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Herr Kretschmer, haben Sie Angst vor 2021?

Nach dem letzten Arbeitstag vor dem Fest kaufte Sachsens Ministerpräsident noch seine Weihnachtsgans und plauderte dabei im sehr persönlichen Interview.

Jedes Jahr, selbe Zeit - und doch anders. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kauft seine Weihnachtsgans traditionell in Welxande. Dieses Mal holte er sie in Dresden bei den Marktschwärmern ab.
Jedes Jahr, selbe Zeit - und doch anders. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kauft seine Weihnachtsgans traditionell in Welxande. Dieses Mal holte er sie in Dresden bei den Marktschwärmern ab. © Foto: Kristin Richter

Dresden/Landkreis. Manchmal muss ein Mann nach Feierabend tun, was ein Mann tun muss. Auch dann, wenn ihn dabei sein Weg direkt aus der sächsischen Staatskanzlei in das Gewusel der Dresdner Neustadt führt. Allerdings: Nur dort, in einem Hinterhof, sind nun mal an diesem Dienstagabend die Marktschwärmer zu finden, welche frische Produkte aus der Region verkaufen. Andre Noack vom Hofgut Kaltenbach in Welxande wird dabei den Landeshauptstädtern zu jener Leckerei verhelfen, zu der auch Ministerpräsident Michael Kretschmer in diesem Jahr aufgrund der festgelegten Corona-Beschränkungen sonst nicht gekommen wäre: eine fünf Kilo schwere Gans.

Herr Kretschmer, eine noch so wohl geratene Gans macht auch 2020 noch keine perfekte Weihnachtsstimmung. Wie steht es mit dieser bei Ihnen?

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Ich habe mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, ob wir es tatsächlich schaffen, die Kontakte nachzuverfolgen und die angeordnete Quarantäne durchsetzen zu können. Das mag Sie jetzt wundern, aber für mich war das ein sorgenvoller Punkt. Bekommen wir das wirklich hin? Denn was nutzt ein Lockdown, wenn das alles keine Ergebnisse bringt? Dazu führte ich viele Gespräche mit Landräten und habe nun ein gutes Gefühl. Viele Menschen arbeiten engagiert über Weihnachten und werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um das Geschehen unter Kontrolle zu halten. Ich freue mich über meine gerade gekaufte Weihnachtsgans, die ich ja normalerweise in Welxande abgeholt hätte. Zurzeit müssen wir alle unseren Bewegungsradius einschränken. Auf diese Weise habe ich diesen Ort der Marktschwärmer kennengelernt.

Über welche Gemütsverfassung muss man verfügen, um angesichts der gegenwärtigen Problemsituation in Sachsen, die wohl einem anstrengenden Marathon gleicht, noch so gut gelaunt und entspannt wirken zu können, wie Sie es an diesem 22. Dezember tun?

Marathonlauf trifft es exakt! Zugegebenermaßen bin ich auch nicht immer entspannt, sondern ganz häufig auch sorgenvoll und innerlich alarmiert. Es liegen sehr viele schlaflose Nächte hinter mir! Und wenn ich aus einem der Krankenhäuser wie vergangene Woche aus dem Elblandklinikum in Meißen komme, einerseits mit all den dort tätigen Menschen gesprochen habe, welche rund um die Uhr für die Patienten im Einsatz sind, und andererseits um jene weiß, welche da auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen, lassen mich die Gedanken daran nicht los. Aber ich habe ein großes Vertrauen in all diese Menschen – Ärzte, Schwestern, Pflegekräfte – das sie ihre Sache hervorragend machen und alles tun, was nötig und möglich ist. Das lässt auch mich ein wenig beruhigter in dieses Weihnachtsfest gehen. Selbstverständlich ist mir dabei klar, dass wir es nicht komplett in der Hand haben und wir nicht alle Dinge beeinflussen können. Aber zumindest haben wir alles Menschenmögliche getan.

