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Kinderschuhe vor den Rathäusern

"Öffnet die Schulen und Kindereinrichtungen": Eltern folgen dem Internet-Aufruf und solidarisieren sich mit dem Protest, der in Aue begonnen hat.

Wie in anderen Orten im Landkreis wurden gestern auch vor dem Rathaus in Radebeul Kinderschuhe als Protest gegen die erneute Schließung der Kitas und Schulen abgestellt.
Wie in anderen Orten im Landkreis wurden gestern auch vor dem Rathaus in Radebeul Kinderschuhe als Protest gegen die erneute Schließung der Kitas und Schulen abgestellt. © Silvio Kuhnert

Landkreis Meißen. Nachdem im Erzgebirge seit Samstag zahlreiche Eltern in verschiedenen Städten gegen die geplanten Kita- und Schulschließungen am Montag protestieren und Kinderschuhe vor die Rathäuser stellen, zogen auch Eltern in Großenhain und anderen Orten des Landkreises nach. Ebenso wie im Erzgebirgskreis, wo die Inzidenz wie hier an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über einhundert lag, müssen sich auch die Kommunen im Landkreis der Corona-Schutzverordnung beugen. „Ab vor die Rathäuser und vors Landratsamt! So viele Kinderschuhe wie möglich bis Montag“ , heißt es in den sozialen Medien.

„Es muss was passieren“, sagen die Eltern, die am Sonntagmittag in Großenhain dem Aufruf gefolgt sind: ein Paar und eine Mutter mit ihrem Kind. Sie will nicht namentlich genannt werden, weil sie im öffentlichen Dienst arbeitet. Aber ihre Wut ist genauso groß wie die Zeilen, die hier schon vor dem Rathaus zuhauf auf selbst gemalten und gedruckten Plakaten stehen. Dazu Dutzende Kinderschuhe, auch Spielzeug. Sogar ein Süßigkeiten-Körbchen für die Kinder, die mitkommen, steht bereit.

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„Alle Kinder sind systemrelevant“, steht auf einem der Zettel. Und: „Kinder brauchen eine Zukunft!“. Die Mutter, die mit ihrer Tochter gekommen ist, versteht nicht, warum den Jüngsten das angetan wird. „Es reicht, ihr zerstört die Zukunft unserer Kinder“, sagt sie und nimmt damit auf ein Plakat Bezug. „Die Menschen sterben hier nicht wie die Fliegen, dass das gerechtfertigt wäre“, sagt sie. Die Mutter, die als Erzieherin arbeitet, sagt, dass auch vor der Priestewitzer Gemeindeverwaltung Schuhe abgestellt wurden. Ebenso wie u.a. in Riesa, Coswig, Meißen, Radebeul, Lommatzsch.

Wofür wurde getestet?

Die Vielzahl von Schildern, Zetteln und kleinen Plakaten hat auch Großenhains Oberbürgermeister bereits am Vormittag gesehen. Wie Sven Mißbach (parteilos) im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung betont, könne er die Eltern der Kinder, welche seit dem frühen Morgen vorm Rathaus verschiedene Zeichen des Unmuts ablegen, absolut verstehen. Nicht zuletzt in seiner Eigenschaft als Vater sei für ihn die Enttäuschung über die jüngste politische Entscheidung durchaus nachvollziehbar.

„Nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch Verantwortungsträger in Schulen und kommunalen Verwaltungen fragen sich inzwischen, weshalb wir dann überhaupt für viel Geld in der vergangenen Woche landesweit Testungen durchgeführt haben“, erklärt Sven Mißbach. Im Fall eines positiven Ergebnisses würden doch ohnehin Einrichtungen geschlossen. Dass sie es nun angesichts der Inzidenz von einhundert und mehr bereits schon vorsorglich tun müssten, sei bitter und nicht mehr zu verstehen.

Eine Gemütslage, so Sven Mißbach, die er im Übrigen mit seinen Amtskollegen im Landkreis teile. Am Freitag habe man in einer Videokonferenz mit Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) auf den Ernst der Situation und die Stimmung in der Bevölkerung hingewiesen. Darüber hinaus wäre ein gemeinsamer Brief an den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) verfasst worden, in welchem eindringlich für einen Umdenkungsprozess bei der Bewältigung der Pandemie geworben werde.

Sichere und pragmatische Lösungen finden

Es müssten angesichts wieder stark steigender Inzidenzen sichere, aber vor allem auch angemessene und pragmatische Lösungen für Einzelhändler, Kulturschaffende, Gastronomen, die Vertreter der Tourismusbranche sowie für Kindereinrichtungen und Schulen gefunden werden. „Die Verzweiflung, Enttäuschung und Ohnmacht der Menschen nimmt immer mehr zu. Es müssen aus meiner Sicht dringend neue Mechanismen erarbeitet werden, die ein hohes Maß an Schutz vor dem Virus, aber dennoch eine Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens garantieren“, betont Sven Mißbach.

