merken
PLUS Großenhain

Als Großenhain unter Wasser stand

Am 28. September 2010 brach die Flut über die Stadt herein. Das Umland traf es schon früher. Der Streit, ob rechtzeitig gewarnt wurde, dauert bis heute an.

In der Nacht zum 29. September 2010 wurde das Ärztehaus an der Weberallee überflutet.
In der Nacht zum 29. September 2010 wurde das Ärztehaus an der Weberallee überflutet. © Klaus-Dieter Brühl

Großenhain. Das Hochwasser kam zwischen Bauernmarkt und Einheitsfeiertag. Es war die zweite Naturkatastrophe, die Großenhain im Jahr 2010 nach dem Tornado ereilte. Kenner sprachen von der schlimmsten Flut in der Stadt seit 30 Jahren. Selbst das Jahrhunderthochwasser 2002 war in Großenhain glimpflicher abgelaufen. 

Dabei war man eigentlich am 27. September, einem Montag, schon vorgewarnt. Es hatte lange anhaltend geregnet. Der Pegel in Großraschütz am BTZ der Handwerkskammer erreichte mit über zwei Metern Wasserstand schon die Warnstufe zwei. Im Stadtbauhof wurden vorsorglich 600 Sandsäcke gefüllt, drei Mal täglich kontrollierten Stadtmitarbeiter die Röder.

Anzeige
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner

Die sportlich elegante 29er Casual aus dem Hause Mühle-Glashütte gibt es ab sofort in der auf 300 Stück limitierten Sonderedition „30 Jahre Deutsche Einheit“.

Doch dann ertönten in den frühen Morgenstunden des 28. September die Sirenen. Der Landrat hatte Katastrophenalarm ausgelöst. Mittlerweile war in Großraschütz an der Flutrinne die höchste Warnstufe vier erreicht. Teile des BTZ standen unter Wasser, so wie am Tag vorher schon der Park am Kinderheim in Walda. Oder Röderanlieger in der Gemeinde Ebersbach.   

Viele Großenhainer erinnern sich mit Schrecken, wie das Wasser immer näher an die Grundstücke kam, wie Feuerwehr und Rettungskräfte im Dauereinsatz waren und Sandsäcke verteilten. Ausbilder Jörg Smykalla aus dem BTZ weiß noch, wie etwa 25 Lehrlinge nach Dresden evakuiert werden mussten. Peter Dreßler sieht vor sich noch die Röder am Wehr der Waldaer Schlossmühle kontinuierlich steigen. Bernd Franke weiß noch, wie er im Katastrophenteam fieberhaft die Hilfskräfte bei ihren Einsätzen koordinierte. 

Am 29. September erreichte die Röder, die sonst etwa 80 Zentimeter hoch ist, einen Wasserstand von 3,17 Metern. Doch nicht nur sie machte Probleme. "In der Nacht zum 28. September war die Flutrinne entgegen der Prognosen des Krisenstabs derartig vollgelaufen, dass sich das Wasser an den Brücken staute und letztlich am Wiesenweg auf die Weberallee übertrat", berichtete die SZ damals. 

Dort stehen den Mietern bei Schmidt-Montagen noch die Bilder vor Augen, die am nächsten Morgen auch in der SZ waren: die in der Überflutung stehenden Fahrzeuge der Diakonie, die aufgrund der fehlerhaften "Entwarnung" niemand weggefahren hat. Die Feuerwehrleute im Schlauchboot bei einer Kontrollfahrt. Die Schläuche, die ohne Unterlass Wasser in die schon volle Röder pumpten. Das Wasser in der Arztpraxis von Sabine Kliem, die nach dem zerstörten Haus beim Tornado nun auch ihre berufliche Existenz gefährdet sah. Die Stege, die von der Baufirma Morgenroth angelegt wurden, damit die Mieter von Schmidt-Montagen über ihren Hof gelangen konnten. 

