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Als Olympia nach Großenhain kam

In Tokio beginnen am Freitag die Olympischen Sommerspiele. Im Museum blickt man 85 Jahre zurück, als auf dem Hauptmarkt die Fackeln brannten.

Der olympische Kessel in Japan. Hier sollten schon im Vorjahr die Spiele stattfinden - wurden wegen Corona auf 2021 verschoben. Sie waren der Anlass für den Vortrag im Großenhainer Museum zum Fackellauf von 1936.
Der olympische Kessel in Japan. Hier sollten schon im Vorjahr die Spiele stattfinden - wurden wegen Corona auf 2021 verschoben. Sie waren der Anlass für den Vortrag im Großenhainer Museum zum Fackellauf von 1936. © Kim Kyung-Hoon/POOL Reuters/AP/dpa

Großenhain. Die 29. Olympischen Sommerspiele werden am Freitag im japanischen Tokio feierlich eröffnet. Wie jedes Mal, wird aus Olympia in Griechenland das Feuer durch viele Länder an den Austragungsort getragen. In Fukushima startete im März der Fackellauf über die Insel bis zur Hauptstadt.

In Großenhain geht dabei der Blick besonders der Älteren 85 Jahre zurück. Am 20. Juli 1936 begann der erste Fackelstaffellauf der Neuzeit zu den 11. Olympischen Spielen in Berlin. Am 20. Juli 2021 lud das Museum Alte Lateinschule deshalb einen Mann ein, der wie kaum ein anderer in Deutschland die Geschichte dieses historischen Ereignisses erforschte: Diethard Hensel aus Koselitz.

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Der 68-Jährige hat ein inzwischen vergriffenes Buch über dieses sportgeschichtliche Großereignis geschrieben. Mit seinem fundierten Wissen hilft er den Sportmuseen in ganz Deutschland. Er gewann in Peking 2008 selbst eine Silbermedaille - bei der Olympiade für Sammler. Der Philatelist verfügt über eine erstaunliche Kollektion originaler Zeugnisse von 1936, die er in Großenhain präsentierte. Woher Hensel all das hat, verrät er aber nur in Einzelfällen.

Diethard Hensel hielt im Museum den Vortrag zum Fackellauf 1936 anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Berlin.
Diethard Hensel hielt im Museum den Vortrag zum Fackellauf 1936 anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Berlin. © Kathrin Krüger

Elf Tage nach der Entzündung der Flamme in Olympia, am 31. Juli 1936, verlief der Fackellauf auch durch Großenhain. Die Läufer, die die olympische Flamme abschnittsweise unter großer Anteilnahme vorwärts trugen, kamen seinerzeit aus Meißen und trugen die Flamme auf der B 101 Richtung Frauenhain weiter.

Hartmut Jannaschs Vater Hans war dabei - Bilder berichten davon. In der Sportausstellung im Museum 2019 erkannte auch Anneliese Heerde auf einem Foto ihren Vater Kurt wieder, der 1936 ebenfalls als Fackelläufer teilnahm - ebenso wie ihr Sportlehrer Fritz Mattke. "Ich hab noch den Fackelhalter und sogar ein Stück Fackelstumpf", sagt Anneliese Heerde.

Gleiches kann Hartmut Jannasch behaupten. 2019 konnte das Museum den Fackelhalter aus Kruppstahl mit Eingravierung von Max Zschiesche erwerben. 22 Läufer waren es insgesamt, die die 22 Kilometer lange Teilstrecke von Gävernitz bis zum Pfeifholz absolvieren durften. "Jeder lief einen Kilometer und musste ihn in fünf Minuten schaffen", weiß Diethard Hensel.

Auch sein Großvaters Alfred war Begleiter eines Fackelläufers. Doch erst nach der Wende begann sich der Enkel, mit der Geschichte zu befassen. Wie ambivalent der von den Nazis inszenierte Lauf war, lassen schon die Pioniere seiner Wiedergeburt nach 1500 Jahren erahnen. Diethard Hensel fand heraus, dass es die Juden Carl Diem und Alfred Schiff waren, die Anfang der 1930er Jahre den Fackellauf nach historischem Vorbild wieder ins Spiel brachten.

So kam es dann auch, wie der Koselitzer in seinem Vortrag erklärte: Über 3.000 Läufer bestritten die 3.187 Kilometer durch sieben Länder. Wo das olympische Feuer Sachsen erreichte - im ostdeutschen Hellendorf an der tschechischen Grenze - wurde erstaunlicherweise noch 1957 ein Gedenkstein eingeweiht. 2004 wurde er erneuert.

Das waren die Großenhainer Fackelträger 1936.
Das waren die Großenhainer Fackelträger 1936. © Foto: Museum Alte Lateinschule

So manche Anekdote aus dem Hintergrund erfuhren die zahlreichen Vortragsbesucher, die teilweise auch von weiter weg kamen. Zum Beispiel die, dass rund 4.000 Fackelhalter hergestellt wurden, von denen etliche auch an Prominente gingen. Nur zwei Frauen durften in ganz Deutschland den Lauf begleiten: in Bad Gottleuba.

Einer Händlerin aus Passau gelang es in Dresden, mit einer Kerze die Flamme bei einem Staffelwechsel für sich abzuzweigen. Zwei Abschnitte des Fackellaufes wurden aus organisatorischen Gründen zwei Mal zurückgelegt: über die Brücke in Meißen und Unter den Linden in Berlin.

Am Gasthof Gävernitz begann die 14. Etappe, die Läufer Willy Nicklisch an jenem letzten Julitag um 20.30 Uhr startete. Gelaufen wurde ja rund um die Uhr. 21.10 Uhr traf die Flamme auf dem Großenhainer Hauptmarkt, damals Adolf-Hitler-Platz, ein. Bürgermeister Dr. Bernhardt entzündete zwei Feuerschalen, die noch bis in den nächsten Tag hinein brannten. Eine Feierstunde war hier aber nicht geplant. Laut Diethard Hensel fuhr immer ein Begleitfahrzeug mit einer Ersatzfackel hinter dem jeweiligen Läufer her.

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Diethard Hensels Sammlung mit wertvollen Originaldokumenten.
Diethard Hensels Sammlung mit wertvollen Originaldokumenten. © Kathrin Krüger
Diese Broschüre zum Vortrag brachte der Koselitzer zum Verkauf mit.
Diese Broschüre zum Vortrag brachte der Koselitzer zum Verkauf mit. © Kathrin Krüger
Der olympische Fackellauf 1936 erreichte Großenhain.
Der olympische Fackellauf 1936 erreichte Großenhain. © Diethard Hensel
22 Kilometer führte das historische Großereignis durch die Region.
22 Kilometer führte das historische Großereignis durch die Region. © Diethard Hensel

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