Bereits am Freitagabend hatte auch Radeburgs Bürgermeisterin Michaela Ritter (parteilos) die Art und Weise der erneuten Schließung von Schulen und Kitas auf Facebook kritisiert: „Wie zahlreichen meiner Kollegen fehlt mir jegliches Verständnis dafür, dass die Entscheidung für die Schließung von Kindereinrichtungen und Schulen im Landkreis Meißen am Freitagnachmittag durch den Freistaat verkündet wird und ab Montag früh gelten soll.“ Wieder seien eine ordentliche Vorbereitung, ausführliche Information des Personals und der Eltern und eine Abstimmung der betroffenen Eltern mit ihren Arbeitgebern nicht möglich. „Und leider erhalten die Städte und Gemeinden solche wichtigen Informationen, für deren Umsetzung sie dann verantwortlich sind, über eine Pressemitteilung. Krisenmanagement geht anders! Und Kommunikation unter Partnern auf Augenhöhe auch.“ Vor dem Rathaus der Zille-Stadt waren bis Sonntagnachmittag keine Schuhe gestellt worden.

Im Eingang zum Großenhainer Rathaus und auch davor haben Eltern bereits am Sonnabend und Sonntag Kinderschuhe und Protestplakate gegen die Schul- und Kitaschließungen aufgestellt.
Im Eingang zum Großenhainer Rathaus und auch davor haben Eltern bereits am Sonnabend und Sonntag Kinderschuhe und Protestplakate gegen die Schul- und Kitaschließungen aufgestellt. © Kathrin Krüger
Protest gegen Kita- Schulschließungen gab es auch vor dem Rathaus auf dem Markt in Meißen.
Protest gegen Kita- Schulschließungen gab es auch vor dem Rathaus auf dem Markt in Meißen. © Claudia Hübschmann
Am gab es auch in Lommatzsch die Aktion mit dem ablegen von alten Kinderschuhen vor dem Rathaus.
Am gab es auch in Lommatzsch die Aktion mit dem ablegen von alten Kinderschuhen vor dem Rathaus. © Gerhard Schlechte

Anders in Coswig. Auf den dortigen stillen Protest von Eltern reagierte OB Thomas Schubert (parteilos) am Nachmittag auf seiner offiziellen Facebook-Seite: Dort wendet er sich an die betroffenen Eltern, die sich große Sorgen um die Bildung und Zukunft ihrer Kinder machen. „Das Rathaus ist die falsche Adresse des Protestes. Ich und mehrere andere Bürgermeisterinnen und Oberbürgermeister des Landkreises Meißen sowie die Beigeordnete des Kreises Frau Putz haben sich am Freitag im Rahmen einer Videokonferenz über die falsche Entscheidung bei Frau Staatsministerin Köpping beschwert. Es war aber kein Wille da, die aktuelle CoronaSchVO kurzfristig so anzupassen, dass lokal nach Betroffenheit Schulen oder Kitas geschlossen oder geöffnet werden dürfen.“

Kinder wollen gemeinsam lernen

In Coswig gebe es kaum Betroffenheit in den Schulen und Kitas, sodass er bei regelmäßiger Testung für eine Öffnung plädiert habe. Auch in der Radeburger Oberschule und der Kurfürst-Moritz-Oberschule in Boxdorf gab es bei den Corona-Selbsttests am Mittwoch und Donnerstag keine positiven Fälle.

OB Thomas Schubert verweist ebenfalls auf den Protestbrief an den Ministerpräsidenten. „Ihr Protest gehört vor die Tür der Staatsregierung und nicht vor das Rathaus“, schreibt er weiter. „Die entscheidet allein zu Öffnung und Schließung.“ Den Rathauseingang werde er am Montag sicher beräumen müssen. „Ich stelle mich voll und ganz auf die Seite der Eltern, die die Schul- und Kitaöffnung fordern. Allen anderen Protesten zu Maske, Impfung, Testung etc. kann ich mich nicht anschließen.“

Auch vor das Radebeuler Rathaus kamen seit den Vormittagsstunden immer wieder Eltern mit ihren Kindern. Sie legten Schuhe und selbst gebastelte Plakate ab. „Wir sind mit den Nerven am Ende. Die Kinder sind unglücklich“, sagt Frau Preißler. Ihr fällt es immer schwerer, Arbeit und Heimunterricht für ihre elfjährige Tochter unter einen Hut zu bringen. „Wir lassen uns täglich freiwillig testen. Warum kann meine Tochter nicht zur Schule gehen, wenn das Ergebnis negativ ist?“, fragt Preißler. An ihrem Arbeitsplatz funktioniere das doch auch. „Wir können unsere Kinder nicht mehr zurückhalten, Sie wollen lernen“, meinen weitere Eltern.