Wie hier an der Kleinraschützer Straße waren viele Zufahrten nicht mehr passierbar. 
Wie hier an der Kleinraschützer Straße waren viele Zufahrten nicht mehr passierbar.  © Klaus-Dieter Brühl
Der Seiteneingang zum BTZ mit Blick auf die Straße. Am Pegel war die Höchstwarnstufe festgestellt worden. 
Der Seiteneingang zum BTZ mit Blick auf die Straße. Am Pegel war die Höchstwarnstufe festgestellt worden.  © Klaus-Dieter Brühl
Im Stadtbauhof wurden am 27. September schon vorsorglich viele Sandsäcke zusammengepackt. 
Im Stadtbauhof wurden am 27. September schon vorsorglich viele Sandsäcke zusammengepackt.  © Klaus-Dieter Brühl
Bernd Franke musste als Chef des Katastrophenstabes den Überblick über die Einsätze behalten.
Bernd Franke musste als Chef des Katastrophenstabes den Überblick über die Einsätze behalten. © Klaus-Dieter Brühl
Auch die unteren Wohnungen in der Albertmühle waren betroffen, die Pumpen liefen Tag und Nacht. 
Auch die unteren Wohnungen in der Albertmühle waren betroffen, die Pumpen liefen Tag und Nacht.  © Klaus-Dieter Brühl
Weil in der Nacht zum 29. erst Entwarnung gegeben wurde, dann die Flut kam, blieben diese Autos stehen.
Weil in der Nacht zum 29. erst Entwarnung gegeben wurde, dann die Flut kam, blieben diese Autos stehen. © Klaus-Dieter Brühl
Einwohner von Schmid-Montagen in der Weberallee mussten evakuiert werden. 
Einwohner von Schmid-Montagen in der Weberallee mussten evakuiert werden.  © Klaus-Dieter Brühl
In Windeseile wurden Laufstege in dem Wohnkarree errichtet. 
In Windeseile wurden Laufstege in dem Wohnkarree errichtet.  © Klaus-Dieter Brühl
Die Feuerwehrleute, hier bei einer Pause an der Weßnitzer Straße, waren im Dauereinsatz. 
Die Feuerwehrleute, hier bei einer Pause an der Weßnitzer Straße, waren im Dauereinsatz.  © Klaus-Dieter Brühl

Objektverwalterin Margit Werner hat damals kaum geschlafen. Sie hatte sich während der Flut von den Behörden eine bessere Information gewünscht. Schon Ende September kamen Zweifel am Krisenmanagement auf. Die Landestalsperrenverwaltung hatte damals nach eigener Angabe die Kommunen ab 27. September mittags im Zwei-Stunden-Takt per Fax informiert, welche Wassermengen aus dem Radeburger Stausee abgelassen wurden. Auch der frühere Großenhainer Bürgermeister Burkhard Müller widersprach dem. Ob die Betroffenen rechtzeitig gewarnt wurden, ist bis heute nach SZ-Informationen Streitthema vor Gericht. Denn es entstand erheblicher Schaden. 

Kritik kam damals auch von der Öffentlichkeit. Große und Kleine Röder - auch sie waren in Koselitz stark über die Ufer getreten - seien bald 30 Jahre weder beräumt, noch seien Dämme  instandgesetzt und die vorgeschriebenen Durchflussmengen eingehalten worden. Allerdings hatten ABM-Kräfte im Auftrag der Stadt seit 2005 etwa 35 Kilometer Bäche und Gräben freigeräumt. 

Weiterführende Artikel

Wird die Große Röder noch geräumt?

Wird die Große Röder noch geräumt?

In Großenhain ist der Fluss stark bewachsen. Die Flussmeisterei Riesa sagt, es habe schon Krautungen als Hochwasserschutz gegeben.

Noch 2009 war ein Konzept zum Hochwasserschutz an der Großen Röder vor Großenhain von der Landestalsperrenverwaltung vorbereitet worden. Danach sollten die Wiesen links und rechts des Röderneugrabens zwischen Martin-Scheumann-Straße und Folbern als Polderflächen genutzt werden. 472 Hektar könnten demnach bei Hochwasser gezielt geflutet werden, auch Dämme sollten neu gebaut bzw. ertüchtigt werden. Rund zwei Millionen Kubikmeter Röderwasser könnte so aufgenommen werden. Doch die Landwirtschaft lehnte die Polderflächen ab. Die Juni-Flut 2013 ging allerdings glimpflicher in Großenhain ab. Das Büro- und Ärztehaus Weberallee war diesmal besser geschützt.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Großenhain