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Mutmaßlicher Kaufland-Einbrecher schweigt

Bei der zweiten Verhandlung im Fall des Kaufland-Einbrechers von Großenhain wird klar: Marko S. war in Geldnot, frönte dem Spiel im Online-Casino und liebt Audis.

Von Thomas Riemer
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Wie schon am ersten Verhandlungstag vor einer Woche nahm der Angeklagte im Kaufland-Prozess von Großenhain nach Abnahme der Handfesseln Platz im Gerichtssaal und hüllt sich weiter in Schweigen.
Wie schon am ersten Verhandlungstag vor einer Woche nahm der Angeklagte im Kaufland-Prozess von Großenhain nach Abnahme der Handfesseln Platz im Gerichtssaal und hüllt sich weiter in Schweigen. © Archiv/Alexander Schneider

Dresden/Großenhain. Die FFP2-Maske verrät nichts über die Gefühlswelt von Marko S. Nichts darüber, ob er darunter lächelt, innerlich flucht oder auch nur nachdenkt. Nur hin und wieder geht der Blick der schmalen Augen ins Publikum im Saal A1-164 des Dresdner Landgerichts. Dann formt er mit beiden Händen ein Herz und schickt es in den Raum.

Marko S. sitzt seit einer Woche vor dem Richter. Ein Jahr und vier Monate nach dem spektakulären Einbruch in die Großenhainer Kaufland-Filiale ist er angeklagt, im September 2020 - wahrscheinlich mit einem oder mehreren Komplizen - über das Dach in die Einrichtung eingestiegen zu sein.

Dort wurde ein Geldautomat aufgebrochen. Das darin befindliche Bargeld in Höhe von rund 122.000 Euro ist seitdem verschwunden. Zusätzlich entstand am Geldautomat ein Schaden von knapp 25.000 Euro. Kaufland beklagt zudem 10.000 Euro Schaden an seiner Einrichtung.

Mehrere Hausdurchsuchungen in Sachsen-Anhalt

Auch zum zweiten von voraussichtlich fünf Verhandlungsterminen hält der 48-jährige Angeklagte an seiner "Taktik" fest - und schweigt. Das Gericht hingegen fährt erste scharfe Geschütze auf. Denn auf einem Werkzeug, das wenige Tage nach dem Einbruch in der Röder nahe dem Tatort gefunden wurde, hatten die Ermittler DNA-Spuren von Marko S. festgestellt. Ein genetischer Fingerabdruck auf der verbrauchten Trennscheibe eines Winkelschleifers.

Es erfolgten mehrere Hausdurchsuchungen in verschiedenen Objekten in der Nähe von Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Ins Visier rückten dabei unter anderem S.' Noch-Ehefrau sowie deren neuer Lebensgefährte Thomas H. Sie wurden am Morgen von Kriminalbeamten überrascht. Als der Lebensgefährte die drei Kinder in die Schule bringen wollte, wurden die Polizisten auf einen weinroten Audi aufmerksam.

Im Kofferraum fanden sie schließlich Werkzeuge, einen Winkelschleifer, eine Strickleiter, Trennscheiben, Handschuhe, im Handschuhfach zwei Walkie-Talkies. Das Paar konnte sich zunächst nicht erklären, wie die Gegenstände dorthin gekommen sind. Doch Thomas H., der Lebensgefährte, räumt, befragt als Zeuge, später ein, dass seine Partnerin "die Werkzeuge ins Auto gelegt hat ohne mein Wissen".

Grund sei die Auflösung einer Garage gewesen, sodass die Utensilien irgendwo untergebracht werden mussten. Thomas H. sei in seiner Handwerkerfirma auf das Werkzeug angewiesen. Die Walkie-Talkies wiederum seien Spielzeug der Kinder. "Die liegen überall rum", so H.

An anderer Stelle des Verfahrens geht es um Geld, Online-Spielcasino und Autos. Und das, obwohl Marko S. dem Vernehmen nach arbeitslos ist und offenbar schon lange keiner Arbeit nachgeht. Trotzdem gab er sich zuweilen als großer Mann aus, wenn er mit 500-Euro-Scheinen bezahlte.

Weitere Verhandlungstage stehen aus

Das zumindest gibt ein weiterer Zeuge zu Protokoll, der mit der Schwester von S.' Noch-Ehefrau verheiratet ist. Bei diversen Telefonaten der Frauen habe er mitgekriegt, dass es fast immer um Geld ging. Er wisse außerdem, dass der Angeklagte seiner Noch-Frau Geld gegeben habe. 10.000 Euro, möglicherweise sogar das Doppelte.

"Wahrscheinlich in bar", vermutet der Zeuge. Ob die Frau das für ihr Tattoo-Studio braucht, das in Corona-Zeiten möglicherweise nicht so gut läuft, bleibt offen.

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Ebenso die "Leidenschaft", online mit Geld zu "spielen". Unter einem Konto, dass sich in der Bezeichnung mit dem Vornamen seiner jetzigen Partnerin deckt, sind offenbar ebenfalls größere Summen hin- und hergereicht worden. Woher das Geld für immer wieder andere Fahrzeuge vom Typ Audi stammt, bedarf ebenfalls noch einer tiefgründigen Analyse von Gericht und Staatsanwaltschaft.

Die Anklage lautet auf schweren Bandendiebstahl. Denn die Ermittler gehen davon aus, dass der mutmaßliche Täter Marko S. Komplizen hatte. Doch noch ist der Fall recht undurchsichtig für die Beobachter. Ebenso die Frage, was die Einbrecher ausgerechnet nach Großenhain verschlagen hat. Stichhaltige Spuren führen eher nach Sachsen-Anhalt und vielleicht auch Bayern.

Noch stehen einige Verhandlungstage aus. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lässt sich derzeit lediglich prophezeien, dass Marko S. wohl weiter schweigen wird, immer mit dem undefinierbaren Blick hinter der FFP2-Maske.