Wie sehr tut es Ihnen als Chef dieses Freistaates weh, dass sich die Farben der in unserer Zeitung täglich abgebildeten Infektionskarte einfach nicht optimistischer färben wollen? Wurmt das, nach Pegida, großen Polizeieinsätzen in Leipzig und einer Triage-Ankündigung aus Zittau nicht irgendwann doch mal, immer wieder für Gesprächsstoff in den Tagesthemen oder dem Heute-Journal zu sorgen?

In den vergangenen Monaten war mal ein Bundesland mehr betroffen, dann wieder ein anderes. Wir haben in Sachsen auch alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, und sehr viele Menschen in unterschiedlichen Berufsgruppen arbeiten hart dafür beziehungsweise müssen wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, um von den hohen Infektionszahlen runter zu kommen. Abgesehen davon gibt es Sondereffekte. Sachsen ist nun mal das Bundesland mit der ältesten Bevölkerung. Eine Million Menschen sind über 65 Jahre alt. Das gilt es, bei der Einschätzung und Bewertung immer zu betrachten.

Wie erklären Sie sich die zahlreichen Ausbrüche in den Seniorenheimen? Auch im Landkreis Meißen hat es gleich mehrere erwischt.

Leider! Das ist auch ein Punkt, der mich sehr beschäftigt. Denn wir haben von Anfang an versucht, gerade diese Altersgruppe, die hochbetagten und pflegebedürftigen Menschen, zu schützen. An klar und deutlich formulierten Regeln und Hygienekonzepten hat es dabei nicht gemangelt. Trotzdem kam es zu vielen Ausbrüchen. Aus diesem Grund haben wir die Seniorenheime jetzt für den Besucherverkehr geschlossen. Etwas, das wir eigentlich nicht tun wollten, weil wir doch möchten, dass die Angehörigen ihre Mutter, den Vater oder die Großeltern, Onkel und Tante regelmäßig besuchen dürfen. Das ist wichtig, erst recht in der Weihnachtszeit. Doch uns blieb jetzt angesichts der steigenden Infektionszahlen nichts anderes übrig. Eine Entscheidung, welche zwar für den Einzelnen bitter ist, aber gleichsam auch wieder ein Stück zur Lösung unserer Sorgen beitragen kann.

Am Donnerstag haben Sie sich dazu bekannt, eine dritte Welle nach den Feiertagen im Januar zu befürchten. Also immer noch zu viele Kontakte inmitten von Weihnachten und Silvester?

Das hat jeder Einzelne von uns selbst in der Hand! Eine dritte Welle könnte man letztlich nur verhindern, wenn keine Begegnungen zwischen Menschen mehr stattfinden würden. Und das ist etwas, was wir alle miteinander als Gesellschaft nicht wollen. Jeder Mensch ist aber für sich selbst verantwortlich und kann für sich entscheiden. Auch wir als Familie halten uns sehr zurück und haben unsere Kontakte deutlich reduziert. Das kann jeder Einzelne für sich und letztlich für alle tun. Deshalb sage ich klar und deutlich: Diese dritte Welle wird es geben! Aber wie hoch sie ausfällt, hängt von uns selbst ab!

Wie viele Stunden arbeiten Sie jetzt täglich?

Das kann ich nicht beziffern. Aber es sind schon sehr lange Tage.

Zugegebenermaßen war meine Frage jetzt ein wenig hinterhältig. Haben Sie sozusagen noch genügend Zeit, um die schulischen Aufgaben Ihrer Kinder im häuslichen Lernen zu begleiten? Das heißt, falls Sie zu Hause eine gute Internetanbindung haben ...

Also da sind wir tatsächlich gut dran. Vom Lernen selbst habe ich dann abends doch nicht mehr so viel mitbekommen. Aber ich bin auf dem Laufenden und werde stattdessen zu den haushaltsnahen Arbeiten herangezogen. Jetzt auch in den kommenden Tagen wird das wieder so sein, und das ist auch ganz gut so. Ich komme beim Kartoffelschälen auf andere Gedanken, und das entspannt mich.

