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Wissen vermitteln wird zum Kraftakt

Auch Großenhains Schulen stellen sich auf weitere Wochen häuslichen Lernens ein. Eine Herausforderung, die gewaltig an den Nerven zerrt.

Nervig für Schüler, Eltern und Lehrer: Eine Internet-Suchmaschine weist nach der Eingabe von „Lernsax“ auf dem Bildschirm eines Computers auf eine Störung des sächsischen Online-Lernportals hin.
Nervig für Schüler, Eltern und Lehrer: Eine Internet-Suchmaschine weist nach der Eingabe von „Lernsax“ auf dem Bildschirm eines Computers auf eine Störung des sächsischen Online-Lernportals hin. © Foto: Norbert Millauer

Großenhain. Morgens halb zehn in Großenhain. Eine Pause vom Lernen braucht auch ein Großteil der Röderstädter Schüler an diesem Dienstagvormittag eigentlich noch nicht. Denn ebenso wie alle anderen Mädchen und Jungen im Freistaat dürften auch sie sich bis jetzt vergeblich darum bemüht haben, Zugang zur sächsischen Homeschooling-Plattform Lernsax bekommen zu haben. Die Geheimwaffe in Sachen Lernen am Küchentisch ist zum wiederholten Male wieder einmal nicht erreichbar.

Ein technisches Signal, welches angesichts der bevorstehenden Wochen nicht unbedingt Rückenwind verleiht. Den betroffenen Schülern ebenso wenig, wie deren Eltern und Lehrern. "Es gibt sicherlich keinen Pädagogen, der sich momentan nicht sorgenvoll mit der gegenwärtigen Situation beschäftigt", bekennt Thomas Jacobi.

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Wie der Leiter der Großenhainer Förderschule im SZ-Gespräch betont, mache er sich sehr intensive Gedanken um das Wohl seiner insgesamt 137 Schüler. Unterrichtet in den Klassen eins bis neun würden auch sie gegenwärtig ausnahmslos zu Hause beschult. Zumindest theoretisch. Denn praktisch nachzuvollziehen wie etwa im Präsenzunterricht seien der tägliche Wissenserwerb und die Art und Weise dessen freilich nicht. "Im Gegensatz zu anderen Schulen arbeiten wir immer noch nach dem altbewährten System. Da unsere Kinder aufgrund ihrer sozialen Herkunft teilweise gar nicht über die technischen Möglichkeiten verfügen, werden die Aufgaben für eine Woche entweder persönlich abgeholt, mit der Post verschickt oder die Schüler können sie sich von unserer Homepage herunterladen", erklärt Thomas Jacobi.

Im ersten Lockdown habe man natürlich schon vielfältige Erfahrungen gesammelt und auch gespürt, wie wichtig es sei, dass die Mädchen und Jungen eine Rückmeldung erhielten. Jeweils montags zwischen 8 und 12 Uhr könnten die erledigten Aufgaben in einer sogenannten Pendelbox im Foyer abgegeben und neue mitgenommen werden. Dass dabei nicht immer Qualität und Quantität das Herz der jeweiligen Lehrer höher hüpfen lassen, liege auch an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen selbst. "Ich mache mir vor allem deshalb Sorgen, weil für unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule von 7 bis 13 Uhr eine feste Struktur gewährleistet ist. In ihrem häuslichen Umfeld ist ein geregelter Tagesablauf nicht in jedem Fall gegeben, und viele Eltern werden auch an ihre Kapazitätsgrenzen geraten", befürchtet Thomas Jacobi.

Davon auszugehen, dass dieses neuerlich gebeutelte Schuljahr mit einem ganz normalen vergleichbar sein könnte, wäre schon deshalb völlig unrealistisch. Die größtenteils individuelle Aneignung von Lernstoff sei nicht mit einer durch professionelle Pädagogen vergleichbar und zu bewerten.

