut vier Wochen später, wendet sich der Verwaltungschef mit einem offenen Brief an Sachsens Wirtschaftsminister und fordert von der Politik endlich ein klares Signal in Richtung kleinerer Geschäfte.

Herr Mißbach, im Kreise Ihrer Amtskollegen sind Sie sonst nicht dafür bekannt, mit eindringlichen Verlautbarungen nach vorn zu preschen. Nun haben Sie aber an Martin Dulig geschrieben und ernten in den sozialen Medien ausschließlich Zuspruch. Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht?

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Wissen Sie, ich bin sozusagen noch ein Mann der alten Schule. Wenn ich ein neues Kleidungsstück für mich oder die Kinder benötige, dann kaufe ich dieses noch traditionell beim Einzelhändler meines Vertrauens in Großenhain. Laufe ich dieser Tage durch unsere Stadt, macht mich das sehr traurig. Nicht nur der Einzelhändler meines Vertrauens hat seit Wochen geschlossen. Die unnatürliche Stille, die in den Straßen eingezogen ist, wirkt wie ein bitterer Vorgeschmack auf das, was uns im schlimmsten Fall erwarten könnte. Geschlossene Läden, die es wirtschaftlich nicht durch die Coronazeit geschafft haben. Gewerbeleerstand und eine verödete Innenstadt, die nicht mehr dazu angetan ist, prägender Lebensmittelpunkt zu sein. Einer, in welchem es lohnt, sich mit seiner Familie niederzulassen. Dort, wo man sich wohlfühlen kann. Der Einzelhändler meines Vertrauens trägt mit all seinen Branchenkollegen maßgeblich zu dieser Stimmungslage bei. Doch die Stimmung all dieser Händler ist ebenfalls am Boden. Ihnen steht das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich gern nochmal kurz vor Augen halten, was unsere Einzelhändler, aber auch Gastronomen oder Dienstleister, sonst noch bedeuten! Denn sie sind für eine Stadt wie Großenhain nicht etwa nur wichtige Steuer- und Mietzahler, Ausbildungsbetriebe und natürlich unverzichtbare Arbeitgeber. Nein, unsere Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister sind viel mehr! Sie sind Teil unseres gesellschaftlichen Lebens! Mit all ihren verschiedenen Angeboten, ihrer Kreativität und dem Engagement tragen sie zur Vielfalt und dem speziellen Charakter von Großenhain bei. Unvorstellbar, wenn wir auf einen dieser Menschen verzichten müssten.

Haben Sie Anlass zur Sorge, dass es dazu wirklich kommen könnte?

Definitiv ja! Schon der erste Lockdown im vergangenen Frühjahr hat viele Händler in eine finanzielle Schieflage gebracht. Allerdings unterschied sich die Lage zur aktuellen Situation heute, dass es Perspektiven und wirtschaftliche Hilfszahlungen gab. Dieses Mal gab es schon erhebliche Verzögerungen beim Auszahlen der sogenannten Novemberhilfe. Noch immer warten viele Gewerbetreibende auf die Gelder. Und da hilft auch keinem eine vierstellige Abschlagszahlung, wenn eigentlich eine fünfstellige Nothilfe gebraucht und beantragt wurde. Der Aufwand zur Antragstellung beispielsweise durch den Steuerberater erweist sich zudem für die meisten Betroffenen als viel zu bürokratisch und langwierig. Dort sollte dringend nachgebessert werden! Hinzu kommt außerdem, dass es bei diesem Lockdown zu einem Ungleichgewicht gekommen ist. Der Gastronomiebetrieb erhält einerseits einen Großteil seines Umsatzausfalls erstattet und der stationäre Einzelhändler weiß andererseits nicht, wie er die Miete für das Geschäft, die Lagerkosten für seine Ware und das Geld für das georderte neue Sortiment aufbringen soll. Das ist aus meiner Sicht eine eklatante Ungleichbehandlung, die auch Traditionsgeschäfte wirtschaftlich über kurz oder lang in die Knie zwingen wird.

Deshalb noch einmal meine Frage: Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Aus meiner Sicht ist es wichtig, all diesen Händlern, aber selbstverständlich auch den Gastronomen und Dienstleistern wie unseren Friseurgeschäften, endlich eine verlässliche Perspektive aufzuzeigen. Und es sollte geprüft werden, ob Einzelhändler nicht doch wieder öffnen können. Sie und auch die Restaurants zählten zu den Ersten, die mit aufwendigen Mitteln Hygienekonzepte erstellt haben und damit unter Einhaltung aller Vorgaben ein kontrollierter Betrieb erfolgreich möglich gewesen ist. Drogeriemärkte und Supermärkte haben tagtäglich einen großen Durchlauf an Menschen. Eine Kundenfrequenz, die nicht zu vergleichen ist mit der in einem kleinen Geschäft. Deshalb plädiere ich für die Überprüfung dieser Beschränkungen und in einem ersten Schritt wenigstens für die Einführung von Click und Collect. Unseren Händlern wäre damit schon geholfen, wenn die Kunden telefonisch oder online bestellen und im Geschäft abholen könnten. Immerhin: Das gibt es in jedem anderen Bundesland. Nur in Sachsen nicht.

Ihren Einsatz in allen Ehren, Herr Mißbach! Glauben Sie aber nicht, dass auf der Schließung bestanden werden wird, um Menschenansammlungen - etwa vor den Läden in der Stadt - zu vermeiden?

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Da haben Sie recht! Natürlich ist mir bewusst, dass das der Grund ist. Und deshalb ärgere ich mich zuweilen ja auch so. Unsere Einzelhändler, Gastronomiebetriebe und Dienstleister zahlen jetzt die Rechnung für die Unvernunft der Menschen. Die Ansteckung passiert im privaten Umfeld, da bin ich mir sicher. Es wäre wichtig, die Kontakte absolut zu minimieren, sich nicht heute mal mit dem und morgen mit jemand anderem zu treffen, Ausnahmen für das Enkelchen oder Freunde zuzulassen. Wer das nicht begreift, muss sich klar machen: um so länger dauert es, bis wir zur Normalität zurückkehren können. Jeder ist für das Überleben der Geschäfte, jedes Restaurants, jedes Friseursalons und jeder kulturellen Einrichtung letztlich mitverantwortlich.

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