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Knöllchen mit später Ansage?

Es sollte ein Sommertraum werden: Freies Parken in der Innenstadt. Doch die Großenhainer sind geteilter Meinung. Das Rathaus wehrt sich gegen Vorwürfe.

Parkautomaten in Großenhain wurden vor der Juli-Regelung für begrenztes freies Parken in der Innenstadt mit diesem Vermerk gekennzeichnet. Droht eine gut gemeinten Geste jetzt ins Gegenteil verkehrt zu werden?
Parkautomaten in Großenhain wurden vor der Juli-Regelung für begrenztes freies Parken in der Innenstadt mit diesem Vermerk gekennzeichnet. Droht eine gut gemeinten Geste jetzt ins Gegenteil verkehrt zu werden? © Foto: Thomas Riemer

Großenhain. Büros in der Schloßstraße verschaffen Beobachtungen aus der ersten Reihe. Solche, die in den vergangenen Tagen den Blick auf empört und wütend gestikulierende Menschen oder ungläubig dreinschauende Großenhainer freigegeben haben. "Das ist doch eine absolute Schweinerei", brachte das offensichtliche Dilemma jener Elsterwerdaer auf den Punkt, der gleich mit einem wohl bekannten Papierstreifen in die Redaktion der Sächsischen Zeitung gestürmt kam.

Im Radio habe er doch vor ein paar Wochen gehört, dass in der Innenstadt den ganzen Juli lang kostenlos geparkt werden dürfe. Und nun habe ein Knöllchen unter dem Scheibenwischer geklemmt, was den an sich schönen Einkaufsbummel durch Großenhain nebst Eisessen um zehn Euro verteure. "Verstehen Sie mich nicht falsch! Mir geht es nicht um das Geld! Natürlich ist es ärgerlich, es bezahlen zu müssen, aber für mich ist es eher eine Frage des Prinzips", bekennt der Familienvater. Man könne nicht erst vollmundig ankündigen, dass das Parken kostenlos sei und dann im Nachhinein die Leute abzocken.

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Verständlicher Ärger, der im weitesten Sinne nachvollziehbar ist. Allerdings: Als die Stadtväter Ende Juni verkündeten, bis zum 31. Juli tatsächlich keine Parkgebühren mehr erheben zu wollen, machten sie keinen Hehl daraus, dass an derlei Großzügigkeit genau zwei Bedingungen geknüpft sind: Die Beschränkung des Parkens auf den Zeitraum von zwei Stunden und das Einlegen einer Parkscheibe.

Praktisch bedeutet das: Wer über den Frauenmarkt bummeln oder eben wie der nun leider aufgebrachte Elsterwerdaer ein Eis essen wolle, könne dies ganz in Ruhe und unbesorgt tun. Die Automaten auf der Naundorfer Straße, Berliner Straße, dem Hauptmarkt, dem Neumarkt, auf der Dresdner Straße, Schloßstraße und zwei auf dem Frauenmarkt, so Diana Schulze, seien gewissermaßen in den Sommerurlaub geschickt worden. Wie Großenhains Stadtsprecherin erklärt, müsse eben nur die Parkscheibe eingelegt werden - zur Selbstdisziplinierung. "Damit jeder Autofahrer mal in die Gunst der Stunde kommt, sollten zwei Stunden reichen, um ohne Lösen eines Scheins im Großenhainer Zentrum verweilen zu können", erklärt Diana Schulze.

Ein vorübergehender Nachlass, der freilich nicht von ungefähr kommt. Zwar würden die über jene acht Automaten eingenommenen Einnahmen in Höhe von gut 4.900 Euro letztlich am Ende des Jahres im Stadtsäckel fehlen. Aber die vergangenen Monate, in denen aufgrund der Coronapandemie sowohl Einzelhändler als auch Gastronomiebetriebe und nicht zuletzt die Besucher der Stadt selbst starke Einschnitte hinnehmen mussten, verdienten jetzt Unterstützung. Mit der Aktion solle Großenhain belebt und den lokalen Gewerbetreibenden wirtschaftlich unter die Arme gegriffen werden.

Zusätzlich wurde die öffentliche Beschilderung angepasst - hier am Hauptmarkt.
Zusätzlich wurde die öffentliche Beschilderung angepasst - hier am Hauptmarkt. © Foto: Thomas Riemer

Die Stadtverwaltung hat inzwischen nach einer Anfrage im Stadtrat nochmals den Werdegang der Information zur Aktion dargestellt. Demnach wären am 30. Juni alle acht Parkscheinautomaten mit einem Hinweisschild versehen worden, „das aber auch auf die Benutzung der Parkscheibe aufmerksam macht“. Um die Nutzung als Kurzzeitparkplatz kontrollieren und durchsetzen zu können, seien alle Parkplätze in der Innenstadt regelkonform mit entsprechenden Zusatzzeichen versehen worden. Bis auf zwei Ausnahmen wäre diese Beschilderung zum 1. Juli, an zwei Standorten am 6. Juli installiert worden. Kontrollieret wurde jedoch erst ab 5. beziehungsweise 6. Juli, „um noch etwas Zeit zur Gewöhnung an dieses System zu ermöglichen“, heißt es auf eine Anfrage der SZ.

Vorwürfe, die Stadt habe die Aktion unvollständig kommuniziert und das „Kleingedruckte“ weggelassen, weist das Rathaus entschieden zurück. Im Amtsblatt, auf der städtischen Homepage und in der Sächsischen Zeitung sei ausführlich und unzweideutig informiert worden. „Von ,nicht publiziert‘ könne also nicht die Rede sein. Eher leider von ‚nicht wahrgenommen oder überlesen‘“, heißt es in der Mitteilung.

Dass die Mitarbeiter des Vollzugsdienstes „hinterhältig“ Knöllchen ausstellen, um das Stadtsäckel zu füllen, sei „eine böswillige und ungerechtfertigte Unterstellung“. Dass auch samstags kontrolliert werde, wäre legitim, weil selbst am Wochenende Verkehrsregeln nicht ausgesetzt seien. Die Kritik sei umso bemerkenswerter, weil im vergangenen Jahr aus dem Stadtrat die Forderung kam, mehr zu kontrollieren – und dies auch an den Wochenenden. Vorher hätten auch Anwohner und Gewerbetreibende beklagt, dass sie ihre zugewiesenen Stellplätze oft nicht nutzen können. Nachdem der Stadtrat einer Personalaufstockung im Vollzugsdienst zustimmte, „konnte die zeitliche Streifentätigkeit auch tatsächlich ausgeweitet und der Auftrag des Stadtrates umgesetzt werden“.

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