Rathäuser sind die falsche Adresse

Wie Fotos auf der Facebookseite Klipphausen zu entnehmen ist, haben Eltern am Wochenende den Zaun vor der Grundschule Burkhardswalde mit Luftballons und selbst gemalten Schildern geschmückt. Auf einer Papptafel ist zudem zu lesen: Sachsens Schulen seien weder Treiber noch Hotspots der Pandemie. Trotzdem müssten sie schließen. Dagegen sollte ein Zeichen gesetzt und alte Kinderschuhe vor dem Meißner Rathaus abgelegt werden. CDU-Gemeinderat Carsten Hahn nannte den Aufruf in einem Kommentar „eine gute Aktion“. Allerdings sei das Meißner Rathaus die falsche Adresse.

Die Meißner CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge schrieb: „Es ist gut, friedlich ein Zeichen zu setzen! Ich habe da vollstes Verständnis! Aber leider ist es in der aktuellen Coronaverordnung so geregelt. Nach den Ferien wird dieser Passus hoffentlich nicht mehr drin sein!“

Vor das Rathaus in Meißen kamen zum Ablegen der Kinderschuhe am Sonntag geschätzt 50 Leute. Alle demonstrativ ohne Maske, viele Kinder. Polizei zeigte sich nicht.

Keine pauschalen Schließungen

In Lommatzsch wurde die Aktion von Anja Kuhnert und Susan Haferkorn. "Wir können nicht mehr nur zusehen, wir müssen etwas tun. Wer anderes als die von den Schulschließungen betroffenen Eltern sollte das machen?", fragt Anja Kuhnert. Die 32-jährige Lommatzscherin ist Mutter zweiter Kinder. Die Tochter geht in die 1. Klasse der Grundschule, der einjährige Sohn ist noch zu Hause. "Ich habe das Glück, in Elternzeit zu sein, aber viele Mütter und Väter leider noch mehr als ich unter der gegenwärtigen Situation. Wir kämpfen für unsere Kinder, verlangen, dass die Kindereinrichtungen, Schulen und der Hort geöffnet werden, damit unsere Kinder ihre Freunde sehen, spielen und Spaß haben können. Sie haben ein Recht auf Bildung ", sagt sie.

Die Maßnahmen der Regierung zu Corona-Bekämpfung würden nicht wirken, dennoch würden sie ständig verlängert oder wieder aufgenommen. "Man kann doch nicht einfach die Schulen schließen, sondern muss individuell entscheiden, was richtig und wichtig ist", so die Lommatzscherin. Weder in der Lommatzscher Grund- noch in der Mittelschule habe es einen Coronafall gegeben. "Und wenn es doch mal passiert, muss man doch nicht gleich die ganze Schule dicht machen, sondern eben nur die betroffene Klasse in Quarantäne schicken", sagt sie und weiß doch, dass die Stadt der falsche Ansprechpartnerin ist. "Wir wollen aber auf unsere Situation aufmerksam machen und hoffen auf Unterstützung von der Stadtverwaltung", sagt sie.

Nicht nur Kinderschuhe wurden vor dem Lommatzscher Rathaus abgestellt, sondern auch zahlreiche Plakate, auf denen Eltern gegen die erneuten Schließungen protestierten.
Nicht nur Kinderschuhe wurden vor dem Lommatzscher Rathaus abgestellt, sondern auch zahlreiche Plakate, auf denen Eltern gegen die erneuten Schließungen protestierten. © Gerhard Schlechte

"Es ist die pure Verzweiflung"

Die bekommen die Eltern auch, versicherte am Sonntagabend Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP). "Ich kann die Eltern verstehen, es ist die pure Verzweiflung", sagt sie. Die Schulschließungen ergäben sich aus den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes. Sie hält diese pauschalen Vorgaben für falsch. "Wir müssen weg von den Inzidenzzahlen, denn sie sagen überhaupt nichts aus. Wir wissen, wer sich wo infiziert, wir wissen nicht, wie viele Leute getestet werden, wir wissen nicht, ob die Infizierten schwere Verläufe oder gar keine Symptome haben", sagt sie. In einer kleinen Stadt wie Lommatzsch würden schon wenige Fälle die Inzidenz in die Höhe treiben. Viel wichtiger sie doch die Entwicklung der Todeszahlen und die Zahl der Intensivpatienten.

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"Wir müssen aufpassen, dass wir beim Schutz der Bevölkerung nicht auf der anderen Seite viel schwerere Schäden verursachen", mahnt die Bürgermeisterin. Es komme jetzt darauf an, nach Ostern in den Schulen intensiv zu testen und geeignete Maßnahmen zu finden, um die Schulen offenzuhalten. "Die Eltern sind mit ihrer Kraft und Geduld am Ende", sagt sie.

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