Wenn Sie 2020 Revue passieren lassen, gibt es da auch noch andere Gedanken als Corona?

Ja, selbstverständlich! 2020 ist das Jahr, in dem meine Frau und ich geheiratet haben. Das wird uns ewig in Erinnerung bleiben, denn es war sehr schön und ein ganz toller Moment für uns beide und unsere Familie. Zudem ist es das Jahr, in dem der Freistaat es geschafft hat, die Landarztausbildung auf den Weg zu bringen. Das kostet viel Geld, aber es ist eine klare Prioritätensetzung für den ländlichen Raum. Und so gibt es viele andere positive Dinge. 2020 ist nicht nur Corona, auch wenn man dieses Jahr ganz gern ausbuchen wollte.

Ich hoffe weder, dass Sie einer gesundheitlichen Risikogruppe angehören, noch zählen Sie angesichts Ihres Alters zu jenen, die gleich sofort geimpft werden könnten. Darf sich da ein Ministerpräsident von Amts wegen vordrängeln?

Nein, das werde ich keinesfalls tun! Ich bin aufgrund meiner vielen direkten Kontakte in einer Risikogruppe mit Verkäuferinnen und Verkäufern. Das heißt, ich werde genau dann geimpft, wenn auch diese geimpft werden.

Aber ein Zutrauen in diese Art des Schutzes haben Sie?

Ja! Ich habe sogar ein großes Zutrauen in das Impfen, welches ich als Segen empfinde. Impfen ist für mich ein medizinischer Fortschritt, viele schlimme Krankheiten konnten deshalb in den Griff bekommen werden. Und das hoffen wir jetzt bei Corona auch.

Mit welchen Empfindungen denken Sie an das kommende Jahr? Eher mit Angst oder Zuversicht?

Auf keinen Fall Angst. Das wäre auch grundlegend falsch, denn Angst hemmt einen Menschen immer in seinem geistigen und praktischen Tun. Allerdings habe ich sehr wohl eine Sorge, was die ersten Monate des neuen Jahres anbetrifft. Danach wünsche ich mir jedoch, dass wir wieder eine gesunde Entwicklung in allen Lebensbereichen zurückbekommen. Um diese zu erreichen, wird auch der Ausgang der Bundestagswahl ganz entscheidend sein. Wir brauchen eine Regierung, welche die Leute mitreißt und die vermag, eine Aufbruchstimmung heraufzubeschwören. Genauso wie nach 1990. Neue Verordnungen oder Kredite werden nicht reichen, um all die Corona-Schulden zurückzuzahlen. Wir brauchen dafür Dynamik.

Nach 1990 gab es aber auch viele Menschen, die auf der Strecke geblieben sind! Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, wie das im Kreis von Gewerbetreibenden, Gastronomen und nicht zuletzt Kunst- und Kulturschaffenden nach der Pandemie aussehen könnte?

Wir müssen alles dafür tun, dass diese vielen Menschen, die in den vergangenen Jahren mit großer Mühe und unter Einsatz finanzieller Mittel ihre Existenz aufgebaut haben, nach der Besserung der Situation daran wieder anschließen können. Wir werden sicherlich nicht alles wirtschaftlich und ideell ausgleichen können. Aber wo immer es geht, werden wir das tun!

Herr Kretschmer, bevor ich Ihnen jetzt ein frohes Fest wünschen darf, verraten Sie mir doch noch bitte, wo und wie Sie dieses verbringen werden! Im kleinsten Kreis, nehme ich an, oder?

Ganz genau, so wird es sein! Ich freue mich sehr auf Weihnachten, das wir zu Hause verbringen werden. Mit den Kindern schmücke ich traditionell am Vormittag des Heiligen Abends den Weihnachtsbaum, und da ich ja nun dank Herrn Noack im Besitz einer stattlichen Gans bin, werde ich da in der Küche zubereitend mein Bestes geben. Ach ja, und bevor Sie mich wie in den anderen Jahren auch fragen, antworte ich lieber gleich freiwillig: Ja, ich habe ein Geschenk für meine Frau!

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