Etwas, was auch Sylvia Ufert plagt. Die Leiterin der ersten Grundschule hat viele ihrer Schüler schon ein paar Wochen nicht gesehen. Nachdem die Hälfte der Einrichtung Ende November bis Anfang Dezember in häuslicher Quarantäne verbleiben musste, hätten sich danach gewissermaßen gleich die vorgezogenen Weihnachtsferien angeschlossen. Die Zeit des gemeinsamen Lernens sei zwar gut für die Wiederholung und Festigung des bisher erlernten Unterrichtsstoffes gewesen. Aber letztlich für alle Beteiligten zu kurz. "Für unsere Kinder ist das wirklich eine schwierige Phase! Ihnen fehlen die täglichen Abläufe, ihre Lehrer als feste Bezugsgrößen, die Freunde und natürlich auch die Motivation", ahnt die erfahrene Pädagogin.

Sie macht indes keinen Hehl daraus, dass ihr die Mädchen und Jungen fehlten. Wissen zu vermitteln, ohne dass die Kinder ihr gegenüber sitzen würden, sei nicht gerade einfach. In der Endkonsequenz auch ein großer Kraftakt für die überwiegend berufstätigen Eltern, die trotz aller Hilfestellungen der Schule nach Feierabend unter die Arme greifen müssten. Denn zwar habe man sich inzwischen an die Arbeit mit Lernsax gewöhnt. Wenn es jedoch wie in den vergangenen Tagen immer wieder zu technischen Problemen käme, sei es gerade für die Grundschüler schwer, damit allein zurecht zu kommen. "Wir halten zwar mit unseren Kindern auch telefonisch Kontakt, und wer möchte, kann die Aufgaben in der Schule persönlich abholen. Aber mit normalen Schultagen sind all diese Bemühungen natürlich nicht vergleichbar", weiß Sylvia Ufert.

Insofern müsse man schauen, wie sich die künftigen Wochen entwickelten. Um den Lehrplan erfüllen zu können, müsse man dann auch überlegen, wie es mit neuem Unterrichtsstoff weitergehen solle - gerade für Grundschüler und ihre Eltern eine große Herausforderung.

Küche oder Wohnzimmer haben sich inzwischen wieder in ein Klassenzimmer verwandelt. Doch nicht selten ist die Abarbeitung der schulischen Aufgaben mit Problemen verbunden.
Küche oder Wohnzimmer haben sich inzwischen wieder in ein Klassenzimmer verwandelt. Doch nicht selten ist die Abarbeitung der schulischen Aufgaben mit Problemen verbunden. © Archivfoto: Norbert Millauer

Auch wenn es diese nicht trösten wird: Sie alle sind in ihrem Kummer gegenwärtig nicht allein! Auch ein paar Klassen darüber hapert es mächtig gewaltig. Besonders alle Jugendlichen, die in diesem Schuljahr ihren Abschluss machen wollen, verfolgen die Lage mit wachsendem Unbehagen. Und erst recht jene, die, wie Klaus Liebtrau, seinen Schülern zu diesem erfolgreichen Ende einer Schullaufbahn verhelfen möchte. Der Leiter des Großenhainer Werner-von-Siemens-Gymnasiums rechnet nach eigenem Bekunden damit, dass das Haus mindestens bis zum Monatsende nicht von allen Klassen besucht werden könne. Allerdings hoffe man auf die Rückkehr der Abiturienten, die dann mit einiger zeitlicher Verzögerung wenigstens ihr Vorabitur schreiben würden. "Sie müssen ja wenigstens wissen, wie sich das anfühlt und welche Atmosphäre während so einer schriftlichen Prüfung herrscht", gibt Klaus Liebtrau zu bedenken und atmet tief durch.

Nein, er wolle gar nicht verschweigen, dass ihm die Zwölfer am meisten Kopfzerbrechen bereiteten. Zwar habe man alles, was machbar gewesen sei, um verschiedene Leistungen einzubringen, rechtzeitig im Schuljahr veranlasst. Aber wer eben einmal daneben gegriffen habe, hätte momentan keine Chancen, sich zu verbessern. "Da müssen wir gucken und auch im Sinne aller anderen Mädchen und Jungen, wie sich die Dinge entwickeln. Der Lehrerberuf lebt ja nicht nur vom Lernstoff, sondern auch dem Miteinander mit den Schülern", ist sich der Schulleiter bewusst. Das Abitur 2021 solle trotz der besonderen Bedingungen durch die Corona-Pandemie keineswegs den Charakter eines notdürftigen Abschlusses erhalten. Und erst recht nicht den Anstrich eines billig erworbenen Geschenkartikels.

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